Hauptsache, das Erdöl fließt weiter

Am 15. August stimmten in Venezuela per Referendum 58 Prozent gegen die Abwahl von Präsident Hugo Rafael Chávez Frías. Auch wenn die Opposition lautstark das Resultat in Frage stellt, Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Zahlen scheinen kaum angebracht. Wohlweislich war man darauf bedacht, internationale Beobachter hinzuzuziehen. Angesichts eines Millionenheeres von Venezolanern, das ein kärgliches Dasein fristet, könnte man sogar meinen, die Zahlen seien eher zugunsten der Opposition geschönt worden. Denn das Abstimmungsergebnis spiegelt nicht im entferntesten die Relation von reicher zu armer Bevölkerung wider. Für die Mehrheit der kleinen Leute (gente común y corriente) ist Chávez qué macho – ein ganzer Kerl. Während die Opposition Chávez der Manipulation des Wahlergebnisses bezichtigt, schließt das von Ex-US-Präsident Jimmy Carter unterstützte Carter-Center lediglich marginale Abweichungen nicht ganz aus. Sollte es dennoch zu Unregelmäßigkeiten größeren Ausmaßes gekommen sein, dürften diese kaum einer Partei allein anzulasten sein. Keines der gegnerischen Lager wird sich lange geziert haben, sollten ihm von „Großhändlern“ eingesammelte votos angedient worden sein. Parteigranden von der Acción Democrática und Copei bezichtigen das Chávez-Regime sicher nicht grundlos der Korruption. Allerdings war diese auch bei den abwechselnd von Adecos (sozialdemokratisch) und Copeianos (konservativ) gestellten Regierungen an der Tagesordnung. Beide Parteien verstanden es prächtig, sich gegenseitig die Bälle zuzuspielen. Ein Blick über die Westgrenze nach Kolumbien zeigte ihnen, daß es funktioniert. Ende der fünfziger Jahre schlossen sich dort der Partido Liberal (sozialdemokratisch) mit dem Partido Conservador zusammen, begründeten die Frente Nacional (Nationale Front) und teilten Macht und Einfluß unter sich auf. Chávez‘ Rede aus dem Palacio Miraflores nach dem Referendum deutet darauf hin, wie sehr ihm daran gelegen ist, als legitimer Präsident von der Weltöffentlichkeit anerkannt zu werden. Im eigenen Land kann er sich der Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten sicher sein. Überzeugend spielt der Sohn eines Dorfschullehrers die Rolle des „Anwaltes der Armen“. Und auch hier bestehen Parallelen zum ansonsten ungleichen Nachbarn Kolumbien. Dort gewann vor einem Jahrzehnt mit Ernesto Samper ein bürgernaher Präsident die Wahlen mit dem Slogan: el tiempo de la gente (die Zeit der Menschen). Krasse soziale Unausgewogenheiten bei Venezuelas wichtigem Handelspartner, wenn auch wenig geliebtem Nachbarn Kolumbien schüren dort über ein halbes Jahrhundert einen zunehmend gewalterfüllten Konflikt. Aber außerhalb Lateinamerikas rückt erst jetzt so recht ins Bewußtsein, daß die soziale Schieflage in Venezuela ähnlich dramatische Züge annimmt, wenn nicht sogar noch gravierendere. Außenpolitisch wagt der 50jährige Chávez einen mehr als eigenwilligen, quasi revolutionären Kurs und betritt damit unsicheres Terrain. Die offen betriebene „Entente Cordiale“ mit Kubas Staatschef Fidel Castro ist der eine Schritt zu weit und der Weltöffentlichkeit schwerlich zu vermitteln. Jüngste staatliche Übergriffe nähren lange gehegte Befürchtungen, das „kubanische Modell“ diene Venezuelas Caudillo als nachahmenswertes Beispiel. Chávez wiederum sieht sich lieber im Gleichschritt mit seinem großen Vorbild – dem 1753 in Caracas geborenen „Befreier“ (Libertador) Simón Bolívar. Die Verschiebung der Akzente in der venezolanischen Außenpolitik rief umgehend die USA auf den Plan, die ihren Unmut über den eingeschlagenen Kurs unmißverständlich zu verstehen gaben. Dennoch fand sich die US-Administration unter George W. Bush nolens volens mit dem Presidente populucho als notwendiges Übel ab. Bei aller Abneigung steht Chávez heute als Garant für die Erfüllung der Erdöllieferungen – die Venezuela im Gegenzug Milliardeneinnahmen sichern. Das 23-Millionen-Einwohner-Land ist fünftgrößter Erdölexporteur der Welt. Und nur so ist der wohl einmalige Vorgang in der Geschichte Lateinamerikas zu interpretieren, daß 2002 ein überstürzt aus dem Amt geputschter Regierungschef, zunächst inhaftiert, unter den Augen der USA binnen einer halben Woche ins Präsidentenpalais zurückkehrt. Aber ist die internationale Staatengemeinschaft gut beraten, Chávez die kalte Schulter zu zeigen? Und welcher Latino wäre nicht versucht, die Solidaritätsadresse von der Zuckerinsel zu goutieren? Auf der internationalen Bühne kann niemand ernsthaft Einwände erheben gegen die vom kommunistischen Kuba praktizierte humanitäre Hilfe: die Entsendung Tausender kubanischer Ärzte. Der kubanische Médico spricht nicht nur die gleiche Sprache wie sein venezolanischer Paciente. Beide sind zuvorderst Latinos und bewegen sich damit auf ein und derselben emotionalen Schiene. Chávez weiß um die Lebensumstände der ärmlichen Bevölkerung und deren Unwillen, an Bildungsinitiativen teilzunehmen. Eingedenk dessen und organisatorischer Defizite im eigenen Land greift er nun bei der Alphabetisierungskampagne auf kubanische Hilfe und Erfahrung zurück. Staatliche finanzielle Unterstützung wird nur denjenigen Venezolanern zuteil, die zum Unterricht erscheinen. Mit dieser Maßnahme zeigt Chávez auch, wie gut er die idiosincrasia des Volkes versteht. Auf eine deutsche Formel gebracht: Fördern und fordern. Für alle am Konflikt Beteiligten mag es eine glückliche Fügung sein, daß mit dem kolumbianischen Ex-Präsidenten César Gaviria seit knapp einem Jahrzehnt ein agiler Politiker der Organisation amerikanischer Staaten (OEA) als Generalsekretär zur Verfügung steht. Er ist bereits der zweite Kolumbianer in der OEA-Geschichte, der die Geschicke des supranationalen Staatenbundes entscheidend mitgestaltet. Der Sitz der OEA in Washington liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Weißen Haus. Gaviria diente zwischen 1990 und 1994 seinem Land in einer extrem schwierigen Epoche und hat dabei seine unbestrittene Habilidad (Geschicklichkeit) mehrfach unter Beweis gestellt: ein moderat auftretender und konzilianter Vertreter einer neuen Generation lateinamerikanischer Líder, der die Kunst der leisen Töne perfekt beherrscht. Und was sollen die Europäer von Hugo Chávez halten? Ein Obrist, der nach mehreren Putschversuchen letztlich legal an die Macht kam? Ein linkslastiger Populist, der sich selbst eher in der Nachfolge des früheren argentinischen Machthabers Juán Domingo Perón begreift und auch so inszeniert, indem er soziale Wohltaten verteilt? Oder ein gewiefter Taktiker, der um seine quasi omnipotente Machtfülle als Konsequenz venezolanischer Erdölvorkommen nur zu genau weiß und sich darum für unverzichtbar hält? Der zu legendärer Berühmtheit gelangte, inzwischen verstorbene mehrmalige costarricanische Präsident José Figueres (Don Pepe) hätte darauf folgende Antwort parat: „Es kommt immer darauf an, auf welcher Seite der Vitrine der geneigte Betrachter steht.“ Foto: Präsident Chávez: Volkstribun

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