Zu deutsch für die Deutschen

Der verdient eine Tapferkeitsmedaille“, so reagierte ein offensichtlich begeisterter Zuhörer auf die immer wieder von starkem Beifall unterbrochene Rede eines prominenten Repräsentanten der heimatvertriebenen Oberschlesier, Bruno Kosak. Dem stämmigen und wortgewaltigen Fraktionsvorsitzenden der Deutschen im Sejmik von Oppeln gehörte nach der Eröffnungsansprache von Michael Pietsch bei der Großkundgebung des Deutschlandtreffens der Schlesier am Sonntag, dem 13. Juli, in der Nürnberger Frankenhalle sozusagen das „erste Wort“ unter den Festrednern. Kosak redete ohne jede Umschweife Klartext. Der Parlamentarier sprach von bisher nur „kleinen Erfolgen“ bei der Selbstbehauptung der Deutschen in Schlesien. Anhaltende Unterstützung erbittend, betonte Kosak, er meine damit aber nicht nur Geld: „Viel wichtiger als Geld ist für uns die moralische Unterstützung von deutscher Seite.“ Offensichtlich die rot-grüne Bundesregierung in Berlin ansprechend, registrierte Kosak Unverständnis und zunehmende Kritik in den Reihen der nach 1945 im deutschen Osten zurückgebliebenen Landsleute: „Und kommt es zu einem Treffen mit einem Spitzenpolitiker, so ist meist nur Zeit für einen kurzen Handschlag. Ich weiß nicht, warum wir gemieden werden. Vielleicht betrachtet man uns als Störfaktor in den deutsch-polnischen Beziehungen. Das sind wir nicht! Im Gegenteil!“ Ein lebhaftes Raunen ging durch die bei Beginn der Großkundgebung dicht besetzte Frankenhalle, als der Oppelner Abgeordnete – erneut „Bravo-Rufe“ und Applaus erntend – ironisch anmerkte: „Vielleicht sind wir aber einfach zu deutsch für die Deutschen – vielleicht! Vielleicht sind es aber die Deutschen, die zu wenig deutsch sind.“ Herausgestellt wurde von dem Sprecher der Schlesier, daß mit dem Beitritt Polens zur EU viele Hoffnungen der Schlesier auf positive Fortschritte verbunden seien: „Nirgendwo wurde mit so großer Zustimmung für den EU-Beitritt plädiert wie in unserem Schlesien“. Sein Treuebekenntnis schloß Kosak mit dem Ausdruck besonderer Freude darüber, daß im Westen und in der Heimat „das schlesische Herz weiter schlägt“. „Wir leben nicht mehr in einem Schweigeghetto“ Die Leitung der Kundgebung hatte der junge Präsident der Bundesdelegiertenversammlung – Schlesische Landesvertretung, Michael Pietsch. Mit Nachdruck forderte Pietsch „Recht und Gerechtigkeit für unseren Volksstamm“. Von einer „eindringlich großen Demonstration der Heimatliebe“ sprach die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, im Blick auf die schätzungsweise über 80.000 Teilnehmer des Deutschlandtreffens. Bedauern äußerte sie darüber, daß Polen leider wie drei andere Länder die Kriterien für den EU-Beitritt nicht erfüllt habe. Klimaveränderungen zugunsten der Vertriebenen dürften nicht übersehen werden: „Wir leben nicht mehr in einem Schweigeghetto“. Der Bundestagsabgeordnete Merz (Jahrgang 1955) bekannte als Hauptfestredner sich unter großem Beifall zu den Wurzeln seiner Familie aus Breslau. Sein mit ihm zum Deutschlandtreffen gekommener Vater Joachim Merz stamme aus Wriezen/Oder und sei in Breslau aufgewachsen. Für ihn, Friedrich Merz, komme große Freude auf, zu spüren, „welch große innere Kraft die Landsmannschaft Schlesien auszeichnet“. Die Vertreibung bleibe ein schweres Unrecht, das sich weder historisch noch völkerrechtlich jemals rechtfertigen lasse. Die Vertreibungsdekrete seien abzuschaffen und für nichtig zu erklären. Darüber hinaus mahnte Merz deutsche Ortsschilder an. Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, Rudi Pawelka, klagte die rot-grüne Bundesregierung an, die größte Massenvertreibung des 20. Jahrhunderts mit großem Schweigen oder gar mit weiteren Selbstanklagen übergehen zu wollen. „Was in anderen Staaten normal wäre, nämlich die Interessen der eigenen Bürger zu vertreten, unterliegt bei uns einem Tabu, das seine Quelle in einem übermächtigen Schuldbewußtsein und einem Hang zur Wiedergutmachung findet“, so Pawelka. Den Vertreiberstaaten der warf Pawelka unter anderem Verfälschungen vor. Das Deutschlandtreffen der Schlesier war gekennzeichnet durch zahlreiche Sonderveranstaltungen, Gottesdienste, kulturelle Akzente, Mitarbeitertagungen, Auftritte von Trachtengruppen und unter anderem durch die aus Oberschlesien angereiste Jugendkapelle Bodland unter Stabsführung von Alois Benk.

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