Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Vom Zeitgeist eingeholt

Sie geht auf das deutsche Revolutionsjahr 1848 zurück, in dem sie am 3. Juli von dem Unternehmer August Zang gegründet wurde. Für sie haben Größen der politischen und der Geistesgeschichte nicht nur Österreichs geschrieben: Gerda Heinzl, Karl Kraus, Karl Marx und Theodor Herzl, Felix Salten und Hugo von Hofmannsthal. Nach der Trennung von Zang 1864 führten Max Friedländer und Michael Etienne die Neue Freie Presse erfolgreich weiter. Ab 1946 setzte Ernst Molden diese Tradition unter dem Namen Die Presse fort – trotz Behinderung durch Besatzungsmächte und Regierung, die nicht nur die Papierlieferungen als Druckmittel einsetzten. Die Presse warb bis vor kurzem – nicht ganz zu Unrecht – mit dem Werbespruch „Der große Horizont“. Nun scheint die Wiener Tageszeitung Die Presse, bislang neben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Neuen Zürcher Zeitung, wohl die dritte liberal-konservative Qualitätszeitung des deutschen Sprachraums, vor einem folgenschweren journalistischen wie inhaltlichen Kurswechsel zu stehen. Mit der Ablöse des bisherigen, konservativ orientierten Chefredakteurs Andreas Unterberger durch den Eigner, den Styria-Konzern, kommt nicht nur eine neue Journalistengeneration zum Zug, sondern auch die wenig originelle Anpassung an den spätlinken Zeitgeist. Der neue Chefredakteur Michael Fleischhacker war erst vor einem guten Jahr vom dezidiert links stehenden Wiener Standard zur Presse gekommen. In Deutschland wäre ein Wechsel vom Chefsessel der Frankfurter Rundschau zur FAZ wohl undenkbar. Seine journalistischen Sporen allerdings hatte sich der erst 36jährige beim Bundesländerblatt Kleine Zeitung, dem Stammblatt des Styria-Konzerns, verdient. Der in Graz und Klagenfurt beheimatete Styria-Konzern, der vor mehreren Jahren die Anteile der Wirtschaftskammer an der Presse erwarb, gehört wiederum dem Katholischen Presseverein – also eigentlich der Kirche. Der letztentscheidende Eigentümer ist daher der Bischof von Graz-Seckau, Diözesanbischof Egon Kapellari. Dieser prägte bereits vor Jahrzehnten als Studentenseelsorger an der Universität Graz eine ganze Generation von jungen Männern, die in der Folge journalistisch in Österreich eine entscheidende Rolle spielen sollten. Vom Konzernchef Gerhard Krainz bis zum Kurzzeit-Presse-Chefredakteur Michael Maier, der sogar eine Zeitlang die Berliner Zeitung als Chefredakteur leitete und schließlich beim Stern scheiterte, bis zum Chefredakteur des Standard, Gerfried Sperl und nun eben zu Michael Fleischhacker geht die Reihe jener Medienmacher, die durch Kapellaris Schule gegangen sind. Der Bischof, der selbst als eher konservativer, kunstsinniger und hochintellektueller Kirchenfürst gilt, hat damit paradoxerweise die Elite des heutigen linkskatholischen Journalismus in der Alpenrepublik geprägt. Die Presse war noch zu Zeiten von SPÖ-Langzeitbundeskanzler Bruno Kreisky von Otto Schulmeister als Chefredakteur und Herausgeber geprägt, der zu den großen Persönlichkeiten des (deutsch-)national-liberalen Lagers des Landes zählte. Der langjährige Generalintendant des staatlichen Rundfunks und Fernsehens ORF, Gert Bacher, der sich selbst als „heimatlosen Rechten“ bezeichnete, spielte ebenso als Herausgeber eine tragende Rolle. Auch Schulmeisters Nachfolger Thomas Chorherr war eine Edelfeder des konservativen Journalismus. Und der nun scheidende 56jährige Andreas Unterberger hat über nahezu ein Jahrzehnt einen journalistischen Kurs gefahren, der Die Presse zum Wegbereiter und ersten Sprachrohr der „Wenderegierung“ von ÖVP und FPÖ machte. Zwar war Unterberger immer ein entschiedener Gegner von Ex-FPÖ-Chef Jörg Haider, er war aber trotzdem ein Befürworter einer bürgerlichen Zusammenarbeit und wagte bisweilen sogar Verstöße gegen die auch in Österreich alles beherrschende political correctness. Unter ihm wagte Die Presse überraschende Verstöße gegen den linken Tugendterror und gegen das verordnete Geschichtsbild. So ließ Unterberger über mehrere Jahre in den Spalten der Presse auch Gastautoren aus dem freiheitlichen Bereich wie Lothar Höbelt und andere Zur Zeit-Autoren oder zuletzt den freiheitlichen Hoffnungsträger Heinz Christian Strache (FPÖ-Obmann von Wien) zu Wort kommen. Ohne Scheu ließ Unterberger seine Redakteure etwa auch die finanziellen Gesamtleistungen Österreichs in der Wiedergutmachungsfrage gegenüber den Opfern des NS-Regimes auflisten. Alles in allem wohl Todsünden, die ihn nunmehr – spät, aber doch noch – den Sessel des Chefredakteurs gekostet haben dürften. Nun soll das Blatt – so Konzernchef Krainz – eine „neue Anmutung“ bekommen, jugendlich und modern. Bereits im vergangenen Jahr hat Michael Fleischhacker als Chef des Feuilleton ahnen lassen, was auf die Presse-Leser zukommt: Die Creme der „Zeitgeistschreiber“ war schlagartig in der Presse vertreten, wodurch diese vom linken Standard kaum zu unterscheiden war. Das Blatt mußte auch einen „Relaunch“ (eine Umstellung des optischen Erscheinungsbildes) über sich ergehen lassen, der zwar auch dem Zeitgeist-Layout entspricht, das Blatt aber nicht wirklich verbesserte. Das, was nunmehr Krainz als „neue Anmutung“ beschwört, soll offenbar wohl ein verstärkter Einzug des linksliberal gestrickten Magazin-Journalismus in die alte konservative Presse bedeuten. Damit will man nach Willen der Konzernspitze und der neuen Chefredaktion vor allem junge Leser gewinnen. Ob dies gelingt, bleibt abzuwarten. Sicher allerdings wird man wohl einen Teil der alten Leser verlieren, da diese die neue Anmutung als Zumutung empfinden dürften. Andreas Mölzer ist Chefredakteur der österreichischen Wochenzeitung „Zur Zeit“..

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