Erkenntnis

Namhafte Vertreter der intellektuellen und politischen Linken äußern in zunehmendem Maße Ansichten, die noch vor wenigen Jahren als „stockkonservativ“, wenn nicht gar als rechtsradikal be- und verurteilt wurden. Sie tragen damit zu weiteren Irritationen in unserer öffentlichen Meinung bei. Derartiger Gesinnungswandel ist allerdings nicht außergewöhnlich, sondern in allen Epochen der Geschichte nachzuweisen. Er erklärt sich unter anderem aus der sogenannten „kognitiven Dissonanz“, d. h. aus der Erfahrung eines Widerspruches zwischen Erwartung und Erfüllung, und der Erkenntnis des Unvermögens der Ideologen, auf die harten Herausforderungen der Wirklichkeit verantwortungsbewußt und überzeugend zu reagieren. Das vielzitierte Schlagwort von der „Anerkennung der Realitäten“ galt immer nur für die anderen und nie für das eigene Verhalten. Nun kann man mit derartigen Schlagworten zwar an die Macht und in wichtige Stellungen des Staates und der Gesellschaft gelangen, man kann sie damit auf Dauer aber nicht behaupten. Diese Erkenntnis, gelegentlich ist sogar die Rede von „Erkenntnis-Schocks“, bewirkt bei den Betroffenen zwei gegensätzliche Reaktionen: Einerseits eine unbeirrte Fixierung auf die bisher verfolgten Ziele, die nun auf anderen Wegen angestrebt werden; andererseits die Einsicht in die Irrtümer der falschen Wege zu falschen Zielen und damit die Bereitschaft zu einer radikalen Neuorientierung. Es ist sehr schwer, eine zuverlässige Unterscheidung zu treffen, wann in einem konkreten Falle lediglich eine taktische bedingte äußeren Wende und wann ein wirklicher innerer Wandel anzunehmen ist. Beides ist möglich. Dies um so mehr, als bei vielen Ideologiegeschädigten die Bereitschaft zur Abkehr vom bisherigen Irrweg unbestritten ist. Gründliche Diagnosen sind bekanntlich die unabdingbare Voraussetzung für jede erfolgversprechende Therapie, nicht nur in der Medizin, sondern auch in Gesellschaft und Politik. Dabei würde deutlich werden, daß die jetzt beklagten Verhaltensweisen vieler Menschen, zum Beispiel die vom Bundeskanzler kritisierte „Mitnahmementalität“, das folgerichtige Ergebnis sogenannter emanzipatorischer Erziehung und Bildung ist. Deshalb kommt es nicht allein auf die Bereitstellung immer neuer Finanzmittel an, sondern auf einen Mentalitätswechsel, vor allem in der Erziehung unserer Jugend. Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste in Berlin.

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