Absturz eines (Schein-)Heiligen

Nachdem der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, in der sogenannten Kokain-Affäre am Dienstag dieser Woche die Konsequenzen gezogen und auf alle öffentlichen Ämter verzichtet hat, ist ein Nachhaken und -treten nicht mehr erlaubt – soweit es ihn als Privatmann betrifft. Der 47jährige Rechtsanwalt und Fernsehmoderator akzeptierte einen Strafbefehl der Berliner Justiz über 150 Tagessätze à 116 Euro und gilt damit als vorbestraft. Doch der „Fall Friedman“ war mehr als nur eine Privatangelegenheit. Durch ihn sind der Zustand des Medienbetriebs, die Diskursmechanismen und öffentliche Schizophrenie im Land wie durch einen Blitz erhellt worden. In der Presse war viel von Heuchelei die Rede. Gemeint war die Doppelmoral von Friedmans Kritikern. Dieser Vorwurf war nicht falsch, erwies sich bei genauerem Hinsehen aber als Ersatzhandlung. Die fällige Diskussion über Friedmans Aufstieg zum Polit- und Medienstar, über den Opportunismus seiner Kollegen und der sogenannten „Öffentlichkeit“, der diesen Aufstieg begleitet und überhaupt erst ermöglicht hatte, sollte damit abgeblockt werden. Die fadenscheinigste Vorhaltung der Auguren lautete, die Bild-Zeitung und andere Blätter hätten eine Kampagne gegen Friedman entfacht. Vergleicht man die Bild-Schlagzeilen mit denen in anderen, ähnlich gelagerten Affären, dann fällt auf, wie zahm und wenig investigativ die Berichterstattung gewesen ist. Wenn andererseits die Saarbrücker Zeitung über ein „völlig neues Friedman-Gefühl – ihn jetzt sprachlos zu erleben“ – jubilierte, wurde darin eine Schadenfreude manifest, die dem Schreiber nicht zusteht, es sei denn, er hätte Friedman bereits kritisiert, als dieser noch unanfechtbar erschien. Die Politiker von SPD und Grünen schließlich, die die Berliner Justiz voreilig aufforderten, sich bei Friedman zu entschuldigen, weckten den Verdacht, ihnen gehe es nicht um Recht, Gesetz und Aufklärung, sondern um den Bestand eines Meinungskartells, zu dem Friedman gehört hat und an dem sie selber partizipieren. Zeit-Herausgeber Michael Naumann leistete sich sogar eine Beschimpfung der Staatsanwaltschaft (die diese mit einer Anzeige erwidert hat), und der Verleger des Berliner Aufbau-Verlags, Bernd Lunkewitz, ein Friedman-Freund aus Frankfurter Tagen, erging sich in kruden Verschwörungstheorien. Die informelle „feine Gesellschaft“ der „Berliner Republik“ fühlte sich durch Friedman mitbetroffen. Den Kommentatoren steht keine Schadenfreude zu Es hieß, sein Privatleben gehe niemanden etwas an. Solche Wahrheiten enden stets dort, wo eine Person, die im politisch-öffentlichen Raum tätig ist, Kontakte in zweifelhafte Milieus unterhält. Sie macht sich erpreßbar und kann in der Folge von den Kriminellen gezwungen werden, Interessen zu transportieren, die sich der Transparenz und der öffentlichen Kontrolle entziehen. Damit wird das Vertrauen, das für soziales und politisches Handeln unerläßlich ist, genauso zerstört wie das bekleidete Amt. Das ist erst recht der Fall, wenn man, wie Friedman, an der Schnittstelle von Politik und Medien agiert, wenn man dort moralisch statt politisch argumentiert und sich selber, die eigene Person, als den stärksten Beweisgrund anführt. Weiter hieß es, das Schnupfen von Kokain sei kein Kriminaldelikt. Nachträglich wurden sogar Krokodilstränen über den „unschuldigen“ Fußballtrainer Christoph Daum vergossen, dem man ebenfalls die Karriere durch unberechtigte Beschuldigungen verdorben hätte. Richtig ist, daß Daum vom Gericht freigesprochen wurde, wegen seines Kokainkonsums aber nicht als Bundestrainer arbeiten durfte. Und das war gut so! Fußball ist die populärste Sportart in Deutschland, gerade bei Jugendlichen. Es ist nicht unerheblich, welche Vorbildwirkung vom Bundestrainer der Nationalmannschaft ausgeht. Alles andere hieße, einer sittlichen Verwahrlosung das Wort zu reden. Deshalb ist es erfreulich, daß Friedman seinen Drogenkonsum öffentlich als Fehler bezeichnet und die Jugendlichen dringend vor einer Nachahmung gewarnt hat. Der nächste Entlastungsversuch lautete, Prostitution sei doch ein ehrenwerter Beruf, das Ordern von Huren keine strafbare Handlung. Das trifft zu, und über die moralische Bewertung der Prostitution wird seit Jahren heftig diskutiert. Die Frage soll hier nicht ins Grundsätzliche vertieft werden. Es sei nur auf den kleinen Unterschied verwiesen, den es macht, ob Frauen sich selbstbestimmt zu diesem Gewerbe entschließen (können) oder nicht. Es gibt Etablissements in Deutschland, deren Betreiber(innen) darauf achten, daß die Frauen freiwillig, legal, abgesichert, unter ärztlicher Aufsicht und weitmöglichst ohne Angst tätig sind. Im Fall der osteuropäischen Menschenhändler, die Friedman kontaktiert hat, muß man daran zweifeln. Seit Jahren ist bekannt, daß osteuropäische Frauen, die zu Hause in Armut leben, mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, hier durch Prügel gefügig gemacht und gezwungen werden, ihre „Schulden“ für die illegale Einschleusung „abzuarbeiten“. Sie werden als „Luder“ feilgeboten, die „willig“, „anschmiegsam“ oder „naturgeil“ sind. Mindestens nutzen ihre Freier das Ost-West-Sozialgefäll aus. Mit Menschenwürde hat das nichts zu tun. Das war der finale Punkt, von dem aus niemandem mehr zugemutet werden konnte, von Friedman weiterhin gute Lehren über hohe Moral zu empfangen. Nur die grüne Spitzenpolitikerin Claudia Roth, der der Ruf vorauseilt, ihr Herz stets auf der Zunge zu tragen, mit ihrem Hirn dagegen furchtbar geizig zu sein, focht das nicht an. Sie schwadronierte von einer „Abrechnung mit dem Judentum“, die an Friedman exekutiert würde. Über die von ihm benutzten Frauen verlor die „Menschenrechtsbeauftragte“ der Bundesregierung kein Wort. Sollte sie in Zukunft nicht von dem Versuch ablassen, Andersdenkende mit dem Mittel der moralischen Erpressung zu erledigen, wird man ihr diese doppelten Standards mit Recht um die Ohren hauen. Die Frankfurter Rundschau gab sich harmlos und meinte, die Friedman-Affäre erkläre sich aus dem „Milieu des Überdrusses“ und „der Langeweile“ und kam zu dem Schluß, „es hätte auch jemand anders treffen können“. Der sonst so skeptische Jens Jessen, Feuilleton-Chef der Zeit, sah in Friedman gar einen „fabelhaften Journalisten“, der „entschieden konfliktbereiter als andere war“ und dessen Demontage sich aus der deutschen Neigung zur „Nabelschau“ und „Spektakelsucht“ herleite. Friedman war Staatsanwalt und Richter in einer Person Hier kommen wir der Heuchelei, der wirklichen, endlich näher. Sie besteht vordergründig darin, daß die deutschen Meinungselite einen überdrehten Selbstdarsteller unkritisch gewähren ließ, sich in seine Nähe drängte und sein Loblied sang. Jetzt muß sie fürchten, daß die Öffentlichkeit von Friedman auf sie selber schließt und sie in Frage stellt. Also wiegelt sie ab. Der „fabelhafte Journalist“ Friedman hat doch nicht Wirkung erzielt und Einfluß ausgeübt, weil er sich knallhart zu Rentenreform, Teilzeitarbeit oder Verkehrspolitik äußerte! Er reüssierte mit drei Themen, die die psychologischen Tiefenschichten dieses Landes betreffen: dem Nahost-Problem, der Vergangenheitsbewältigung und dem Rechtsextremismus. In frischer Erinnerung sind seine Talkshows zum Irak-Krieg. Friedmans lautstarke Argumentation lief darauf hinaus, daß die pazifistischen, antiamerikanischen und verantwortungslosen Deutschen es sich bequem machten und es den USA überließen, Saddams Massenvernichtungswaffen zu beseitigen. Einwände, daß es vielleicht gar keine gäbe, walzte er mit großem Stimmaufwand nieder. Worin liegt wenige Wochen danach der „fabelhafte“ Mehrwert dieser Sendungen? Was ist geblieben außer der Erinnerung an sein Gebrüll? Vor einigen Jahren wurde ihm ein bedeutender Fernsehpreis verliehen, die Veranstaltung wurde von der ARD übertragen. In seiner Rede erinnerte er an die jüdischen Kinder, die in Hebron im Westjordanland hinter Stacheldraht leben müssen, weil sie andernfalls in Lebensgefahr gerieten. Er verschwieg die Hauptsache, daß nämlich mitten im palästinensischen Hebron ein paar hundert israelische Fanatiker eine Siedlung errichtet haben, sehr zur Empörung der Palästinenser, aber auch der meisten Israelis, und ihre Kinder zu Geiseln ihres Fanatismus gemacht haben. Es war erbärmlich zu sehen, daß niemand aus der anwesenden Polit- und Medienprominenz es wagte, Friedmans Demagogie entgegenzutreten. Sein Verhalten war ohne Zweifel „gehässig und arrogant“ (Jürgen Möllemann). Er traf kaum einmal auf Widerstand und Zivilcourage. Natürlich dürfe man ihm widersprechen, konzedierte Friedman großzügig, nur antisemitisch dürfe man nicht sein – um dann, mit der Autorität des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, festzustellen, gerade eben sei sein Widerpart es gewesen! So war er Staatsanwalt und Richter in einer Person, oder, wie der Schriftsteller Rafael Seligmann es ausdrückte, ein „jüdischer Robespierre“, die „Verkörperung der Tugendhaftigkeit – und deren Fallbeil“. Diese Selbstinszenierung funktionierte vor einer Kulisse aus tiefbrauner Pappe. Außerdem waren Statisten und Stichwortgeber nötig, die in einem Anfall von politisch korrektem Rinderwahnsinn die Komödie für echt hielten oder das wenigstens vorgaben. Friedman versorgte die Journalisten und Politiker mit immer neuem Futter, damit sie ihre Schuldneurosen am Laufen halten konnten, und zum Dank dafür erhoben sie ihn zum „Warner“, „Mahner“ und „Querdenker“. Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Deutschland ist Friedmans politisch-moralischer Alleinvertretungsanspruch seit langem auf die Nerven gegangen. In einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung meldete sich Eva Hecht-Galinski zu Wort, die Tochter von Heinz Galinski, dem 1992 verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden. Galinski war ein effektiver Vertreter jüdischer Interessen gewesen. Sein schweres Schicksal im Dritten Reich hatte ihn hart und skeptisch, aber nicht selbstgerecht gemacht. Frau Hecht-Galinski sah das Erbe ihres Vaters durch Friedmans Machtakkumulation und seine „ständigen Maßregelungen“ in Gefahr. Sie warf ihm und dem Präsidenten Paul Spiegel vor, den Zentralrat zur „diplomatischen Vertretung Israels“ zu machen und die „Antisemitismus-Angst“ der Juden zur „kalkulierten Selbstdarstellung“ zu schüren. Abschied von einer paranoiden Wahrnehmung Der Polit- und Medienstar Friedman war in Wahrheit das Symbol eines politischen und mentalen Anachronismus und einer paranoiden Wahrnehmung, von der das Land sich jetzt verabschieden muß. Wie unsinnig es ist, in Deutschland ständig nach antisemitischen und nazistischen Restspuren zu schnüffeln, zeigt sich daran, daß viele Juden Osteuropas Deutschland als ihr natürliches Flucht- oder Zielland ansehen. Die allermeisten Deutschen haben nichts dagegen, viele sind sogar stolz darauf. Das wirkliche Verhältnis zwischen Nichtjuden und Juden in Deutschland ist viel besser und normaler, als die Verlautbarungen Friedmans und Spiegels es wahrhaben wollten. Friedmans Rücktritt eröffnet allen Seiten die Chance, Rhetorik und Rituale endlich der Realität anzugleichen. Die unverhohlene Schadenfreude, mit dem Friedmans Ansehensverlust registriert wurde, war alarmierend genug. Sie verhielt sich proportional zur aufgestauten Verbitterung darüber, daß man seine Invektiven so lange unwidersprochen hinnehmen mußte. Sie bezieht sich aber auch auf die Feigheit derjenigen Politiker und Journalisten, die sie eben noch ergriffen abgenickt haben. Politik und Medien in Deutschland müssen sich fragen lassen, wieviel sie dazu beigetragen haben, daß Friedman sich zum Popanz entwickelte und selber zerstörte. Sie müssen sich fragen, ob es nicht unmenschlich ist, bestimmte Verbandsvertreter in die Position einer gesellschaftlichen bzw. moralischen „Instanz“ zu hieven. Für diese Rolle sind nur Heilige geeignet, alle anderen sind darin intellektuell, moralisch und menschlich überfordert, sie können nur abstürzen. Rafael Seligmanns Vorwurf an Friedman, es habe ihm „an Ernsthaftigkeit und Reife für sein Amt“ gemangelt, trifft daher nur die Hälfte der Wahrheit. Man hat das Amt des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland mit viel zu vielen Erwartungen befrachtet. Der zerrissene Schleier der Heuchelei eröffnet nicht bloß den Blick auf einen – hoffentlich – reuigen Sünder, sondern auch auf den bizarren Zustand der deutschen Gesellschaft. Der Schock über diesen Anblick kann heilsam sein.

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