Leben in der Diaspora

Inszenierungen des Glücks behandeln das Leben ihrer Helden (und Heldinnen) episodisch, sie begleiten es von Krise zu Krise. So passiert es, daß ein Film, der gerade noch die Gemüter bewegte, in der nächsten Szene schon unfreiwillig komisch wirkt. Das melodramatische Gerüst und die melodramatische Schreibweise geben sich jedoch nicht im naturalistischen Sinn mit Kleinigkeiten ab, sondern tun alles, um das Publikum dergestalt zu sensibilisieren, daß es sich auch in Details verlieben kann. Im kalten, unwirtlichen Toronto hat Rahul Seth (Rahul Khanna) seinem Vater am Totenbett versprochen, ein guter Sohn zu sein und die Familie in dessen – höchst traditionellem – Geist weiterzuführen. Das bedeutet in erster Linie: Patriarch sein, ordentlich für das Wohl der Lieben sorgen, die Verwandten und Ahnen ehren und – vor allem – ein braves indisches Mädchen heiraten. Pech, daß Rahul ausgerechnet seine kanadische Freundin Kimberley (Jessica Paré) ehelichen möchte, die zu allem Überfluß auch noch ein Pop-Star ist. Mutter Ruby, genannt Mummy ji (Moushumi Chatterjee), und der noch dominanteren Großmutter Grandma ji (Dina Pathak) gefällt das alles ganz und gar nicht, und tatsächlich schlägt das Schicksal schon bald erbarmungslos zu: Kimberley kommt in Hollywood bei einem tragischen Unfall ums Leben. Vor Kummer flüchtet Rahul in die nächste Bar, um sich bei Hochprozentigem ganz seinem Leid hinzugeben. Wie es der Zufall will, lernt er hier die hübsche Sue (Lisa Ray) kennen, die zwar bei einem Begleit-Service arbeitet, aber als prototypische Hispano-Amerikanerin eigentlich auch ganz gut als hellhäutige Ost-Inderin durchgehen könnte. Für 10.000 Dollar willigt Sue ein, zumindest bis nach der Hochzeit von Rahuls schwangerer Schwester Twinky (Rishma Malik) seine Braut zu spielen. Natürlich kommt alles anders als gedacht. Sue wird von der Familie Seth mit offenen Armen empfangen. Von Rahuls kleinem Bruder bis zu Grandma ji sind alle angetan von der liebenswerten jungen Frau. Rahul indes wähnt sich in seinem Schmerz immun gegen weibliche Reize. Als er schließlich doch anfängt aufzutauen, stellt Sue zu ihrer Überraschung fest, daß nicht alle indischen Männer sexistische Machos sind. Aber kann Liebe wirklich soziale Schranken überwinden? Irgendwann kommen doch Rahuls indische Wurzeln zum Vorschein und lassen ihn an Sue zweifeln. Was er nicht weiß, ist, daß Sue nur eine Kurzform von Sunita ist, sie mit Nachnamen eigentlich Singh heißt und ihr Vater selbst unter den Autos, die er repariert, nicht den Turban abnimmt … Lange war der indische Film vom europäischen und amerikanischen isoliert. Zu oft hatte der Inhalt kaum eine Rolle gespielt, und so wurde der indische Unterhaltungsfilm monoton und stillos. Das Publikum wollte seine Günstlinge singen und tanzen sehen, und meist begannen solche Filme als heiteres Singspiele, um über realistisch-kleinbürgerliche Familienprobleme hinweg in eine sinnlose Tragödie auszuarten. Durch zahlreiche Tabu-Schranken wurde der indische Film zudem in seiner Entfaltung gehemmt, zu den sympathischsten gehörte da noch das Verbot brutaler und grausamer Szenen. So wählten die Produzenten lieber historische und mythologische Stoffe, die reiche Gelegenheit zu Tanz- und Gesangseinlagen boten, ohne die ein Film beim indischen Publikum heute noch kaum mit Erfolg rechnen kann. Auch die jungen indischen Regisseure arbeiten vorzugsweise mit indischen Darstellern und den unvermeidlichen Gesangseinlagen. Aber Bollywood (Bombay) hat inzwischen von Hollywood gelernt und bedient heute jene gängigen Genres, die sich international größter Beliebtheit erfreuen: Komödie, Romanze, Familiendrama, Action-Film und Thriller. Dabei ist es jedoch nicht die Geschichte an sich, sondern deren Erzählweise, durch die sich Bollywood von Hollywood wohltuend unterscheidet. Das typische Bollywood-Drehbuch enthält die Interaktion zwischen zwei Archetypen, die die Kräfte von Tradition und Veränderung symbolisieren. Wie in „Bollywood Hollywood“ kann dieser Machtkampf über eine Mischung aus Komik und Tragik vermittelt werden, aber die Regisseurin Deepa Mehta veräppelt hier auf eine charmante Weise den Bollywood-Standard, indem sie beispielsweise Grandma ji Shakespeare zitieren läßt, was keine indische Matriarchin jemals tun würde. Und Sues Vater, den es geradezu nach Tradition dürstet, schöpft diese aus den einzigen ihm bekannten „traditionellen“ Quellen: alten Bollywood-Filmen. So entspricht die Handlung des Films nur scheinbar der gewohnten Bollywood-Geschichte eines Machtkampfs zwischen Bewahrung und Wandel. Spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem die weibliche Hauptfigur mit ihrer Identität und ihren Handlungen zur treibenden Kraft der Geschehnisse wird, übernimmt Hollywood das Ruder. Das tut dem Film, der einen augenzwinkernden Blick auf das traditionsgeschwängerte Leben der indischen Gemeinschaft in der kanadischen Diaspora wirft, wo Orient und Okzident auf bizarre Weise aufeinandertreffen und in Gegensätzen und Harmonie nebeneinander – doch keineswegs miteinander – existieren, aber keinen Abbruch. Wer sich von elektrisierend-gefühlvollen, heiter-romantischen und schmalzig-pathetischen Bildern angezogen fühlt und sich an der farbenprächtig-schwülstigen Musical-Atmosphäre nicht stört, kommt bei „Hollywood Bollywood“ garantiert auf seine Kosten. Sue (Lisa Ray): Augenzwinkernder Blick auf die bizarren Begegnungen zwischen Orient und Okzident

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