Joachim Kuhs

 

Orientierungslos im Nebel

Wenn eine abgehobene Führungskaste ihrem Volk nichts mehr zu sagen hat, ändert sie die Sprache. Das tut sie dann dergestalt, daß diese beliebig auslegbar wird. Dann kann man sich nämlich nicht nur selber aus allem herausreden, man kann auch jedem Mißliebigen in den Mund legen und unterstellen, was man will, die beliebteste Methode aller Despoten. Das hatte auch die SED schon Anfang der fünfziger Jahre vor, weil sich einerseits ein Großteil ihres ungebildeten Führungspersonals, das nach der Machtergreifung in hohe Positionen aufgestiegen war, vor seinen Mitarbeitern durch hanebüchene Schreibfehler blamierte und andererseits die kommunistische Ideologie zur Staatsdoktrin diktiert und deshalb die deutsche Schriftsprache radikal vereinfacht und neu definiert werden sollte. Der damalige SED-Chefideologe Fred Oelßner hatte Anfang der fünfziger Jahre eine Gruppe von Sprachexperten zusammengezogen, um ihnen den Plan einzutrichtern. Hauptziel war die generelle Kleinschreibung. Angepaßt und feige, wie die meisten Funktionäre schon damals waren, redeten sie ihrem Boß nach dem Munde. Da hielt ein älterer Verlagslektor einen Zettel mit dem handgeschriebenen Satz hoch: „in moskau habe ich liebe genossen“ und fragte, wie man denn in Zukunft diesen Satz auszulegen habe. Genosse Oelßner stutzte, war einige Sekunden sprachlos und beendete die Sitzung mit der Bemerkung, daß dies eine erste Anregung gewesen sei, man über die Sache noch einmal nachdenken und ein neues Treffen anberaumen werde. Dazu ist es nie gekommen. Im vereinten Deutschland dürften solch schnelle Entscheidungen wohl auszuschließen sein, weshalb uns der halsstarrige Krieg um die Rechtschreibreform wohl noch einige Zeit beschäftigen und am Ende einen faulen Kompromiß hervorbringen wird. Zu faulen Kompromissen wird es allem Anschein nach auch bei der Reform der „Reform“ von „Hartz IV“ kommen. Noch tüfteln die ausführenden Beamten in den Ämtern daran, wie sie den bürokratischen Wust der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe bewältigen sollen. Da kommen aus der Opposition die Bedenken, wie „sozial ausgewogen“ das denn zugehen werde. Das hätten sie fragen sollen, als sie den „Kompromiß“ mit der Re-gierung ausgekungelt hatten. Nun weitet sich das gar zu neuen Rivalitäten zwischen CDU und CSU und insbesondere zwischen Merkel und Stoiber aus. Ergebnis: Nach monatelanger Stagnation der Union bei Umfragewerten um die 45 Prozent verzeichnete sie nun erstmals sogar Rückgänge wie die SPD seit zwei Jahren. Wenn die Regierungspartei SPD inzwischen bei unter 25 Prozent dahindümpelt und die Union jetzt an die 40-Prozent-Marke herunter-rutscht, droht auch sie dahin zu geraten, wo sie hingehört und wo die SPD schon ist: an die Marke der Regierungsunfähigkeit. Und wenn nun Edmund Stoiber zu der Meinung gekommen ist, Merkel und Westerwelle könnten Schröder und Fischer nicht das Wasser reichen, darf man wohl fragen, wie er denn die beiden aus dem Boot werfen will? Mit sybillinischen Sprüchen und halbgaren Rezepten wie im ZDF-Sommerinterview vom vergangenen Sonntag dürfte er jedenfalls kaum einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. So gesehen hatte das Interview die Aussagekraft des Ortes, an dem es aufgenommen wurde: einem Münchner Biergarten – ein sommerliches Stammtischgerede eben.

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