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Bündnis der Chefankläger

Genüßlich titelte der Berliner Tagesspiegel mit „vertauschten Rollen“, als er über den mittlerweile zweiten Talkshow-Auftritt des im Sommer diesen Jahres über die Kokain- und Hurenaffäre gestürzten Michel Friedman in der TV-Sendung „Der Grüne Salon“ berichtete. Der seit dem 7. Juli vorbestrafte Friedman wurde dort von den beiden Moderatoren Andrea Fischer und Claus Strunz fachgerecht seziert und dem Publikum – welches nicht nur einmal höhnisch lachte – bröckchenweise zum Fraß vorgeworfen. Insofern also nichts Neues für den Frankfurt Rechtsanwalt, dem diese Praxis von seiner eigenen ehemaligen Sendung „Vorsicht Friedman!“ zu Genüge bekannt sein dürfte. Für Friedman, der bislang selbst die Position des moralischen Anklägers genüßlich auskostete, dürften die schadenfrohen Reaktionen aus Publikum und Presse eine völlig neue Erfahrung gewesen sein. Schließlich wagt es jetzt selbst Harald Schmidt, Friedman zum „Liebling des Monats“ zu ernennen – bis zum Juli diesen Jahres ein unvorstellbarer Vorgang. Doch während sich die Wogen um Friedmans Auftritte, sein öffentlich zur Schau getragenes Selbstmitleid sowie seine ungebremste Aggressivität langsam glätten, fragt niemand, weshalb der von allen Ämtern Zurückgetretene überhaupt in der NTV-Sendung ein so prominent plaziertes Podium betreten darf. Im Vergleich zu seinen Vorgängern Friedrich Merz, stellvertretender Vorsitzender der Unions-Fraktion im Bundestag, und Sigmar Gabriel, immerhin noch SPD-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, gibt es an dem ehemaligen Zentralratsvize Friedman ein allenfalls boulevardeskes Interesse. Bereits für die Titulierung Friedmans als „Publizist und Autor“ dürften sich mehrere Redakteure bei der Planung der Sendung die Köpfe heißdiskutiert haben. Und so landete Friedman während der Sendung auch nur einen klaren rhetorischen Punkt für sich, nämlich als er auf die Frage des Moderators Claus Strunz, weshalb er in die Öffentlichkeit zurückdränge, wahrheitsgemäß antwortete: „Sie haben mich doch eingeladen.“ Wie ist Friedmans gutgeölte Rückkehr in die Öffentlichkeit zu erklären? Die Frage nach den Verantwortlichen für das Comeback des für immer in der Versenkung geglaubten Frankfurter Rechtsanwalts wird laut. Tobias Brendle, der Autor eines vom „Friedenskomitee 2000“ des Starnberger Friedensforschers und ehemaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten Alfred Mechtersheimer verlegten „Dossiers“, versucht sich einer Erklärung zu nähern. Unter dem Titel „Vorsicht Friedman – Anatomie einer heimlichen Medien-Seilschaft“ leuchtet er hauptsächlich mittels Zitaten die mediale Umgebung Friedmans aus. Die Verbindung zu Friedmans Produktionsgesellschaft, der in Berlin sitzenden „Ave – Gesellschaft für Fernsehproduktion mbH“ ist hierbei die nächstliegende. Die Tochter des Holtzbrinck-Verlags, die bis zur Einstellung die Sendung „Vorsicht Friedman!“ produzierte beliefert außer dem Hessischen Rundfunk noch das ZDF, 3sat, RTL, RTL2, ProSieben, ORB und NTV mit Sendeformaten – NTV übrigens mit dem „Grünen Salon“. Geschäftsführer der Ave ist Walid Nakschbandi, der in jungen Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kam. Einem größeren Publikum wurde der „deutsche Staatsbürger afghanischer Herkunft“ (Süddeutsche Zeitung) mit einem im September 2000 in der SZ erschienenen Aufsatz bekannt. Dort geht „Weltbürger“ Nakschbani mit „den Deutschen“ hart ins Gericht: „Fragwürdig, dumm und lächerlich-gefährlich ist es, was Ihr von Euch gebt, wenn Menschen geschlagen, erniedrigt und ermordet werden. Ihr seid Weltmeister der Augenwischerei und des Vertuschens und könnt auf jede Melodie ‚Nie wieder‘ singen. Doch in Euren Herzen und in den Köpfen ist offensichtlich das ‚immer wieder‘ und ‚Immer mehr‘ eingebrannt.“ „Als Menschen versagt“ hätten die Deutschen, sie seien nur noch als „lästige Gaffer“ beim „leidvollen Prozeß“ der Internationalisierung der Deutschen. „Wir werden die deutsche Gesellschaft in Ost und West verändern“, verspricht Nakschbandi. „Wir“, das sind die „Ibrahims, Stefanos, Marios, Laylas und Sorayas“. „Ihr“, damit meint Nakschbandi seiner Meinung nach unaufrichtigen, unmodernen und rückständigen Deutschen. Nakschbandi gefällt sich in der Pose des Anklägers – kein Wunder, daß er und Friedman zueinander fanden. Brendle zeichnet im Dossier Nakschbandis Lebenslauf detaillreich nach und verliert hierbei den politischen roten Faden des Fernsehproduzenten nicht aus den Augen. So arbeitete Nakschbandi in den neunziger Jahren im Zuge seines politikwissenschaftlichen Studiums in Berlin als wissenschaftlicher Referent der Grünen-Bundestagsfraktion. In dieser Funktion soll er nach Recherchen Brendles auf den „linken Parteiflügel“ gesetzt haben. Danach folgt seine steile Karriere im Medienbereich, die ihren vorläufigen Höhepunkt in seiner Berufung zum Geschäftsführer der Ave-Produktionsgesellschaft im Jahr 1999 erreichte. Als solcher brachte er beispielsweise die Grünen-Politikerin Andrea Fischer – eine Mitstreiterin aus alten Tagen – als Nachfolgerin von Erich Böhme beim „Grünen Salon“ unter oder erfand die Sendung „Vorsicht Friedman!“ für das deutsche Publikum. Brendles Dossier beleuchtet außerdem noch die Rolle Alice Brauners, deren Literatur-Magazin „Seite 17“ ebenfalls von Ave produziert wird. „Heimlich“, wie der Titel des Dossiers suggeriert, ist diese Medien-Seilschaft allerdings keineswegs – sie ist für jeden, der sich der Realität nicht verschließt, nachvollziehbar. Und das heißt: Mit Michel Friedman ist auch weiterhin zu rechnen. Tobias Brendle: Vorsicht Friedman – Anatomie einer heimlichen Medien-Seilschaft, erhältlich beim Friedenskomitee 2000, Postfach 1308, 82303 Starnberg, 19 Seiten, 3 Euro

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