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Vilnius-Staaten im Katzenjammer Carl Gustaf Ströhm

Vor einigen Tagen erlebte Estlands Ministerpräsident Siim Kallas eine nicht alltägliche Überraschung. Mitten in den anschwellenden Konflikt um eine militärische oder friedliche Lösung des Irak-Problems, läutete im fernen Tallinn/Reval des Telefon – und es meldete sich kein Geringerer als US-Präsident George W. Bush. Fünf Minuten Zeit habe sich der Chef der einzigen Supermacht genommen, um dem Regierungschef eines der kleinsten (1,5 Millionen Einwohner) und exponiertesten Nato-Kandidaten die amerikanische Politik zu erklären und sich für Estlands positiven Beitrag zu bedanken. Dieses transatlantische Telefonat, so meinten estnische Regierungskreise, sei für die kleine baltische Republik Gold wert: Stelle sie doch zumindest eine indirekte Garantie dar, daß das große Amerika die Esten nicht im Stich lassen werde, wenn sie wieder einmal vom großen russischen Bären aus dem Osten bedroht werden sollten. Zur gleichen Zeit erklärte die Präsidentin Lettlands – der Nachbarrepublik -, Vaira Vike Freiberga, die uneingeschränkte Unterstützung ihres Landes für das US-Vorgehen gegen den Irak – auch dann, wenn dies zu Spannungen zwischen Lettland und den EU-Staaten Frankreich und Deutschland führen werde. Inzwischen heißt es, die Unterstüzungsdeklaration der zehn Vilnius-Staaten für die USA sei in der lettischen Hauptstadt Riga verfaßt worden – wobei manchmal sogar behauptet wird, der Text stamme direkt aus Washington. Bemerkenswert ist, daß bei einigen der Vilnius-Staaten inzwischen ein gewisser Katzenjammer Platz eingetreten ist. Bezeichnend dafür ist Slowenien – der Einwohnerzahl nach nicht viel größer als Estland. Viele Slowenen fragen sich, ob ihr Land überhaupt in eine so „östliche“ Gesellschaft hineingehöre, wie sie die Vilnius-Gruppe nun einmal darstellt. In der führenden slowenischen Tageszeitung Delo war dieser Tage zu lesen, die „Fragmatisierung“ Europas diene lediglich amerikanischen Interessen. Die Europäische Union sei heute bereits eine „geopolitische und geostrategische Phantasterei“. Denn auf der einen Seite stünden Großbritannien und Italien, die in der EU lediglich eine Wirtschaftsunion sähen, auf der entgegengesetzten Frankreich und Deutschland, die ganz andere Ziele hätten. Dazwischen stünden die kleineren europäischen Staaten, die einer europäischen „Übermacht“ feindlich gegenüberstünden und die daher weitaus eher bereit seien, die Übermacht eines „neutralen Dritten“, wie es die USA sind, zu akzeptieren. Das slowenische Blatt wörtlich: „Im Hintergrund befindet sich der farblose Rest: das Baltikum ist so weitgehend den USA verschrieben, daß es deswegen nicht beachtet wird. Rumänien und Bulgarien liegen zu sehr am Rande Europas, um nicht den Amerikanern willfährig zu sein.“ Der Balkan quäle sich mit dem Dilemma seines europäischen Wesens herum – und stelle sich deshalb auf die Seite der USA. Dann folgt ein Satz über die Vilnius-Gruppe: „Das ehemalige Jugoslawien war niemals in solchem Maße ein Satellit der einstigen Sowjetunion, daß es die Unterordnung unter die SU durch eine Unterordnung unter die USA ersetzen mußte“. Und der prominente slowenische Autor Vlada Mihaljak erinnert daran, daß Rumsfelds „neues Europa“ „auf dem Müllhaufen der Geschichte emporkeimte“ – weil der Begriff erstmals 1942 von Goebbels benutzt wurde. Blicke man auf die Liste der Vilnius-Unterzeichner, dann sei das die „zweite Liga“ des neuen Europa. Und der Autor läßt keinen Zweifel, daß das westliche Slowenien in diese Gruppe gar nicht hineingehöre.

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