Brüsseler Stiefkinder Carl Gustaf Ströhm

Kroatien hat einen offiziellen Antrag auf Aufnahme als Vollmitglied in die Europäische Union gestellt. In Zagreb hoffen Optimisten, daß das Land bis zum Jahre 2007 reif sein könne – gemeinsam mit Bulgarien und Rumänien. Hier aber liegt der Hase im Pfeffer: Denn Kroatien ist in seiner Geschichte, Mentalität und sozialen Struktur mitteleuropäisch und mediterran geprägt. Die Europäische Union hätte den Kroaten gegenüber sogar eine „Bringeschuld“ – denn als Zagreb 1995 die von serbischem Militär und Milizen (deren Anführer Vojislav Seselj inzwischen wegen schwerer Kriegsverbrechen vom Haager Tribunal angeklagt wurde) besetzten kroatischen Gebiete in einer Militäraktion zurückeroberte, wurde es sofort von der EU bestraft: Brüssel strich das vom Krieg schwer gezeichnete Land vom „Phare-Hilfsprogramm“. Kroatien, das für sich das Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch nimmt, wurde von Brüssel faktisch mit Sanktionen belegt. Selbst als in Zagreb im Januar 2000 eine Linksregierung unter Führung von Wendekommunisten an die Macht kam und man das Ende des als „autoritär“ verschrienen Tudjman-Regimes feierte, besserte sich der Status der Kroaten nicht. Während Musterschüler Slowenien an ihnen vorbeizog, blieben die Kroaten so etwas wie die „Schmuddelkinder“ Europas. Jetzt allerdings kommen in Zagreb Fakten ans Tageslicht, die ein ganz anderes Bild aufzeigen. In der Zagreber Wochenzeitung Hrvatsko Slovo (Das kroatische Wort) wird berichtet, daß fast die gesamte kroatische Wirtschaft auch nach dem Sturz des Kommunismus in der Hand mächtiger kommunistischer Kader verblieben ist. Tudjman habe nur ein Ziel vor Augen gehabt: die politische und militärische Befreiung des Landes und die Errichtung eines unabhängigen, souveränen Staates. Das hatten die kommunistischen Kader dazu benutzt, sich in den ökonomischen Machtpositionen zu verschanzen. Die am Anfang fehlgeleitete Privatisierung war nicht das Werk einer politischen Partei (z. B. von Tudjmans HDZ). Vielmehr hatte eine „Lobby ehemaliger KP-Machthaber“ die ökonomische Macht an sich gerissen. Ihre „Vernetzung“ in verschiedenen Parteien und staatlichen Institutionen garantierte ihnen den Erfolg. Die ehemaligen kommunistischen Direktoren aus der Tito-Ära bereiteten sich bereits in den achtziger Jahren auf die neuen Verhältnisse vor. Sie allein hatten das „Herrschaftswissen“ über den Wert der einzelnen Betriebe, deren wirtschaftliche Kapazitäten und technologischen Status. Das Motiv dieser kommunistischen Manager war nicht Patriotismus, während im Lande der Krieg gegen die serbischen Angreifer tobte. Sie folgten vielmehr einem Plan der KP, wie man die Vormachtstellung in der Wirtschaft erhalten konnte. Als es Tudjman dämmerte, mit wem er es zu tun hatte, war es bereits zu spät: Nach dem Vorbild einstiger KP-Zellen hatten die KP-Manager ihre Leute durchgesetzt. Einzelne unabhängige Wirtschaftsexperten, welche in den neunziger Jahren auf die Gefahren aufmerksam machten, wurden durch Intrigen kaltgestellt. Die kommunistischen Manager hatten nämlich erkannt, daß unter den neuen globalisierten Bedingungen die ökonomische Macht wichtiger sein werde als die politische. Sie überließen Tudjman und seine HDZ (Kroatische Demokratische Union) die Politik – und setzten sich in der Wirtschaft fest (wobei es zu beträchtlichen Bereicherungen kam). Nach oben seien, so Hrvatsko Slovo, Leute gekommen, denen Kroatien im Grunde nicht wichtig sei.

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