Islamistische Rache für Kaposvár

Seit bekannt wurde, daß in der Nato-Militärbasis Taszár bei Kaposvár (Südungarn) zweitausend US-Spezialisten als Arabisch-Dolmetscher für einen Einsatz im Irak ausgebildet werden sollen, herrscht in der ungarischen Öffentlichkeit Unruhe. Die Mehrheit der Ungarn hatte sich nach dem Ende des Kommunismus sehnlichst gewünscht, als gleichberechtigtes Mitglied in EU und Nato aufgenommen zu werden. Jetzt, da der letztere Wunsch erfüllt ist und der erstere für 2004 ansteht, entdecken die Magyaren plötzlich die Schattenseiten ihres Ansinnens. Als Nato-Mitglied muß Ungarn die Verpflichtungen erfüllen, die ihm das westliche Bündnis auferlegt. Das aber kann bedeuten, daß Ungarn demnächst seine Soldaten bis nach Afghanistan oder in den Irak wird entsenden müssen. Dazu kommt noch, daß der Nato und deren Führungsmacht USA Stützpunkte auf ungarischem Boden zu überlassen sind. Der Fall „Taszár“ ist typisch für die Wandlung des Nato-Bewußtseins unter den Magyaren. Zunächst wurde die US-Präsenz in der ungarischen Provinz von der Bevölkerung freudig begrüßt: Man sah darin erhöhte Sicherheit nach den Jahren sowjetischer Okkupation. Auch dagegen, daß Ungarn damit die Nato-Intervention gegen Serbien und Slobodan Milosevic unterstützte, hatte man nichts. Die Ungarn fanden es ganz in Ordnung, daß der Westen den Diktator Milosevic züchtigte, der die ungarische Volksgruppe in der serbischen Vojvodina schikanierte. Jetzt allerdings ist die Situation anders: Weder in Afghanistan noch im Irak hat Ungarn spezifische politische Interessen. Und plötzlich sehen sich die Ungarn in einer Lage, die sie noch aus den Zeiten des Warschauer Pakts kannten: sich für im Grunde fremde Ziele einsetzen und womöglich noch ungarisches Blut opfern zu müssen. Schlimmer noch: während sich im Rathaus des Städtchens Kaposvár ein ungarischer und ein US-Offizier gemeinsam daran machen, die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Irak-Projekt in die Hand zu nehmen, breitet sich in der Bevölkerung die Furcht aus, die islamistischen Terroristen könnten demnächst als „Rache für Kaposvár“ auch ungarische Ziele ins Visier nehmen. Ungarn ist auch deshalb besonders gefährdet, weil während der kommunistischen Ära zahlreiche arabische Studenten hier ausgebildet wurden. Diese Leute haben, auch wenn sie ihr Gastland inzwischen verlassen haben, sehr gute Orts- und zum Teil auch Sprachkenntnisse. Sie stellen einen Unsicherheitsfaktor ersten Ranges dar. Ein gewandeltes Verhältnis zur Nato und damit zum Westen läßt sich auch in anderen EU-Kandidatenländern feststellen. Nicht ohne offenkundige Schadenfreude bemerkte Dimitrij Rogosin, einflußreicher Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses der russischen Duma, er sei überrascht gewesen, bei seinem jüngsten Besuch in Slowenien so viele und laute Kritik an der Nato zu hören. „Vielen dieser (neuen) Mitglieder“, erklärte Rogosin in der US-Publikation National Interest, „schien die Frucht, solange sie verboten war, süß zu schmecken. Jetzt aber könnte sie nicht mehr so wünschenswert sein.“ Solange Slowenien unter der Drohung einer Invasion durch das jugolawische Milosevic-Regime leben mußte, waren die Nato (und vor allem Amerika) hochwillkommen, konstatiert der prominente russische Besucher. Jetzt aber hingegen gebe es die Furcht, daß junge Slowenen als Teil eines Nato-Kontingents nach Afghanistan oder in den Irak geschickt werden könnten. Auf einer Internet-Seite aus Estland meldete sich dieser Tage auch eine skeptische Stimme zu Wort: „Als wir schließlich übereinkamen, in ihre Europäische Union einzutreten – die Einladung in die Nato hatten wir bereits in der Tasche – habe ich mir gedacht: womit soll sich das Land (Estland) jetzt beschäftigen? Wonach soll es noch streben? Die wichtigsten Sehnsüchte sind erfüllt, alle Fragen zu unseren Gunsten entschieden … – man muß nur verstehen, was sie meinen, wenn sie von ‚uns‘ sprechen.“ Da ist also wieder der uns aus sowjetkommunistischen Zeiten bekannte Gegensatz zwischen „uns“ und „denen“, diesmal in bezug auf EU und Nato. Der Autor bemüht nochmals den Vergleich zur Sowjetunion, welcher Estland einst zwangsweise angehörte. Er meine, das kleine Estland könne im „Europa der 450 Millionen“ verschwinden, ohne das jemand es überhaupt merken werde, formulierte der Internet-Autor aus Tallinn (Reval). An diesem Punkt griff die nationalgesinnte Tageszeitung Eesti Päevaleht in die Debatte ein. Nein, meinte das Revaler Blatt, die Esten würden nicht untergehen, denn sie hätten die unbezahlbare Erfahrung des Lebens in der Sowjetunion unter 150 Millionen Menschen in einer „unzerbrechlichen Union der Republiken“. „Dort haben wir unter anderem gelernt, das eine zu denken, etwas anderes zu sprechen und etwas Drittes zu tun.“ Sollte sich ein solches „post-sowjetisches“ Verhalten auch gegenüber der neuen „Union“ einbürgern, wäre das ein interessantes Indiz. Wie Rußland mit den an seinen Grenzen und in seinem ehemaligen Hegemonialgebiet auftauchenden neuen Nato- und EU-Mitgliedern umzugehen gedenkt, hat der bereits zitierte Duma-Abgeordnete Rogosin gleichfalls beschrieben. Zwischen Amerika und Rußland gebe es, realistisch gesehen, überhaupt keinen antagonistischen Gegensatz. Die beiden Präsidenten, Bush und Putin, hätten ihre Beziehungen auf das Fundament gegenseitigen tiefen Vertrauens und offenen Informationsaustausches gestellt. Im Gegensatz zu früher sei Rußland heute der Meinung: Je mehr Staaten in die Nato aufgenommen werden, desto ungefährlicher (und folglich akzeptabler) werde das westliche Bündnis für Rußland. Nicht ohne Ironie meint der russische außenpolitische Experte, er verstehe ja „unsere ehemaligen Verbündeten in Osteuropa“. Diese wüßten nämlich, daß sie nur noch wenige Tage lang allein an einem Tisch mit den „zivilisierten“ Ländern (des Westens) sitzen könnten. Dann werde nämlich das Nato-Tor auch für den großen russischen Bären geöffnet, denn ohne Rußland gehe nun einmal nichts. Wie Moskau seinen künftigen Einfluß auf das Baltikum und die Ex-Satellitenstaaten auszuüben gedenkt, hat kurz vor Jahresende der Direktor des Moskauer Instituts für politische Forschungen, Sergej Markow, in einem Interview für die Tageszeitung Trud formuliert. Estland und Lettland, so der Moskauer Politologe, seien keine demokratischen Länder. Sie seien vielmehr rassistische „Ethnokratien“, in welchen einem Drittel der Bewohner die politischen Rechte vorenthalten würden – nur weil diese Russen seien. „Man muß davon ausgehen“, sagt Markow, „daß die nationalistischen Regierungen Lettlands und Estlands ständig Vorwände für Konflikte zwischen Rußland und der Nato produzieren werden.“ Der russische Außenpolitiker fordert dann eine „Demokratisierung“ der baltischen Staaten. Die Nato müsse die Balten mit ‚eiserner Hand‘ dazu zwingen, den russischen Bewohnern alle Bürgerrechte zu gewähren.“ Aber nicht nur die Nato soll nach dieser Konzeption dazu dienen, russische Interessen in Ost- und Mitteleuropa nicht etwa abzuwehren, sondern sie im Gegenteil durchzusetzen. Auch der Kampf gegen den Terrorismus werde dazu dienen. Die internationale Koalition gegen den Terrorismus werde – so Markow – von „Rußland, der USA, Großbritannien und Israel“ gebildet. „Diese Länder haben sich auf eine harte Gegenposition gegen den Terrorismus orientiert, während die Europäer diese vier Staaten wegen angeblich übertriebener Gewaltanwendung kritisieren …“ Solche amerikanisch-russischen Verbrüderungen werden von den bisher so amerikafreundlichen Ost- und Mitteleuropäern mit wachsendem Unbehagen registriert.

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