Bani Sadre plaudert bei der PDS

Die PDS-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus veranstaltete eine Podiumsdikussion unter dem Titel, „die amerikanische Strategie im Nahen und Mittleren Osten“. Prominenter Gast an diesem Abend war Abdolhassan Bani Sadre, ehemaliger Präsident der „Islamischen Republik Iran“. Die PDS ist in Berlin an der Regierung beteiligt und Bani Sadre nicht irgendein unbedeutender Exilant. Lange Zeit galt dieser Mann als Repräsentant des linken, sozialistischen Flügels der „Islamischen Revolution“, von 1979. Viele Beobachter hielten diesen an der Pariser Sorbonne ausgebildeten Soziologen irrtümlicherweise für einen Marxisten, die PDS-Fraktion im Abgeordnetenhaus scheint dieses noch heute zu tun. In einer Zeit, in welcher der Nahe Osten ein Dauerbrenner in den Medien und der internationalen Berichterstattung ist, in der viele Menschen Orientierung in einer komplexen Thematik suchen, werden Veranstaltungen wie diese in der Regel recht stark frequentiert. Achtzig Sitzplätze standen zur Verfügung, schon eine gute halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn waren alle besetzt. Unter großen Sicherheitsvorkehrungen und Beifall betrat Bani Sadre mit leichter Verspätung den Saal. Etwa eineinhalb Stunden erläuterte der Vordenker der „Islamischen Revolution“ den Anwesenden seine Sicht der Dinge. Nicht unerwartet bewertete er die aktuelle politische Situation im Sinne der meisten Zuhörer monokausal. Dialektisch und anekdotenreich, rhetorisch begabt und amüsant, erläuterte er die aktuelle Lage und traf damit den Nerv des Publikums. Von vornherein wurden von ihm die USA und auch Israel als Kriegstreiber und Unruhestifter benannt. Dem Westen, in dem Bani Sabre seit über 20 Jahren lebt, gab er unter großem Beifall die Schuld sowohl an der Bevölkerungsexplosion, an Menschenrechtsverletzungen sowie sämtlichen vergangenen und aktuellen Konflikten. Noch bizarrer wirkte seine Anspielung auf die demokratische Verfaßtheit der Bundesrepublik, die er in Zweifel stellte. Seine eigene Vergangenheit erwähnte Bani Sadre nur am Rande, fast hätte man vergessen können, daß während der Amtszeit dieses Mannes Zehntausende von Iranern in den Vernichtungslagern des Regimes ums Leben kamen, daß die Revolution von 1979 ihrem blutigen Höhepunkt entgegensteuerte, und daß Bani Sadre schon zuvor im Pariser Exil zu den engsten politischen Beratern Khomeinis gehörte, bis er selbst schließlich beim Imam in Ungnade verfiel. Bei Nacht und Nebel mußte er das Land verlassen. Statt dessen klärte der iranische Exilpolitiker über die Vorzüge der „richtigen Demokratie“ auf. Milde lächelnd, ausgestattet mit dem Charme eines Universitätsprofessors, stellte sich Bani Sadre anschließend den Fragen des Publikums. Auch dort wurde er nicht von seiner Vergangenheit eingeholt, hierbei ähnelte er einem Tei der Gäste im Saal, besonders den älteren Jahrgängen unter den anwesenden PDS-Mitgliedern, sowie den teilweise extra aus Paris und anderen Exilorten angereisten Bani Sadre-Jüngern. Teile des Publikums ergingen sich in Lobhudeleien, verdammten die vom Klassenfeind begangenen Menschenrechtsverletzungen und priesen Bani Sadre als Humanisten. Die alte SED-Parteidisziplin schien wieder voll und ganz reaktiviert. Kritische Fragen wurden nicht gestellt, sie hätten auch den harmonischen Charakter der Veranstaltung getrübt. Die PDS, sonst recht stark in Menschenrechtsrethorik geschult, sieht Bani Sadre als einen befreundeten Politiker, als einen internationalen Kampfgenossen für den Frieden und verzeiht ihm auch die Tatsache, daß in den ersten Jahren der Revolution zahlreiche Kommunisten liquidiert wurden. Die Berliner Regierungspartei PDS sieht allerdings über solche geschichtlichen Details bei ihren Vortragsgästen großzügig hinweg. Neue Zeiten erfordern bekanntlich neue Antworten, besonders dann, wenn es gegen den gemeinsamen Feind geht. Und von großzügig ausgelegter Vergangenheitsbewältigung versteht die Berliner PDS-Fraktion schließlich was, wie sie an jenem Abend wieder unter Beweis stellte. Vielleicht war es auch dieses Faktum, was den Genossen von einst sowie den jungen Kämpfern von heute so an Bani Sadre gefällt: Die Kunst, die dunklen Flecken der Biographie hinter einer Barriere von Charme und Eloquenz zu verbergen, dafür zu sorgen, daß sie in Vergessenheit geraten, ohne seine tiefsten Überzeugungen preiszugeben und vor allem ohne den Verlust vom Einfluß auf der politischen Bühne.

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