Alte Wahrheiten in der Iswestija Carl Gustaf Ströhm

Die beiden führenden Zeitungen der Sowjetunion waren das Zentralorgan der KPdSU, die Prawda, und die Iswestija, die „Volksstimme“ des Obersten Sowjets. Damals kursierte in Moskau der Satz: „In der Wahrheit (Prawda) gibt es keine Nachrichten – und in den Nachrichten (Iswestija) keine Wahrheit“. Die Prawda fiel 1992 mehrheitlich an einen zypriotischen Verlag. Seit dem Ausstieg der Jannikos-Familie 1997 fristet das Blatt, dreigeteilt als Tages-, Wochen- und Internetzeitung, ein Schattendasein. Die Iswestija aber entwickelte sich dank der finanzstarken Allianz Lukoil-Rosbank zu einer seriös-liberalen Zeitung für die gutsituierte Intelligenz und politische Elite. Doch gelegentlich begegnet man auch in ihren Artikeln den Schatten der sowjetischen Vergangenheit. Dieser Tage berichtete die Iswestija aus Estland von einem Prozeß gegen zwei alte Männer, die vom Bezirksgericht Tartu/Dorpat wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt wurden. Da war der heute 77jährige Ex-Sowjetoffizier Wladimir Penart, ein Rußland-Este aus Pleskau (Pskow), der – offenbar in Ermangelung „echter“ estnischer Kader – nach 1945 vom Geheimdienst übernommen wurde, um bei den widerspenstigen Esten sowjetische „Ordnung“ zu schaffen. In jenem Teil Estlands, für den Penart zuständig war, glichen – laut Iswestija – die damaligen Zustände dem heutigen Tschetschenien: „In den Wäldern saßen die Waldbrüder.“ Deren „Liquidierung“ gehörte zu den Aufgaben des lokalen Gebietschefs für „innere Angelegenheiten“ – des jetzt zu sieben Jahren Haft verurteilten Penart. Dieser hatte damals einen Verräter aus den Reihen der „Waldbrüder“ angeworben, Rudolf Tuwi, einen Ortsbewohner, dem er Straffreiheit und ein „ruhiges Leben“ versprach, wenn er Oskar Rumm, einen der Waldbrüder-Kommandanten, ermordete. Die Rechnung war einfach, schreibt die Iswestija: Agent Tuwi erhielt am 3. August 1953 von Penart eine Pistole. „Im August 1953 wurde im Wald ein gewöhnlicher Bandit erschossen, wie es viele in den von den Deutschen befreiten Territorien gab“, so die Iswestija ein halbes Jahrhundert später. Der aus Moskau angereiste Strafverteidiger Wachtang Fjodorow bezeichnete den durch Genickschuß ermordeten Rumm als einen „gefährlichen Verbrecher“. Es sei Rumm nicht um Widerstand gegen die sowjetische Okkupation oder um estnischen Nationalismus, sondern um seine eigene Haut gegangen. Als besonders belastend kreidet der Iswestija-Bericht dem Ermordeten an, daß dieser im Zweiten Weltkrieg estnischer Soldat der deutschen Wehrmacht war – aber das waren damals fast alle Esten im wehrfähigen Alter. Tuwi habe lediglich seine Kompetenzen überschritten – aber das komme auch in anderen Geheimdiensten vor. Im übrigen habe Penart in den Nachkriegsjahren seinen Kopf riskiert – denn er hätte jeden Augenblick eine „Banditenkugel“ abbekommen können, als er den estnischen Bauern ein „ruhiges Leben“ ermöglichte. Doch die „Waldbrüder“ waren keine Banditen, sondern ein verzweifelter Haufen, der versuchte, dem Sowjetregime zu widerstehen. Keiner von ihnen hatte je die Möglichkeit, beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof Beschwerde einzulegen – wie nun der „Tschekist“ Penart. Das Ein-Millionen-Volk der Esten betrachtet die „Waldbrüder“ als Nationalhelden – für Putins Rußland sind sie „Banditen“. Welche Folgen das für die künftigen russisch-estnischen Beziehungen haben wird, kann man nur vermuten.

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