Goethe unter der Bratwurst

Im Goethe-Jubiläumsjahr 1999 tauchte am Rande vieler Gedenkfeiern in gothetypischen Kleidern und mit frappierender Gesichtsähnlichkeit der 71jährige Bulgare und pensionierte Bauingenieur Christo Aprilov auf. Er war des Deutschen kaum mächtig und wirkte bei näherem Hinsehen kurios bis peinlich berührend, denn die Natur wiederholt sich niemals exakt; und bei genauer Betrachtung fehlte einem sogleich das geistvolle Mienenspiel, wie wir es aus den Goethe-Portraits kennen, eine Einmaligkeit, die freilich der verbissenste Anhänger des Klonens nicht nochmals erwarten dürfte. Daß Aprilov aber in geheimer Mission für eine „Goethe-Event-Agentur“, genauer für den HE-Film einträglich unterwegs war, das erfährt man erst jetzt, nach drei Jahren, als am 16. Juni im Kulturbahnhof in Kassel der satirische Dokumentarfilm „Goethe light“ am Rande der Documenta 11 Premiere hatte und die Kommerzialisierung des bekanntesten deutschen Dichters in der Welt, des gelegentlich und stets vergeblich angefochtenen Goethe, eine kurzweilige wie pikante Fortsetzung erfährt. Frickel hat nämlich den Bulgaren-Goethe zu einem wohl an der Oder-Neiße durchnäßten Asylanten gemacht, der als Anhalter nicht vom Bundesgrenzschutz, sondern von einem schlauen Frankfurter Päärchen, witzig und penetrant gespielt von Cornelia Niemann und Erich Schaffner, als Goethe-Double entdeckt und gnadenlos vermarktet wird, bis die polizeiliche Frage nach der Aufenthaltsgenehmigung Aprilovs das 92minütige filmische Marketing-Spektakel jäh beendet. Die Idee der Vermarktung wird in aller Breite und streckenweise amüsant als witzige Rahmenhandlung ausgewälzt, während die Dokumentarberichte über die Goethe-Feiern und Ereignisse von 1999 als interessantes belächeltes Stückwerk den Hintergrund abgeben. Abgesehen von einigen ironisch verfremdeten Goethe-Zitaten und dem per Lautsprecher mehrfach wiederholten Meistergedicht „Über allen Gipfeln“ auf der Goethe-Gedenkstätte Kickelhahn verschenkt die Persiflage fast alle Chancen, im Kontrast auch etwas Inhaltliches zu und von Goethe herüberzubringen. Auf die latente Frage der heutigen jungen, nicht unterrichteten Generation: warum wird denn überhaupt so viel gefeiert?, bleibt der Regisseur und Germanist Frickel die Antworten schuldig. Da wird mit dem Prisma gefummelt, weihevoll geredet und bratwurstselig gefestet, nachdem der Filmprospekt uns schon belehrt hat: „Mehr als 50 Bände einer Werkausgabe sind heute schlechterdings nicht mehr zumutbar. Ein einfacher, greifbarer, populärer Goethe für die wachsende Zahl der Nicht-Leser muß her.“ Und diese werden ihren stummen Goethe durchaus finden. Es lebe die Spaßgesellschaft mit Goethespaß! Wie sagte doch der Jahrtausende zurück- und Jahrhunderte vorausschauende Geistesfürst: „Es ist nichts schrecklicher als eine tätige Unwissenheit.“ In anderthalb Jahren soll „Goethe light“ auch im Fernsehen leicht zu sehen sein. Prof. Dr. Ludolf von Mackensen ist Vorsitzender der Kasseler Goethegesellschaft und Leiter des Museums für Astronomie und Technikgeschichte mit Planetarium der Staatlichen Museen Kassel.

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