Joachim Kuhs

 

Ich gehe durch den Haupteingang

Früher Abend in der Fußgängerzone der südniedersächsischen Universitätsstadt Göttingen. Kurz nach sieben kommen die letzten Passanten aus den Geschäften; einige jedoch streben zum Eingang einer alteingesessenen Buchhandlung, in der Jörg Friedrich aus seinem Buch „Der Brand“ lesen will. Doch ebendies trachten zwei Dutzend lokaler Antifaschisten zu verhindern, die sich mit Transparenten und Flugblättern unter dem Motto „Deutsche TäterInnen sind keine Opfer“ vor dem Geschäftseingang postiert haben und auf diese Weise den Zugang versperren. Wer dennoch versucht, die Buchhandlung zu betreten, wird weggestoßen und angepöbelt. Einige ältere Herrschaften reagieren empört, machen ihrem Unmut Luft. Autor Friedrich kommt aus dem Laden und versucht mit den hinter einem Transparent Verschanzten zu diskutieren. Schnell wird ihm die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens klar: Erregt stellt Friedrich fest, daß die Protestierer sein Buch größtenteilsnicht kennen und nur die zusammengestoppelten Zitate von ihren Flugblättern wiederkäuen können. Ihr Tenor ist die alte Leier, die in den Kreisen der Antideutschen zum x-ten Mal reproduziert wird: Die Deutschen sind kollektiv „willige VollstreckerInnen“ der Nazis gewesen, ihre Opfer zu beklagen, hieße deutsche Schuld relativieren. Friedrichs „Machwerk“ habe den deutschen Zeitgeist getroffen, der sich „mit neu gestähltem nationalen Selbstbewußtsein bewaffnet“ hat. Schlußfolgerung der Blockwarte vom Gesinnungsluftschutz: „Kein Vergeben, kein Vergessen! Nie wieder Deutschland!“ In der zunehmend aufgeheizten Stimmung beginnen diejenigen, die am Eintreten gehindert werden, selbst Hand anzulegen. Es wird am Transparent gezerrt, vereinzelt wird versucht, die Antifa-Leute vom Eingang wegzuzerren. Es wird geschrieen, gepöbelt, gerempelt, gestoßen. Wer Rasta-Rita zu hart anfaßt, bekommt Ärger von Kapuzen-Kurt. Nichts Neues, eher ein vertrautes Göttinger Gerangel. Ebensowenig neu sind auch die Reaktionen des Veranstalters und der mittlerweile eintreffenden Polizei. Die Aufforderung, den Eingang zu räumen, befolgen die Autonomen nicht. Daraufhin erklärt der Einsatzleiter, seine Beamten ermöglichten den Zutritt über den Lieferanteneingang, womit sich die Situation hervorragend „deeskalieren“ ließe. Dem Vorwurf, man beuge sich damit der Nötigung der Blockierer, entgegnet er: „Der Hausherr hat auf eine Anzeige verzichtet, die Veranstaltung kann durchgeführt werden, womit dem öffentlichen Interesse Genüge geleistet ist“. Typisch Göttingen eben. Die Sitzreihen zur Lesung haben sich mittlerweile gefüllt, im Saal hauptsächlich Zuhörer aus der Erlebnisgeneration, bürgerliches Publikum, wenig Jugend. Jörg Friedrich geht ans Mikrophon und wendet sich an die Versammlung. Mit leiser Stimme stellt er fest, daß die Wahrnehmung des Grundrechts auf Redefreiheit nur durch die Hintertür erreicht worden sei: „In Deutschland ist es zu oft passiert, daß die Demokraten sich so etwas gefallen ließen. Dagegen gibt es nur eine Reaktion: Wehret den Anfängen! Ich bitte um ihr Verständnis, daß ich nicht mit meinem Vortrag beginnen werde, bevor der Haupteingang nicht freigemacht wurde.“ Beifall. Seiner Aufforderung, mit Nachdruck die Räumung des Boykotts zu erwirken, schließt sich eine Reihe von Zuhörern an. Dem Hausherrn ist – in Sorge um seine Schaufensterscheiben – zusehends unwohl, er versucht Friedrich von seinem Vorhaben abzuhalten. Eine aufgeregte Buchhändlerin fleht, man möge doch bitte nicht die Situation eskalieren lassen. Vergebens. Diesmal geht es in umgekehrter Richtung aus dem Lieferanteneingang hinaus, wo ein sichtlich irritierter Polizeiführer Jörg Friedrich in Empfang nimmt. Dann wendet sich ein junger Mann (ehemaliges CDU-Mitglied, per amore allerdings auf das andere – politische Ufer gezogen), der die Veranstaltung bis zu diesem Zeitpunkt verfolgt hat, an die Beamten und verkündet, er wolle Friedrich anzeigen: Der habe zu einer Straftat aufgerufen und wolle mit Gewalt selbst gegen die Demonstranten vorgehen. Ungläubiges Kopfschütteln der Umstehenden, die Polizisten verweisen ihn mit seinem Anliegen an das zuständige Revier. Der Einsatzleiter telefoniert mit der Dienststelle, derweil entwickelt sich am Haupteingang eine erneute Auseinandersetzung. An vorderster Stelle Jörg Friedrich, der keinerlei Berührungsängste mit den intoleranten Andersdenkenden zeigt, denen er ihre „SA-Methoden“ vorhält. Nachdem die Antifas rabiat diejenigen wegstoßen, die ihnen zu nahekommen, greift schließlich die Ordnungsmacht mit Schlagstöcken ein und räumt den Eingang zur Buchhandlung frei. Mit einer halbstündigen Verzögerung beginnt die Lesung aus „Der Brand“. Friedrich konstatiert: „Am effektivsten ist es, wenn die Bürger für ihre Rechte selbst eintreten. Das können sie besser als der Staat. Als alter Berufsdemonstrant weiß ich so was!“ In punkto Zivilcourage und Empörungsbereitschaft hat der altlinke Jörg Friedrich den Bürgern dieser Stadt, die seit Jahren vor einer extremen Minderheit meist geduckt zurückweichen, eine deutliche Lektion erteilt. Untypisch in Göttingen.

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