Zwischen Verständnis und Häme

Bereits vor dem Beginn des Irak-Krieges lag es in Rußland in der Luft, daß sich die Medien bei der Kriegsberichterstattung aus dem Irak proirakisch positionieren würden: zu viele wirtschaftliche Interessen Rußlands sind mit denen des Iraks aufs Engste verknüpft. Dazu kommt noch, daß die wachsende globale Vormachtstellung der Vereinigten Staaten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus für viele Russen ein Schlag ins Gesicht zu sein scheint. Einige Wochen später, nach dem Beginn des amerikanisch-britischen Feldzuges gegen den Irak hat die russische Medienwirklichkeit alle Erwartungen übertroffen. Ein neuer Journalistenwitz aus der russischen Hauptstadt lautet: Man könnte die Nachrichtensendungen aus dem Moskauer Fernsehstudio „Ostankino“ ins Arabische übersetzen und sie anschließend dem irakischen Informationsministerium als humanitäre Hilfe zur Verfügung stellen. Für den ersten Kanal des russischen Fernsehens ORT ist das Wort „Besatzungskräfte“ für die Einheiten der amerikanisch-britischen Koalition beinahe zur offiziellen Bezeichnung geworden. Viel mehr als die Nachrichten sind dabei der Ton der Berichterstattung sowie die Auswahl und die Reihenfolge der Sujets der Reportagen interessant. In erster Linie erfährt man derzeit aus den russischen Nachrichtensendungen, daß „die Amerikaner schon wieder die ihrigen getroffen haben“. Dabei variiert der Ton dieser Ankündigung von einem leicht offen-schadenfrohen (nach dem Motto „Verdient haben sie es allemal“) in den Kanälen ORT und RTR bis zu einem abgehoben-süffisanten (nach dem Motto: „Wer hätte schon daran gezweifelt, daß sie daneben schlagen würden?“) in den Kanälen NTV und TVZ. Im Zusammenhang mit dem Krieg gegen Saddam Hussein schrieben die russischen Medien vor allem über das Erdöl (30 Prozent der Publikationen), über Kämpfe und militärische Auseinandersetzungen (14 Prozent), Luftangriffe und Bombardements (11 Prozent). 14 Prozent der Artikel behandelten die Opfer in der Zivilbevölkerung. In 8 Prozent der Beiträge ging es um die durch Angriffe verursachten Zerstörungen. Viel weniger interessierten sich die Journalisten für das Schicksal der irakischen Menschen: die Bezeichnung „Zivilbevölkerung“ kam in nur 5 Prozent der Artikel vor. Wenn man diesen Krieg mit dem Krieg der USA in Afghanistan vergleichen würde, so scheinen die Ereignisse im Irak die Aufmerksamkeit der russischen Journalisten viel mehr auf sich zu ziehen, als damals nach dem 11. September: In der ersten Woche des Krieges gegen die Taliban-Milizen in Afghanistan wurden um die Hälfte weniger Artikel veröffentlicht, als in diesen Tagen. „Aggression“ und „Besatzung“ kamen bei der Berichterstattung in nur 7 Prozent der Artikel vor. Damals avancierte das Wort „Terrorismus“ in allen Variationen zum Lieblingsbegriff der russischen Zeitungsmacher. Es wurde in 63 Prozent der Artikel erwähnt. In bezug auf den heutigen Irak-Krieg wird dieses Wort nur in 17 Prozent der Veröffentlichungen verwendet.

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