Kleineres Übel?

Das Bessere ist der Feind des Guten. Das leuchtet jedermann ein. Ob auch einem ganz verwerflichen Regime wie dem Saddam Husseins ein noch miserableres folgen könnte, mag bezweifelt werden. Und doch gibt es auf der Achse des Bösen eine Wertigkeit, und es gilt das Prinzip, daß man zu einem Regimewechsel erst bereit sein darf, wenn man etwas Besseres dagegen eintauscht. Eine jede Lehre vom gerechten Krieg stellt auch die Frage nach den Folgen. Ein verbrecherisches Regime kann man nicht eintauschen, wenn man das Chaos erntet – wie das seinerzeit geschah, als man den Schah fallenließ, um sich die Mullats einzuhandeln. Das war der Ersatz eines größeren Übels für das kleinere. Wie sieht es gegenwärtig im Irak aus? Die Schiiten streben einen Gottesstaat an. Das ist die Mehrheit der Bevölkerung. Der geistliche Führer ist Opfer eines Anschlages geworden. Die Kurden streiten sich mit den Turkmenen. Am liebsten hätten sie wohl einen eigenen Staat. Die Saddam-Clique ist untergetaucht und verbreitet Schrecken durch Sabotage. Mehr amerikanische Soldaten kamen nach Ende der Kampfhandlungen ums Leben als durch den Krieg und nun sagt man, es sickerten islamistische Terroristen in das Land, die aus dem Iran, Saudi und Syrien kämen. Das hat es zu Saddams Zeiten nie gegeben. Nun geht es offenbar um die Terrorismusbekämpfung. Ein Paradigmenwechsel: Was vorher die Existenz von Massenvernichtungswaffen sein sollte, das sind heute Terroristen. Aber das ist alles Folge einer nicht mehr vorhandenen Staatlichkeit. Der Regimewechsel, wenn er nicht gut vorbereitet ist, bringt eben so etwas mit sich. Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob sich das ganze gelohnt hat. Die Unordnung ist jetzt größer als zuvor. Und die UN-Sanktionen und die Waffeninspekteure hätten das Land auch im Zaum halten können. Deshalb ist es besser, man hat eine Diktatur als überhaupt keinen Staat. Die mangelnde Staatlichkeit hat sich immer wieder als das größere Übel entpuppt. Die „kaiserlose, die schreckliche Zeit“ war den Menschen schon früher ein Horror. Und noch wagt keiner zu denken, daß vielleicht die Zeit mit Saddam sich als das kleinere Übel herausstellt. Aber noch haben wir Hoffnung mit Condoleezza Rice: „Wenn Amerikaner eine halbe Sache in Angriff nehmen, bringen wir sie auch zu Ende.“ Heinrich Lummer war Bürgermeister und CDU-Innensenator von Berlin, bevor er von 1987 bis 1998 dem Bundestag angehörte. Die hier veröffentlichte Kolumne ist das erste pub-lizistische Lebenszeichen, mit dem sich der 70jährige nach seinem Schlaganfall (JF-Intern 26/03) zurückmeldet. Inzwischen befindet er sich wieder auf dem Weg der Besserung.

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