Conservare Communication „Grüner Mist“ – nein danke! #GrünerMist 2021

 

Vom Verräter zum Eroberer der Herzen

Ein regnerischer Tag in Leipzig. Erst abends wagt sich die spätsommerliche Sonne hervor. Hunderte strömen am Nachmittag in die Nikolai-Kirche. Eine Mitarbeiterin der kirchlichen Arbeitsloseninitiative berichtet beim Friedensgebet von ihrer Arbeit. Draußen bauen sich Dutzende von Kamerateams auf. Alles wartet auf Oskar Lafontaine. Eine Fernsehreporterin macht Interviews mit den wartenden Demonstranten. Ein älterer Mann mit Sonnenbrille antwortet auf ihre Frage, warum er demonstriere: „Warum soll man den Menschen das Geld wegnehmen, wenn Manager Millionen verdienen?“ Die Notwendigkeit der Reformen sieht hier niemand ein. Gegen 18 Uhr läuten die Glocken der Kirche, und es erscheint der Ex-Ministerpräsident, Ex-Finanzminister, Ex-Parteivorsitzende. Zufall oder Regie? Wer weiß. Der Beifall ist lauter als die Buhrufe. Aber auch sie sind nicht zu überhören. Langsam beginnt der Demonstrationszug durch die Leipziger Innenstadt. Bald darauf trifft Lafontaine ein Ei. Daß es ihm so ergehen könnte wie dem Bundeskanzler, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Trotzdem läßt er sich nichts anmerken und marschiert souverän weiter. Die „Schröder muß weg“-Rufe entzücken ihn. Es geht nur im Schneckentempo vorwärts. Das liegt daran, daß die Altstadt immer noch aufwendig saniert wird. Bauzäune prägen das Straßenbild und engen die schmalen Straßen zusätzlich ein. Keiner murrt – Schlange stehen, das kennt man noch von früher. Ein etwa 50jähriger Mann diskutiert mit seinem Begleiter die Sozialreformen. „Wir müssen nur die Ausländer rauswerfen, dann können wir alles bezahlen“, sagt er. Sein Bekannter widerspricht: „Was haben die Ausländer damit zu tun?“ Ein anderer Demonstrant mit einer PDS-Fahne lamentiert: „1990 sind sie alle nur nach der Banane gerannt.“ Unter normalen Umständen könnte ein Fußgänger den Weg von der Nikolai-Kirche zum Augustusplatz in zehn Minuten zurücklegen. Heute dauert es über eine Stunde, bis alle rund 30.000 Demonstranten angekommen sind. Mehr sind es nicht, auch wenn die Veranstalter später von 60.000 Teilnehmern reden. Die Polizei sagt, es seien nur 25.000 gewesen. „Aufhören“ brüllen einige in der Menge Dann treten die Redner an das Podium auf dem oberen Treppenabsatz der Oper. „Der soll nach Hause gehen“ und „Aufhören“, brüllen viele in der Menge, als Lafontaine dort auftaucht. Noch mehr aber klatschen. Besonders laut brüllt ein Mann hinter mir: „Der hat den Osten verraten, der ist doch der letzte“, ruft er. Und sofort sind eine MDR-Radioreporterin und ich bei ihm. „Der wollte uns 1990 die D-Mark nicht geben“, sagt Peter Olbrich empört. Der 44jährige redet von Lafontaine als „Honecker II“ (der war auch Saarländer). „Und mein Name schreibt sich mit O statt U und hinten ohne T. Ich will nichts mit dem Verbrecher zu tun haben“, sagt er in Hinblick auf Walter Ulbricht. Als erste Rednerin spricht Anja Pöhm. Sie arbeitet bei der Telekom-Auffanggesellschaft Vivento. Die etwa 20jährige kann zwar keine Erinnerungen mehr an die DDR haben, aber sie redet wie FDJ-Funktionärin. Pöhm fordert eine Ausbildungsplatzabgabe. Lafontaine macht ein ernstes Gesicht. Als nächste spricht Regine Richter, eine Friseuse, die im Niedriglohnsektor arbeitet, wie sie selbst sagt. Sie begrüßt die Teilnehmer als „arbeitsunwillige und von Populisten aufgehetzte Mitbürger“. Ein Lachen geht durch die Reihen. „Statt der Diktatur des Politbüros haben jetzt die Diktatur des Geldes“, sagt sie am Schluß ihrer Rede. Die Menge tobt. „Wir sind das Volk“, skandieren Tausende. Dann spricht der Ex-Bürgerrechtler und Organisator des Aktionsbündnis Soziale Gerechtigkeit Thomas Rudolph. Er hat Lafontaine nach Leipzig geholt. „Der Mensch ist mehr als nur ein Kostenfaktor bei Siemens“, sagt Rudolph. Auf ihn folgt ein Erwerbsloser und schließlich der Vorsitzende des Arbeitslosenverbandes. Der hat eine simple Lösung parat: „Verschickt Fragebögen an die Großverdiener, dann ist genug Geld da.“ Lafontaine macht ein ernstes Gesicht. „Leipzig steht für Freiheit und Demokratie“ Dann endlich kommt sein großer Moment. Sofort bringt er die Buhrufer zum Schweigen. „Es ist eine Ehre für mich, in Leipzig sprechen zu dürfen, denn Leipzig steht für Freiheit und Demokratie!“ ruft Lafontaine in die Menge. 1990 hatte sich das noch ganz anders angehört. Damals soll der SPD-Kanzlerkandidat zu Willy Brandt gesagt haben, er, Lafontaine, wisse nicht, wo Leipzig und Rostock liegen, und er wolle es auch nicht wissen; er kenne Mailand und Paris, und diese Städte seien ihm nun einmal nahe. Doch Lafontaine erobert im Nu die Herzen der Leipziger. Eigenverantwortung sei Egoismus, behauptet er. Über die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts sagt er unter dem Jubel der Demonstranten: „Ich kann diese Forderungen nicht mehr hören.“ Überhaupt das Wort Arbeitsmarkt: „Menschen und Märkte vertragen sich nicht“, argumentiert Lafontaine. Der Ansatz, Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenzulegen, sei grundfalsch, sagt er. Auch das hat sich vor sechs Jahren noch ganz anders bei ihm angehört. 1998 sagte Lafontaine: „Ich lade die Partei und die Gewerkschaften ein, darüber nachzudenken, ob wir nicht bei der Arbeitslosenversicherung Korrekturbedarf haben, ob nicht auch hier eher der Fall gegeben ist, nach dem Sozialstaatsprinzip vorzugehen statt nach dem Prinzip der Versicherungsleistung, da erstens nicht alle solche Leistungen in Anspruch nehmen und da zweitens die Bedürftigkeitsfrage immer dann aufgeworfen wird, wenn Mißbrauch in der Form getrieben wird, daß ein hochvermögender Unternehmer oder Selbständiger etwa den Partner beschäftigt, ihm dann kündigt und dann in hohem Umfang Leistungen der Arbeitslosenversicherung in Anspruch genommen werden.“ Leipzigs SPD-Bürgermeister Wolfgang Tiefensee wird später sagen: „Oskar Lafontaine hat in Leipzig nichts zu suchen. Es ist nicht richtig, daß der Saar-Napoleon von seinem selbstgewählten Exil auf Elba hierher kommt, um politisches Kapital aus den Demonstrationen zu schlagen.“ Und auch sonst reagierten die meisten Genossen eher gelassen auf seine wortgewaltigen Attacken gegen die Agenda 2010. Trotzdem ist es Lafontaine an diesem Montag kurzzeitig gelungen, die Demonstranten auf seine Seite zu ziehen. Für die meisten von ihnen ist er im Gegensatz zu Wolfgang Clement der „Superminister der Herzen“. Als Lafontaine fertig ist, hat die Dämmerung längst eingesetzt. Die Demonstration löst sich zügig auf. Es hat wieder zu regnen begonnen. Foto: Oskar Lafontaine in Leipzig: „Schröder muß weg“-Rufe entzücken ihn, aber er läßt sich nichts anmerken

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