LMV Diagnose PANikDEMIE

 

Mehr gelobt als gelesen

Natürlich hatte der Dichter auch seine Meinung zur Kritik: „Ich will lieber das dickste schlechte Buch schreiben als die kleinste, dünnste, gute Rezension davon.“ Er selbst schrieb viele dicke Bücher, auch viele Rezensionen, noch mehr Notizen, Auszüge aus Tausenden von guten wie schlechten Büchern, Lesefrüchte aller Art. Von den seinen zehrt man heute noch, auch wenn man nicht behaupten kann, es seien heute viele, die sich daran labten: Jean Paul, der Autor des „Siebenkäs“ und des „Titan“, der „Flegeljahre“ und des „Hesperus“, der geniale Satiriker und Menschenschilderer blieb, schon zu Lebzeiten mehr gelobt als gelesen, ein Autor für Wenige. Gibt es darum so viele Jean-Paul-Sammlungen? „Schreib alles auf“, das Motto regiert eine wunderbare, liebevoll gemachte, fünf broschierte Bändchen im besten Handformat umfassende Kassette, mit der der Schweizer Nimbus-Verlag den Dichter anläßlich der Züricher Ausstellung „Unter der Hirnschale eines Riesen“ würdigt. Jörg Müller hat in seiner schön geschwungenen Schrift zwei Heftlein voller Notizen des Mannes zusammengeschrieben, der sich nicht enthalten konnte. Die kleine Poetik des Lebens und des Lesens – Traum und Lachen, Hausratsphilosophie und Bücherwürmelei aneinandergereiht – wird ergänzt durch eine Chronik zur Vita des bedeutenden Mannes, versehen mit Landkarten, Ortsstichen und Porträts der Zeitgenossen, ausgestattet mit zwei historischen wie kulturgeschichtlichen Anhängen der Goethe- und Napoleonzeit: eine zwanglose Nachhilfestunde, die das Individuum mit den Zeitläuften verbindet. Die zwei letzten Heftlein widmen sich den Autoren, die den Mut und die Kraft besaßen, den Dichter zu genießen. Es sind bis heute nicht die schlechtesten. Die „Naturerscheinung“ wurde stets so gehörig bewundert wie verkannt: von Helene Köhler („der geniale Jüngling“) über Nietzsche („ein Verhängnis im Schlafrock“) zu Hermann Hesse („ein Bestätiger, und auch ein Tröster“) und Peter Bichsel („Man verstrickt sich schnell in ihm“) reicht die Meinungssammlung, die, angesichts der Zeugnisse über den Titan und der Zeugnisse seiner selbst, nur klein und dünn sein mag. Der Dichter hätte anläßlich der Box vermutlich gerne selbst eine Anzeige in Form einer kleinen, guten Rezension gebracht. Jean Paul-Box. Hrsg. von Bernhard Echte, Verlag Nimbus – Kunst und Bücher, 18,80 Euro.

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