Wille zur Hoffnung

Am 31. April wurde auf dem Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen die Ausstellung „Spezial Lager Kunst“ eröffnet. Dem Besucher werden Malereien und Zeichnungen von Häftlingen präsentiert, die während der Zeit des sowjetischen Speziallagers in den Jahren zwischen 1945 und 1950 entstanden. Die ausgestellten Objekte lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Zum einen gibt es die zahlreichen Auftragswerke, die in der sogenannten „Künstlerwerkstatt“ des Lagers entstanden. Hier fertigten durchschnittlich zehn Häftlinge Kopien von Gemälden berühmter russischer Maler des 19. Jahrhunderts für die Lagerleitung und das hohe sowjetische Wachpersonal an. Beispielhaft werden Reproduktionen von Ölbildern des russischen Realisten Ilja Repin gezeigt, die der Häftling und Maler Adalbert Stieren im Auftrag des Lagerkommandanten Kostjuschin anfertigte, so etwa die Ölbilder „Die Saporosher schreiben einen Brief an den türkischen Sultan“, „Morgen in einem Kiefernwald“ oder „Stilleben mit Hummer“. Als Vorlagen dienten alte Postkarten und Kunstdrucke. Im Regelfall waren die Kopien etwas kleiner als das Ursprungsformat. Die notwendige Farbe sowie die Leinwand stellten die Auftraggeber zur Verfügung. Nach der Auflösung des Lagers nahmen diese sie mit zurück in die Heimat. Darüber hinaus werden die heimlich von Häftlingen angefertigten Zeichnungen präsentiert. Denn der Besitz von Bleistift und Papier war ihnen verboten. Die meisten auf diesem Weg entstandenen Zeichnungen stellten Geschenke für Mithäftlinge dar oder dienten als Tauschware für begehrte Eßwaren. Am beliebtesten waren Porträtzeichnungen, da die Lagerinsassen sonst kaum Möglichkeiten hatten, sich ein Selbstbild zu machen. Später – seit es ab 1949 ausschließlich verurteilten Häftlingen erlaubt wurde, Briefe zu schreiben – dienten sie auch als Lebenszeichen für die Angehörigen. Eine weitere Kategorie stellten Landschaftszeichnungen dar, die Erinnerungen an die Orte einstiger Freuden und die Sehnsucht der Häftlinge nach Freiheit ausdrückten. Dagegen wurden Zeichnungen vom Lager bzw. von einzelnen Lagereinrichtungen sehr selten angefertigt, zumal auf ihr Auffinden schwere Strafen standen. Alle im Lager entwickelten Arten künstlerischer Betätigung unterstreichen den Willen, trotz widrigster Umstände den Glauben an ein anderes Leben nicht zu verlieren. Die aus eigener Initiative gestalteten Skizzen gestatten zudem einen näheren Einblick in das Innenleben der Häftlinge. Gleichzeitig repräsentieren sie eine Gegenwelt zum Lageralltag. Schon daher bilden sie alle – egal, ob sie künstlerische Meisterschaft oder die Bemühungen von Laien zeigen – ein besonderes Zeugnis der Menschlichkeit dar, welches weit über die damalige Zeit hinausreicht und bis heute nichts an Bedeutung verloren hat. Die Ausstellung „Spezial Lager Kunst – Malereien, Zeichnungen, Auftragswerke aus dem sowjetischen Speziallager Nr. 7/Nr. 1 Sachsenhausen 1945-1950“ ist bis zum 26. Oktober in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Straße der Nationen 22, Oranienburg zu sehen. Info: 0 33 01/ 2 00-0.

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