Einseitige Ausrichtung

Im sogenannten „Kampf gegen Rechts“ erfahren Extremisten des linken Spektrums erhebliche moralische Unterstützung. Dazu werden Plattformen benötigt, die durch ihre vermeintliche Seriosität dazu geeignet sind, ein breites Publikum anzusprechen. Die Internetangebot „haGalil“ ist in zweifacher Hinsicht interessant: Zum einen handelt es sich dabei um den „größten jüdischen Onlinedienst Europas“, wie die Betreiber immer wieder stolz attestieren. Bis zu 250.000 Besucher im Monat werden registriert, die Summe der angeklickten Seiten im Angebot bewegt sich im gleichen Zeitraum durchschnittlich bei über einer Million. Insgesamt stehen dem Nutzer bis zu 10.000 Seiten mit Artikeln, Analysen und allgemeinen Informationen zur Verfügung. Zudem können die Betreiber mit einer großen Sympathie für ihre Anliegen rechnen, sind ihnen doch ohnehin von einer großen Anzahl bürgerlicher Medien beste Zeugnisse ausgestellt worden. Besonders die Bemühungen um eine „objektive Berichterstattung“ wurden Ende der neunziger Jahre in zahlreichen Berichten gerühmt. Der „rechten Verwilderung“ soll Einhalt geboten werden Der Anstoß zur Bereitstellung des Internetangebotes war nach Angaben der Initiatoren, der aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammenden Eva Ehrlich und des israelischen Staatsbürgers David Gall, die Erkenntnis, daß bei der Eingabe von Begriffen wie „Judentum“, „jüdisch“, „Jude“ noch Mitte der neunziger Jahre in Internet-Suchmaschinen den Nutzern in erster Linie Seiten des rechtsextremen Spektrums angeboten worden seien. Durch die Bereitstellung einer Vielzahl eigener Informationen zu diesem Themenspektrum sollte der „rechten Verwilderung“ im Netz Einhalt geboten werden. Zugleich wollten Ehrlich und Gall Kontakte zwischen Juden sowie zwischen Juden und Nichtjuden fördern, eine Möglichkeit zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Austausch schaffen sowie auf einer möglichst breiten Ebene mit Hilfe eigener und fremder Quellen den Wissensstand über das traditionelle sowie das moderne Leben des Judentums verbessern. Ein guter – wenngleich trauriger – Ansatzpunkt bot sich mit der Ermordung des Premierministers Yitzhak Rabins am 4. November 1995, nach dem der Start des Projektes erfolgte. Nach knapp drei Jahren, 1998, stand das Angebot wegen finanzieller Schwierigkeiten kurz vor dem Aus. Um die drohende Einstellung abzuwenden, wurde am 23. August 1998 der „Förderverein haGalil“ gegründet, um die Arbeit auf privater Ebene besser zu unterstützen. Ferner bieten die Betreiber seither gegen finanzielle Vergütung Online-Dienste und Möglichkeiten im Bereich Web-Design an. Ehrlich und Gall geben an, erst durch ihre „haGalil“-Tätigkeit schließlich so viele Einblicke in „Strukturen und Strategien rechtsradikaler Agitation“ erhalten zu haben, daß sie auf diesen Bereich ihres Internetangebots fortan ihren Schwerpunkt legten. Aktiv beteiligten sie sich deshalb am „Kampf gegen Rechts“, der in den Jahren 2000/2001 einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Besonders stolz sind die Betreiber darauf, mit Hilfe eines „Meldeformulares Rechtsextremismus“ im Laufe des letzten Jahres fast einhundert rechtsextremistische Straftaten im Internet erfolgreich zur Anzeige gebracht zu haben. Seit dem Krisenjahr 1998 ist jedoch nicht nur eine Konzentration von „haGalil“ auf dieses Thema festzustellen, sondern auch eine deutliche Zunahme der Kontakte der Herausgeber in das linksextreme Milieu offensichtlich. Seit Jahren sind Dall und Ehrlich Mitglieder der Initiative „Tacheles reden – Gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus e.V.“. Zu den Kooperationspartnern von „Tacheles reden“ zählt unter anderem das Antifaschistische Pressearchiv, eine Initiative, die bereits 1985 in Berlin-Kreuzberg ins Leben gerufen wurde. Ziel dieser „antifaschistischen“ Gruppe ist es, „langfristig gegen den rechten Mainstream in der Gesellschaft anzuarbeiten“. Zu diesem Zweck erfolgt ebenso eine umfangreiche Dokumentationsarbeit über das gesamte rechte, konservative und liberale Spektrum wie regelmäßige Vortragsveranstaltungen an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Durch diese Kontakte richtete sich das Profil von „haGalil“ immer an der These eines „breiten rechten und antisemitischen Konsenses“ in den Gesellschaften Mittel- und Osteuropas aus. Dies hatte zur Folge, daß die Quellenauswahl zunehmend einseitiger und hinsichtlich der Wahrnehmung jüdischen Lebens in den behandelten Ländern selektiver wurde. Während die Zahl der veröffentlichten Artikel aus bürgerlichen Medien immer mehr abnahm, werden nunmehr fast täglich Beiträge aus der ehemaligen FDJ-Zeitung Junge Welt, Jungle World, dem ehemaligen SED-Zentralorgan Neues Deutschland, Blick nach Rechts sowie von Autoren des österreichischen „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ (DÖW) in voller Länge zitiert – ohne zu fragen, welchem Zweck diese Informationen eigentlich dienen. Allem, was nicht mit einem ausgesprochen „linken“ Weltbild konform ist – die Korporationen, konservativen und liberalen Verbände und Stammtische, Vertriebenenorganisationen – wird der Kampf angesagt. Ausnahmen von dieser Regel stellen lediglich israelkritische Äußerungen in Organen des linken Spektrums wie kürzlich während des Irak-Krieges dar, die gleichfalls mit Argwohn verfolgt wurden. Auch die historische Betrachtung jüdischer Persönlichkeiten bei „haGalil“ hat sich mittlerweile diesem Schema angepaßt: Während die zahlreichen konservativen Vertreter des Judentums in Europa kaum noch erwähnt oder gewürdigt werden, erfolgt eine Konzentration auf Kommunisten und Sozialisten jüdischer Herkunft, deren Wirken nicht selten vollkommen verklärt wird. Konservative Juden werden kaum erwähnt Ein konkretes Beispiel einer solchen Verzerrung, die kaum dazu geeignet ist, Zeichen für einen konstruktiven Dialog zwischen Juden und Nichtjuden zu setzen, war die kürzliche Behandlung des Themas „17. Juni 1953“ bei „haGalil“. Anstatt ein breites Spektrum von kontroversen Stimmen aus der Zeit der Ereignisse zu zitieren, wurde dem Nutzer lediglich ein Interview mit einem Kommunisten jüdischen Glaubensbekenntnisses präsentiert, der aufgrund seiner einseitigen politischen Einstellung natürlich nicht nur wenig mit dem Aufstand verband, sondern seine Niederschlagung nachdrücklich rechtfertigte. Im einzigen Aufsatz zum 50. Jahrestag des 17. Juni wurde das Aufbegehren der mitteldeutschen Bevölkerung als allgemeiner Schock nicht nur für die wieder in Deutschland lebenden Juden bezeichnet – eine Einschätzung, die bis heute nichts an ihrem wahren Gehalt verloren habe. Als seriöses Diskussionsforum zur Anbahnung von Kontakten zu Nichtjuden und zwischen Juden untereinander sowie als Basis zur Bereitstellung breit gefächerter Informationen über jüdisches Leben und den Staat Israel hat „haGalil“ sicherlich auch in Zukunft gute Entwicklungsmöglichkeiten. Als bloßes Ausführungsorgan zur Etablierung von fragwürdigen und einseitigen Meinungen sollte sich dagegen das größte jüdische Onlineforum eigentlich zu schade sein. Mit seiner einseitigen Konzentration als Mittel im „Kampf gegen Rechts“ kann das Internetforum langfristig nur an Glaubwürdigkeit verlieren.

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