Ambra, Angela und Aralica Carl Gustaf Ströhm

Als ich neulich von der Stasi-Entlarvung der 30jährigen Politikstudentin und PDS-Bundestagsabgeordneten Angela Marquardt erfuhr, las ich gerade einen Schlüsselroman aus dem heutigen Kroatien, in dem – nur leicht verfremdet – die wichtigsten Figuren des postkommunistischen Jahrzehnts auftreten. Der Autor, Ivan Aralica, erzählt in seinem Werk „Ambra“ (Zagreb 2001) von einem Gespräch mit dem 1999 verstorbenen ersten Präsidenten und Staatsgründer Franjo Tudjman. Dieser habe ihm zu Beginn der neunziger Jahre einen Haufen von Papieren auf den Tisch gelegt: Es waren Verpflichtungserklärungen für die jugoslawische kommunistische Geheimpolizei, abgekürzt UDBA. Unter den zu Spitzeldiensten Angeworbenen befand sich auch eine nach dem Wahlsieg der Linksparteien zur Chefin des Informationsprogramms des Kroatischen Fernsehens aufgestiegene bekannte TV-Journalistin. Über sie notiert der 71jährige Aralica: „Sie war in dieser Redaktion (des Fernsehens) in verschiedener Gestalt – als Chefin, als Journalistin und Moderatorin für außenpolitische Themen. Sie war dort zur Zeit des Kommunismus, auch während der schärfsten Verfolgungen von freien Meinungsäußerungen. Sie überlebte hier den Fall der Berliner Mauer und den Zerfall der kommunistischen Macht. Und sie blieb auf ihrem Posten als außenpolitische Expertin während der zehn Jahre der Existenz des kroatischen Staates.“ Er habe schon vergessen, schreibt Aralica, wie hoch ihr Honorar war, das sie für das Denunzieren ihrer Fernsehkollegen erhielt. Er habe sich aber gemerkt, daß ihr Deckname „Gisela“ war. Als ihm der erste Staatspräsident die Zettel mit den Unterschriften der Angeworbenen zeigte, sei er zuerst auf besagte „Gisela“ gestoßen – aber sie war nicht die einzige. Aralica wörtlich: „Es gab da noch Dutzende von Verpflichtungserklärungen – von Journalisten, Geistlichen, Professoren, Managern – sogar vom Vorsitzenden einer kleineren politischen Partei.“ „Was ist denn das?“ habe er den Präsidenten (Tudjman) entsetzt gefragt, der schweigend abwartete, bis der Autor (Aralica) die Papiere durchgesehen hatte. – „Das ist der Kern der Sache“, sagte der Präsident. – „Gibt es noch mehr davon?“, fragte Aralica erschreckt. Darauf Tudjman: „Einen ganzen Berg! Am häufigsten bei den Journalisten! Viele, die jetzt in unserer Gemeinschaft sind (Tudjman meinte seine Regierungspartei HDZ) waren früher in dieser anderen Gesellschaft.“ Darauf stellte Aralica dem Präsidenten die „Gretchenfrage“: „Wissen die Betroffenen, daß Sie (der Staatspräsident) es wissen?“ – Tudjman: „Alle wissen, daß man weiß.“ – „Mein Gott, mein Gott!“ stöhnte Aralica. Aber Tudjman sagte: „Das ist unsere Situation. Wir haben das, was wir haben. Wir müssen auch mit diesen Leuten arbeiten. Wer immer sich uns bei der Bewältigung unserer Aufgabe anschließt, soll uns willkommen sein. Wenn wir nicht so verfahren, müßten wir uns alle gegenseitig erwürgen!“ Die Linke, inklusive der jetzt regierenden Ex-Kommunisten, hat Tudjman noch über dessen Tod hinaus seine pragmatische Toleranz nicht gedankt. Im Gegenteil. Aralica aber schreibt: „Kein Volksführer, der sein Volk in Frieden und in ein besseres Leben führen möchte … kann es sich leisten, zu sagen: Jene, die mir folgen, sind ein Haufen von Dieben und Feiglingen.“ Auch Moses habe, als sein Volk das goldene Kalb anbetete, nicht aufgehört, „Gott zu bitten, diesem Volk zu vergeben“, schließt der kroatische Autor.

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