Joachim Kuhs

 

Für ein differenziertes Hindenburg-Bild

Paul von Hindenburg, Generalfeldmarschall und Reichspräsident, Militär und Politiker – war er ein Wegbereiter Hitlers oder die letzte Chance der Weimarer Republik? Schaut man sich die jüngsten Querelen um die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde Hindenburgs in Potsdam und Berlin an, so scheint das Urteil klar: Hier wird das Bild vom greisen Staatsoberhaupt gezeichnet, der aus seinem reaktionären Weltbild heraus nur darauf gewartet habe, der Republik den Todesstoß zu versetzen. Viele Historiker meinen, daß eine solche Bewertung der Komplexität der damaligen historischen Situation nicht gerecht wird. Zu ihnen gehört auch Professor Werner Maser. Der renommierte Forscher mit den Schwerpunkten Weimarer Republik und Nationalsozialismus, plant die Gründung einer „Hindenburg-Stiftung“. Gegen die ideologische Vorverurteilung will Maser die solide historische Archiv-Arbeit setzen. „Abertausende handgeschriebene Aufzeichnungen Hindenburgs warten noch auf ihre Auswertung. Darunter sind allein 1.500 Briefe des Generalfeldmarschalls an seine Frau von der Front.“ Unter dem Dach der Stiftung soll systematisch der Nachlaß Hindenburgs, der sich zur Zeit im Besitz der Familie befindet, geordnet und gesichtet werden. Maser, der sich momentan in der Vorbereitungsphase befindet, ist sich sicher, daß bald auch einer breiten Öffentlichkeit ein differenzierteres Hindenburg-Bild vermittelt werden kann. Unsere ausländischen Nachbarn sind uns hierin übrigens einen Schritt voraus. Masers Standard-Biographie über den Reichspräsidenten ist letztes Jahr in Polen veröffentlicht worden: „Der polnische Außenminister hat zu dieser Auflage sogar ein Vorwort verfaßt. Der Verlag hat ohne jede Abstriche meinen Text übernommen. Man teilt in Polen also meine historische Analyse.“ In diesem Fall gilt es wohl wirklich, daß der Blick ins Ausland den eigenen Blickwinkel erweitert. Eine historische Betrachtung hat auch der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Walter Momper, eingefordert. Der ehemalige Regierende Bürgermeister äußerte in einem Interview mit der FAZ vom 3. Februar, daß Hindenburg eben nicht Hitlers Machtergreifung hätte verhindern können. Die Mehrheit des Volkes hätte ihn dazu gemacht und Hitler war „…der einzige, der im Reichstag eine Mehrheit hatte. Also ernannte Hindenburg den Mann zum Reichskanzler, der das Vertrauen der Mehrheit im Reichstag genoß.“ Er wolle Hindenburg nicht verteidigen, so der Sozialdemokrat, er wolle nur, „daß die Ehrenbürgerliste als historisches Dokument betrachtet wird“.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles