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„Gehaßt, verdammt, vergöttert“

Wer 1990 in der „World of music“ nach einer Böhse-Onkelz-LP fragte, wurde grimmig angeschaut und mit den Worten „So’n rechten Scheiß führn ma nich“ abgefertigt. Anderthalb Jahrzehnte später ist alles anders: Die WOM-Kette ist verschwunden, und die Firma SPV hat 50.000 Einheiten der neuesten Onkelz-DVD „La Ultima“ ausgeliefert und so den Hessen schon vor dem Verkaufsstart den „Platin“-Status beschert. Und letztes Wochenende verhalfen die Onkelz dem defizitären Lausitzring zum größten Zuschauerandrang, den je ein Rockmusikfestival in Brandenburg hatte: 120.000 Fans hatten eine Karte für 70 Euro ergattern können (60.000 standen chancenlos auf der Warteliste), sowie unzählige Helfer, Freunde und Musiker waren angereist, um Abschied zu feiern. Denn die Böhsen Onkelz machen nach 25 Jahren Schluß. Die ersten Fanatiker kamen schon dienstags, am Mittwoch, dem offiziellen Beginn, lief dann nichts mehr auf der A13: Rostige Golf II mit Hartz-IV-Bedrohten, kleine Renaults mit blassen, schwarzgekleideten Gymnasiastinnen, aufgemotzte Ford und Opel mit bierseligen dicken Kahlköpfen aus Norddeutschland, Pärchen mit Dreier-BMW und Onkelz-Aufkleber in der Heckscheibe, Familien mit Kindern in Wohnmobilen, Daimler-Angestellte mit neuem E-Klasse-Benz, Handwerksmeister im japanischen Geländewagen und Bundeswehr-Soldaten im PS-starken Audi verursachten einen Mega-Stau. Die Nummernschilder verrieten die Herkunft aus Flensburg, Eupen, dem Ruhrpott, Zürich, Bozen, Wien, Dresden oder Rügen. Die Tankstellen und Märkte um den „Eurospeedway“ hatten ihren größten Umsatz – Unmengen an Bier, Cola, Wasser und Lebensmitteln wanderten über die Ladentische. Die weitläufigen Zeltplätze reichten kaum aus – wer Freitag kam, mußte über eine Stunde vom Auto zum Veranstaltungsgelände laufen. Dort erwarteten dann die Besucher neben der riesigen Hauptbühne zwei Zelte, in denen Amateurkapellen Onkelz-Lieder nachspielten oder Metal-Klänge zu hören waren. Es wurde Fußball gespielt, im „Funpark“ und bei der Dragstershow begeisterten sich vor allem die zahlreichen Jugendlichen, die oft gemeinsam mit ihren Eltern angereist waren. Der kleinere Nachwuchs konnte für 60 Euro im Festival-Kindergarten „abgegeben“ werden. Junge Damen lüfteten ihr Oberteil Entgegen immer wieder kolportierten Vorurteilen war es während der ganzen fünf Tage äußerst friedlich. Ein Grund: Man war „unter sich“. Weder Punker noch NS-nostalgische „Skins“ sorgten für gegenseitige Provokationen. Und das herrliche Wetter brachte zusätzlich gute Stimmung. Am Freitag ging es dann richtig los: mit Bands aus Deutschland, Dänemark Holland und den USA vor teils desinteressiertem Publikum. Damit man auch hundert Meter entfernt noch etwas mitbekam, waren – flankiert von Bier- und Imbißständen (die Maß für acht Euro!) – drei Reihen Großbildschirme und Lautsprecher aufgebaut. Um 20 Uhr sollte dann die britische Rocklegende Motörhead spielen, doch die stand im Stau, so daß Lemmy & Co. per Hubschrauber einflogen. Eine Stunde vor Mitternacht erreichten die „Wir woll’n die Onkelz sehn“-Gesänge ihren Höhepunkt. Die Videokameras nahmen gezielt junge Damen ins Visier, welche auf den Schultern ihrer Freunde saßen und kurz ihr Oberteil lüfteten, wenn sie dann in Großaufnahme zu sehen waren – wohl in der Hoffnung, so vielleicht mal auf einer DVD zu sehen zu sein. Dann endlich kamen Gitarrist Matthias Röhr, Bassist Stephan Weidner, Schlagzeuger Peter Schorowsky und Sänger Kevin Russel auf die Bühne, um noch einmal die wichtigsten Lieder ihrer Karriere bis 1992 zu spielen. Sie wurden zweieinhalb Stunden lang frenetisch gefeiert. Als sich danach 100.000 an den wenigen Ausgängen drängten, tat das der guten Laune keinen Abbruch – die Rettungskräfte hatten relativ wenig zu. Am Samstag begeisterten dann Gruppen wie die fränkischen Spaßmetaller J.B.O., die mittelalterlichen In Extremo, die Australier Rose Tattoo und Children of Bodom aus Finnland die schon leicht erschöpften Onkelz-Fans. Danach kamen die Onkelz ein letztes Mal auf die Bühne, um ihre wichtigsten Lieder der Jahre nach 1992 zu spielen. Sonntagfrüh, kurz vor drei, war dann endgültig alles vorbei: Ein Feuerwerk beendete ein Stück Musikgeschichte, bei dem zum Schluß viele Tränen flossen, nicht nur bei den Fans – Bandboß Weidner war zu Tränen gerührt. „Gehaßt, verdammt, vergöttert“ heißt ein altes Onkelz-Lied – und so läßt sich ihr Vierteljahrhundert wohl am besten zusammenfassen.

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