Pankraz, Knut Hamsun und die Welthungerhilfe

Achthundert Millionen Menschen "hungern" zur Zeit, wurde auf dem jüngsten "Welternährungsgipfel" der UN vorige Woche in Rom glaubhaft mitgeteilt. Das heißt, diese achthundert Millionen haben nicht nur gelegentlich Hunger, den sie dann stillen, und sie sind auch nicht hungrig auf irgendwas, sondern sie stehen mitten in der "Hungersnot", der Hunger zehrt an ihren Leibern und macht sie zu lebenden Skeletten. Sie können sich nicht mehr selber helfen, ihre Ernten sind verdorrt, ihre Versorgungslogistik ist zusammengebrochen, sie sehen direkt dem Tod ins Auge.

Es ist dies ein erstrangiges moralisches und politisches Problem, aber merkwürdig: die Kulturwelt bleibt davon fast unberührt. "Hunger und Liebe / Sind der Welt Getriebe", sagt das Sprichwort, doch im Gegensatz zur Liebe wird der Hunger in Form der Hungersnot in der Regel aus Kunst und Literatur ausgeblendet. "Die Faktizität des Hungers", sagt Sartre in "L’Etre et le Néant", "zieht den reflektierenden Geist nicht in Mitleidenschaft, dieser flieht im Hunger vielmehr antizipatorisch auf den Zustand der Sättigung hin, und der hungrige Leib ist dabei der übergangene, sehr im Gegensatz zur sexuellen Begierde, die den Geist durchaus in Mitleidenschaft zieht und deshalb ein gewaltiges Gebiet des Reflektierens eröffnet."

Das ist nur allzu wahr. Die Belletristik, die ja zu mindestens achtzig Prozent von der Liebe handelt, hat kaum Raum für den Hunger übrig. Pankraz fällt nur ein einziges berühmtes Werk ein, das sich – schon im Titel – dem Hunger widmet und in unheimlicher Gründlichkeit seine psychologischen Folgen und Konsequenzen schildert: Knut Hamsuns "Hunger" von 1890, freilich eines der größten Werke der Weltliteratur, der "Odyssee" von Homer verwandt, wo der Hunger an vielen Stellen ebenfalls mit Bitterkeit besungen wird.

Wie im machtvollen siebten Gesang: "Unbändiger ist und schrecklicher nichts denn der Hunger, /Welcher stets mit Gewalt an sich die Menschen erinnert, / Auch den bekümmerten selbst, dem Gram die Seele belastet …" Oder an anderer Stelle: "Aber man kann unmöglich die Wut des hungrigen Magens / Bändigen, welcher den Menschen so vielen Kummer verursacht! / Ihn zu besänftigen gehen selbst schön gezimmerte Schiffe / Über das wilde Meer, mit Schrecken des Krieges gerüstet …"

Sowohl bei Hamsun wie bei Homer kommt deutlich zur Sprache, was die Literatur aller Sparten, einschließlich der Philosophie, schon immer gegen den Hunger vorzubringen hatte: Er zieht hinab, er verhindert – im Gegensatz zur Liebe – jedweden geistigen Aufbruch, er ist zwar immer da, wir müssen, wenn wir ihn haben, immer an ihn denken, aber eben nur an ihn und seine Stillung, seine sofortige Stillung, und wir empfinden in der Stillung nicht einmal Genuß, höchstens eine wütende, wüste Genugtuung.

Die umfangreiche Eß- und Kochkultur, der Kult der differierenden Geschmäcker und Gerüche und auch Anblicke, gewinnt erst jenseits des Hungers Boden und Entfaltungsmöglichkeit, wenn die Hungersnot, also der wirkliche Hunger, beseitigt ist. Solange wir wirklich hungrig sind, ist es uns völlig gleichgültig, wie eine Eßbarkeit schmeckt und riecht und aussieht, wir schlingen sie in uns hinein, "Hunger macht rohe Bohnen zu Mandeln", wie die Franzosen sagen.

Hunger macht auch, mehr als auch die leidenschaftlichste Liebe und viel früher als selbst die peinvollste körperliche Folter, würdelos und widerstandslos gegenüber Feinden. "Der Hunger / nötigte mich unselig, die härtesten Schläge zu dulden", klagt Odysseus. Es ist ein unglaublich demütigender (und tief ergreifender) Anblick, bis an die Schwelle des Todes herabgehungerten Menschen zuzusehen, wenn sie zum ersten Mal wieder etwas zu Essen kriegen: ihre blinde Gier, die alles Benehmen und alles Überkreatürliche glatt überspült, ihre wirre, momentane Dankbarkeit/Undankbarkeit gegenüber den Spendern, welche Absicht diese mit der Atzung auch verbinden mögen.

Sartre hat recht: Der Hunger widersetzt sich jeder überhöhenden, sei es poetischen, sei es philosophischen, Versprachlichung, obwohl es im Verlauf seines Ungestilltbleibens nach Auskunft der Mediziner – und nach der Erinnerung derer, die wirklich gehungert haben – Phasen gibt, die gar nicht einmal so unangenehm sind. Der Verhungernde durchlebt zeitweise halluzinatorische Euphorien und schließlich, kurz vor dem Ende, eine triumphierende Gleichgültigkeit gegenüber der Welt und ihren Zumutungen.

Man wähnt sich, fast wie in der unio mystica der Mystiker, die ja tatsächlich u.a. auch mit Hungerexerzitien hergestellt wird, in einer Art nie erahntem, nie für möglich gehaltenem Niemandsland höchster Behaglichkeit und glaubt, daß Gott und die Menschen zärtlich zu einem sind. Wer während des Verhungerns immer ausreichend Wasser zu trinken hat, der kann lange aushalten und die ganze Skala des körperlichen Abbaus und der damit verbundenen Gefühlsklaviaturen voll erfahren.

Nicht zuletzt dies ist das Bedrohliche und Empörende an der Hungersnot: sie erzeugt Wahnwelten und macht unempfindlich gegen die Wirklichkeit, sie ist der asoziale Affekt schlechthin. Wer in der Hungersnot denen, die sich nicht mehr selber helfen können (oder wollen), tätig beisteht, leistet nicht nur Nächstenhilfe, sondern bringt buchstäblich die Welt wieder ins Lot, gliedert sie, macht sie erkennbar.

Nicht irgendwelche Liebesbräuche, sondern tätige Hungerhilfe liefert uns die Stichworte für Epochenbenennungen. Wir sprechen von Jägerkulturen bzw. von Ackerbauerkulturen oder Viehzüchterkulturen, und wir sind wohl mit Recht davon überzeugt, daß es ganz überwiegend die Versuche zur jeweiligen Optimierung der Stillung des Hungers gewesen sind, die die Menschheit erst zur Menschheit gemacht haben.

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