Joachim Kuhs

 

Possen um eine Grenzbaracke

U-Bahnlinie sechs, Haltestelle Kochstraße. Treppen rauf: Irgendwas war hier doch mal? Richtig, der „Allied Checkpoint Charlie“, der bekannteste Übergang zwischen Ost und West. Der Ort, an dem sich 1961 sowjetische und US-amerikanische Panzer gegenüberstanden – ein Schuß hätte den Dritten Weltkrieg auslösen können. Noch Ende der achtziger Jahre konnte man hier beobachten, wie ein DDR-Bürger versuchte, zu Fuß in den Westen zu gelangen und wenige Meter vor der Demarkationslinie von Grenzsoldaten zu Boden gerissen wurde. Westliche Staatspräsidenten und Bundeskanzler riskierten an diesem Ort einen Blick und gingen bis auf wenige Zentimeter an die Grenze heran. Und heute? Geschäftiges Treiben mitten im Zentrum einer Millionenmetropole. Es gleicht einem Wunder, daß nicht täglich Touristen von durchrasenden Autos umgefahren werden. Fast nichts erinnert an die Grenze zwischen zwei Weltanschauungen, die hier mal verlief. Das originale Kontrollhäuschen der westlichen Alliierten wurde schon im Juni 1990 abgebaut, seit August 2000 steht an seiner Stelle ein Nachbau. Mit Originalstücken wie dem selbstgenähten Fluchtballon oder dem Mini U-Boot, das zur Flucht über die Ostsee verhalf, bietet das Mauermuseum für viele die Gelegenheit, doch noch etwas Geschichte anschaulich nachzuvollziehen. Trotzdem wirkt die Mischung des bereits 1963 von Rainer Hildebrandt eröffneten Museums an der Mauer etwas überfrachtet und chaotisch. Zumindest erschließt sich selbst mit einem kurzen Begleittext nicht, was der rote Stern von Prag oder eine Büste von Breschnew, die an dessen Wohnhaus in Moskau angebracht war, nun in Berlin an der Außenfassade des Mauermuseums zu suchen haben. Doch in den vergangenen Jahren nahm das jahrmarktartige Treiben immer mehr zu. Wie auch am Brandenburger Tor verhökern zumeist Türken beidseitig der Friedrichstraße jede Menge DDR-Ramsch, der wohl als Massenware in Billiglohnländern hergestellt wird. Einzig ein Russe schien noch etwas Authentizität auszustrahlen. Er verkauft Gasmasken sowjetischer Bauart. Seine etwas schlampige Uniformordnung hätte ihm damals garantiert ein paar Jahre Straflager beschert. Seit einigen Monaten traten jedoch vermehrt auch Laienschauspieler auf, die für ein kleines Entgelt als DDR-Volkspolizisten posierten und Fotos von sich und diversen Begeisterten machen ließen. Bis zum 2. Juni. Da wurde es Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt zu bunt. Die Witwe des im Januar verstorbenen Museumsgründers Rainer Hildebrandt verhüllte das Grenzhäuschen kurzentschlossen mit blauen Plastikplanen, „um die Würde des Ortes zu wahren“. Die Situation eskalierte: Gerhard Lindner, seit Ostern dieses Jahres Inhaber des Souvenirladens gegenüber dem Museum, gibt zusätzlichen Anlaß für einen moralischen Aufstand. Ausgerechnet Lindner, den die Welt als Stasi-IM „Bernd Box“ enttarnte, gab dem Treiben Rückendeckung und spielte lautstark die Hymne der DDR. Die falschen Vopos wickelten sich aus Protest gegen die Verhüllung in Toilettenpapier. Bild, Berliner Morgenpost, taz und Tagesspiegel waren auch schnell zur Stelle, der Frontmann Tom Luszeit – ein Deutschamerikaner – zierte fast alle Titelseiten. Das seien gar keine Schauspieler, beschwerte sich Hildebrandt im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT, es handele sich bei Luszeit um den Betreiber einer Strip-Agentur! ( www.dance-factory.de ) „Es geht uns darum, daß an diesem Ort sich niemand zur Schau stellen sollte. Auch der Budenzauber rings um den Checkpoint stellt eine Entwürdigung dar“, so die geschäftsführende Vorsitzende des Museums am Checkpoint Charlie am Freitag gegenüber der JUNGEN FREIHEIT. Nun verlegten sich die „Schauspieler“ auf die weniger umstrittenen Uniformen der Alliierten und posierten mit Jeep am verhüllten Denkmal. Am letzten Freitag dann eine zusätzliche Hiobsbotschaft für Hildebrandt: Das Mauermuseum wurde vom grünen Stadtrat Franz Schulz-Herrmann des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg ultimativ aufgefordert, bis zum Montag die Plane vom Häuschen abzunehmen. Ansonsten drohe eine kostenpflichtige Entfernung nebst Bußgeld von bis zu 10.000 Euro. Ingeborg Junge-Reyer, SPD-Senatorin für Stadtentwicklung, ergänzte lediglich, daß nun die Verkehrspolizei die Straßenverkehrsfunktion durchsetzen sowie ein Zebrastreifen angelegt werde. Einzig der stellvertretende Vorsitzende der CDU in Berlin, Kai Wegner, stellt sich auf die Seite des Museums. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) müsse endlich Farbe bekennen und die Inszenierungen von ehemaligen Mitarbeitern des MfS umgehend beenden, hieß es in einer Pressemitteilung vom 11. Juni. Die Arbeitsgemeinschaft 13. August e. V. (ARGE) reagierte umgehend und legte noch am Freitag Widerspruch beim Bezirksamt ein. Man wolle die Sache bis zum Schluß ausfechten, so Hildebrandt. Man müsse „eine Satzung entwickeln, wie sie auch schon für das Brandenburger Tor besteht. Es ist viel denkbar, aber es muß ein Wille vorhanden sein.“ Der ist sogar im Rot-Roten Berlin vorhanden: Am Dienstag enthüllte Alexandra Hildebrandt das Häuschen wieder, die zuständigen Stellen hätten ihr zugesichert, künftig keine Fotographieorgien an dieser Stelle zuzulassen. So wolle man die Würde des Ortes wieder herstellen. Protest lohnt sich also doch! Foto: Alexandra Hildebrandt, verhülltes Kontrollhaus vor dem Mauermuseum: Würde wieder hergestellt.

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