Estnische Ernüchterung Carl Gustaf Ströhm

Nirgendwo sind die von Putin und der russischen Führung inszenierten symbolischen Gesten anläßlich des 300-Jahr-Jubiläums von St. Petersburg mit soviel Aufmerksamkeit (und Mißtrauen) registriert worden wie in Estland. Schließlich bedeutete der Bau der Zarenstadt an der sumpfigen Newa nicht nur das Öffnen eines „Fensters nach Europa“. Vielmehr mußten Zehntausende diesen Durchbruch Rußlands nach Westen mit dem Leben bezahlen. Den Finnen und Esten blutsverwandte Ingermanländer und Karelier, aber auch estnische Stämme wurden als Zwangsarbeiter verheizt. Ihre Knochen bilden das Fundament, auf dem St. Petersburg bis heute steht. Im Baltikum befürchtet man, daß die neue Petersburg-Begeisterung im Westen den enormen Preis, den die kleinen Völker zwischen Ladoga-See und Narwa zu zahlen hatten, ignorieren wird. Interessant ist allerdings, daß neuerdings Rußland auch die Gremien der Nato – in der es ja kein Mitglied ist – dazu benutzt, die Balten anzuschwärzen. So legte Duma-Vizesprecherin Ljubow Sliska im Namen der Russischen Föderation der parlamentarischen Nato-Versammlung einen Bericht vor, in welchem Esten und Letten des „aggressiven Nationalismus“ bezichtigt wurden. Dies wurde gar mit Proliferation von Atomwaffen und dem Terrorismus auf die gleiche Stufe gestellt. Die russische Öffentlichkeit könne in der Frage der Minderheitenrechte der russischsprachigen Bevölkerung des Baltikums nicht gleichgültig sein. So entsteht eine absurde Situation: Nicht die baltischen Nationen, sondern die Russen sollen durch die Nato geschützt werden. Aber auch in Richtung EU stoßen die Balten auf Widerstand. So druckten die Baltischen Briefe einen Artikel des estnischen Publizisten Olgred Aule, in dem von der „Ernüchterung“ der Esten gegenüber Deutschland die Rede ist. Man habe die Deutschen anfänglich als große Vorbilder beim Neubeginn in der Freiheit begrüßt, doch habe sich Deutschland in der baltischen Frage zu sehr nach russischen Forderungen gerichtet: „Für die baltischen Völker wurde das zur tödlichen Gefahr, denn in Rußland haben starke Gruppierungen sich dafür ausgesprochen, die baltischen Länder erneut zu erobern.“ Dann zitiert Aule nicht näher definierte „fachkundige Personen“ in Deutschland, die „mit Bedauern“ voraussagten, daß Rußland nach Überwindung seiner gegenwärtigen Schwäche seinen Anspruch auf die baltischen Länder durchsetzen werde. „Deutsche Privatpersonen, vor allem Deutschbalten, werden im Baltikum als Freunde empfangen. Aber der deutsche Staat hat nach den Ereignissen der letzten zehn Jahre im Baltikum an Boden verloren“, so Aule. Daneben stellen gerade die in der Bundesrepublik lebenden Deutschbalten fest, daß das ursprünglich große Interesse der deutschen Öffentlichkeit am Schicksal des Baltikums rapide abgenommen hat. In einem Rundschreiben der Münchner Interessengemeinschaft Baltikum heißt es: „Es wird immer schwieriger, Interessenten für die baltischen Staaten zu begeistern und sie zur Mitarbeit zu bewegen. Selbst unsere Mitglieder lassen sich immer weniger bei den Veranstaltungen sehen.“ Ist es eine von beiden Seiten enttäuschte Liebe? Solange die Balten als Opfer des Sowjetsystems galten, war es schick, ihnen humanitäre Hilfe zu leisten. Jetzt aber scheint es, als ob sie der deutsch-russischen Freundschaft im Wege stünden. Und schon hört man von manchen Deutschen, daß Tallinn/Reval oder Riga zwar schöne, aber provinzielle Städte seien – die wirkliche Metropole sei Petersburg.

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