Pankraz, Cary Grant und der neue Radikalrealismus

In Frankfurt am Main ist zur Zeit auf öffentlichen Plätzen in voller Lebensgröße der Penis des verstorbenen Filmschauspielers und Hollywoodstars Cary Grant zu bewundern. Es ist die Reproduktion eines Gemäldes von Kurt Kauper; die Frankfurter Kunsthalle Schirn wirbt damit für den Besuch einer Ausstellung mit Namen "Lieber Maler, male mir …", wo der Verlautbarung nach "radikaler Realismus" gezeigt wird.

Kaupers Bild ist eine abgemalte Illustrierten-Fotografie von Cary Grant, auf der er, jeder Zoll ein Gentleman, in lässiger Haltung und in Badehose am Marmorsims seines häuslichen Kamins lehnt. Der "radikale Realismus" des Künstlers besteht nun darin, daß er dem Schauspieler die Badehose ausgezogen und ihm ein fulminantes Gemächte appliziert hat. Realistisch im eigentlichen Sinne ist das gerade nicht, denn Kaupers Penis ist reine Erfindung, reine Phantasie ("so könnte er ausgesehen haben"). Grant, Inbegriff der Eleganz und der Dezenz, hätte sich nie in solcher Aufmachung fotografieren oder gar malen lassen.

Was wollte uns der Künstler mit seinem Werk sagen? Ist sein Anliegen gesellschaftskritisch? Psycho-analytisch? Virtuell-imaginistisch? Im Katalog der Ausstellung wird energisch darauf hingewiesen, daß der neue Radikalrealismus in der modernen Malerei "selbstreferentiell" sei, gelehrt, anspielerisch, ironisch verschachtelt. Man soll über die Bilder nachdenken, ihnen auf die Schliche kommen. Was steckt also dahinter, wenn ein Maler, dessen Hervorbringungen im New Yorker Kunsthandel Hunderttausende einbringen, einen bekannten, für seine Eleganz und Vornehmheit berühmten Schauspieler in voller Nacktheit zeigt, mit dem Penis als Mittelpunkt und prononciert herausgestelltem Blickfang?

Ach Gott, schnell merkt man: Es steckt überhaupt nichts dahinter. Das Kauper-Bild hat nicht mehr Erkenntniswert und ästhetischen Effekt als jene Paparazzi-Fotos, wie sie immer mal wieder in der Boulevardpresse erscheinen und wo eine bekannte "Figur der Zeitgeschichte" ebenfalls ohne Badehose oder sonstwie hüllenlos erscheint. Man will etwas, was jeder auf Anhieb bekichern kann, mehr ist nicht.

Der Unterschied zwischen den Paparazzi-Fotos und den Gemälden des neuen Radikalrealismus besteht darin, daß die ersteren mehr Aufwand erfordern. Der Paparazzo muß in der Regel lange auf Anstand liegen, nimmt auch manches Risiko auf sich, Privat-Sheriffs und Rechtsanwälte jagen ihn. Der künstlerische Radikalrealist operiert bequem und völlig risikolos. Er malt gegebenenfalls hinzu, was die Fotovorlage nicht von sich aus liefert. Und er braucht sich technisch nicht unbedingt Mühe zu geben.

Manche der in der Kunsthalle Schirn gezeigten Radikalrealisten, so der neuerdings postum so sehr gefeierte Martin Kippenberger, haben kein einziges Mal auch nur einen Pinsel angefaßt. Sie gaben irgendwelche Alltagsfotos, belanglose Straßenszenen zumeist, an einen Plakatmaler, und der verfertigte dann nach diesen Vorlagen die Gemälde, meistens in riesenhaftem Format. Kippenbergers Plakatmaler wird in Frankfurt nicht einmal beim Namen genannt, aller Ruhm geht exklusiv auf Kippenberger.

Aber auch bei denen, die immerhin noch zum Pinsel griffen, waltet in Hinblick auf Feinheit und Sorgfalt der Ausführung überwiegend Sorglosigkeit. Es ist also nicht so, daß die Pointe des neuen Radikalrealismus – was man vielleicht hätte erhoffen dürfen – in malerischer Delikatesse und technischer Raffinesse bestünde, ganz im Gegenteil. Für die vom Katalog behauptete Klasse der Produkte stehen ausschließlich ihre gewaltigen Abmessungen ein. Es ist alles Meterware, Quantität schlägt Qualität.

Pankraz mußte bei der Be-sichtigung an die sarkastischen Beobachtungen denken, die der große Zeichner Horst Janssen einst seinem Freund und Briefpartner Johannes Gross anvertraut hatte (siehe Horst Janssen, "Johannes", Merlin Verlag, Hamburg 1989). Janssen hatte es damals mit Anselm Kiefer, dessen Stern bei den New Yorker Galeristen gerade aufging. Zitat:

Neuest haben sich die amerikanischen Juden in einen Deutschen verkuckt: Anselm Kiefer. Meine Kunstgeschichts-Notiz dazu: Man nehme das durchaus kitschige Reiß- und Kratz-Lineament des Bernard Buffet der fünfziger Jahre und lege solches in die reliefdicken Ölgründe des späten Dubuffet. Das ganze quasi eine hochgestellte Fläche, monoton, und oben n’kleiner Streifen ‚Horizont‘. Uralte Neuheit. ABER – das ganze nie unter 5 mal 4 Meter! Und in irgendwelche relativ hellen Streifen schreibt der Schlaumeier Kiefer rein, in Kinderschrift: Leibniz, Hegel, Hitler. Und wenn er sein Lexikon durch hat, macht er auch schon mal n‘ paar Hakenkreuze rein. Und auf solches ist der bedeutende Sammler Mark Rosenzweig ganz geil. Das jüngste UND größte Ding dieses Jünglings, 10 mal 4 Meter, hat Rosenzweig ‚beim Künstler persönlich‘ für eine Million (Dollar) ‚erworben‘ …"

Soweit seinerzeit Horst Janssen über Anselm Kiefer. Die Namen haben inzwischen gewechselt, die Masche ist geblieben. Riesige Ölgründe à la Dubuffet, dazwischen ein paar Hakenkreuze, damit die Sache schön gruselig wird, oder – falls "Realismus" angesagt ist – irgendwie in den Vorder- oder Hintergrund gestellt einige von Plakatmalern hingehauene Alltagsgestalten.

Das Ganze heißt "Radikalrealismus", weil es ja einen Namen haben muß, mit dem man einen aktuellen "Trend" durchziehen kann, und es muß möglichst massenwirksam dafür geworben werden, am besten indem man einem Promi à la Cary Grant die Badehose herunterzieht. Alles kommt eben auf die "Macher" an. Dazu noch einmal Horst Janssen: "O diese ‚Ausstellungs-MACHER‘, die die jeweils Beringten führen! Sie sind nur noch vergleichbar mit dieser alerten Clique, die den Dividentenseelen in der Chefetage der Deutschen Bank mit Erfolg einredet, Öl sei gleich Öl und damit Aktie."

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles