LMV Diagnose PANikDEMIE

 

„Zum Abschuß frei“

Treue um Treue“ hieß das Motto der Soldaten, und weil 20.000 von ihnen aus dem Feld nicht mehr heimkehrten, brachten es die Überlebenden im Jahre 1971 auf einem Gedenkstein für ihre gefallenen Kameraden an – direkt über den Worten „Die Toten der Kriege mahnen die Welt zum Frieden“. Frieden scheint aber in der kleinen Taunusgemeinde Marienfels nicht jedermanns Sache zu sein. Ende September vergingen sich Unbekannte an dem Gedenkstein: Vermutlich mit nur wenigen Handgriffen schlugen sie den ersten Buchstaben des Soldaten-Mottos ab: „Reue um Treue“ steht nun dort zu lesen, die Täter sind offenbar ebenso intelligent wie boshaft. Der Streit um den Stein war vier Wochen zuvor eskaliert (JF berichtete mehrfach): Stadtrat und Bürgermeister der 370-Seelen-Gemeinde hatten zum 1. September den Abbruch beschlossen, sie befürchten den Auftritt von Rechtsextremisten am Gedenkstein. Der Stifter des Steins, der Kameradschaftsverband des 1. Panzerkorps der ehemaligen Waffen-SS e.V., will jedoch die Auslöschung der letzten Erinnerungsstätte in Deutschland an ihre 20.000 Kameraden um keinen Preis zulassen. Die Polizei ermittelt nun wegen Sachbeschädigung „gegen unbekannt“, doch den Veteranen ist klar, daß wohl niemand je zur Verantwortung gezogen werden wird – genausowenig wie damals Anfang und Mitte der neunziger Jahre, als das Ehrenmal zunächst mit blauer Farbe, schließlich mit dem orangroten Schriftzug „Mörder“ beschmiert worden war. Über den Stand der Ermittlungen will die Polizeidienststelle St. Goarshausen gegenüber der JUNGEN FREIHEIT keine Auskunft geben, das sei bei laufendem Verfahren nicht üblich. Die Verbandsgemeindeverwaltung Nastätten, zu der Marienfels gehört, spielt den Fall herunter, von einer „Schändung“ möchte man dort auf Nachfrage nicht sprechen, da sich das Denkmal seit dem 1. September schließlich „ohne Rechtsgrundlage“ auf dem Friedhof befinde. Auslegungssache – denn Friedhofschändung bedeutet allein eine „Störung der Totenruhe“, sprich des umfriedeten Bezirks, den ein Friedhof darstellt. Freilich, juristisch kann eine solche Schändung nur ein Richter feststellen. In Nastätten scheint man sich aus Desinteresse für die Interpretation „einfache Sachbeschädigung“ entschieden zu haben. Auch die lokale Rhein-Lahn-Zeitung zeigt sich unaufgeregt, auf Anfrage wird beschieden, man habe leider „versäumt“, über die Schändung zu berichten. Friedhofspfarrer Martin Moos, bereits durch fragwürdige Kommentare zu dem Stein aufgefallen („alles vergeht“), ist derzeit im Urlaub. Immerhin äußert Bürgermeister Axel Harlos, sonst ein erbitterter Gegner des Denkmals, gegenüber der JUNGEN FREIHEIT bedauernde Worte: „Egal, wie man zu dem Ehrenmal steht, solch eine Sachbeschädigung ist zu verurteilen.“ Patrick Agte, Geschäftsführer des Veteranenverbandes, zeigt sich über solche Worte erst recht erbost: „Dieser Übergriff kommt doch nicht von ungefähr, das ist die Frucht dessen, was Herr Harlos mit seiner Kampagne gegen das Ehrenmal gesät hat.“ Freilich hat auch Agte selbst in dem Streit die Öffentlichkeit gesucht. Claus Cordsen, Vorsitzender des Veteranenverbandes und anders als Agte ehemaliger Kriegsteilnehmer, schweigt zum Streit um die Schändung. Der 83jährige fühlt sich hilflos. Es ginge den Tätern nicht nur darum, „uns alte Soldaten zu verhöhnen“, sondern auch darum, ihnen ihre gesellschaftliche Wehrlosigkeit vor Augen zu führen, zu zeigen, daß „wir moralisch zum Abschuß freigegeben sind“. Ihre Kriegsziele haben die Friedensfreunde von Marienfels alle erreicht. Moritz Schwarz Foto: Motto auf dem geschändeten Gefallenenehrenmal Marienfels, links die Stelle des abgeschlagenen T: Friedensfreunde greifen an

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