Valium für die Seele

Wer kennt sie nicht, die Frau, die das Kunststück fertig bringt, durch geschlossene Zähne ganze Sätze hervorzubringen? Nachdem Margarete Schreinemakers aufgrund ihrer öffentlichen Steuererklärung von SAT.1 gegangen wurde, war jahrelang von ihr weder etwas zu sehen noch zu hören. Und, um mit unserem Kanzler zu sprechen, das war auch gut so! Zu früh gefreut. Nach der Pleite der letzten Staffel von „Big Brother“ (ob uns noch eine Fortsetzung droht, steht immer noch nicht fest) ließ sich RTL2 ein weiteres „Lowlight“ einfallen: Seit Ende Mai macht „big diet“ selbst das Umschalten zu Werbeprogrammen der Konkurrenzsender zu reinem Vergügen. Und um dem Flop noch mehr Vortrieb zu leisten, fehlte noch eine Frau, die die Abnahmewilligen begleitet – als leuchtendes Beispiel vorangehend. So erfuhr der Zuschauer, warum er so lange nichts von Magarete gesehen hat: Sie hat abgenommen. Gertenschlank stand sie nun den Kandidaten zur Seite, wenn es darum ging, sie in alle möglichenVersuchungen zu führen. In den von Kameras durchleuchteten Container zogen 1.295 lebende Kilogramm, verteilt auf zwölf Personen. Das Ziel: abnehmen, koste es, was es wolle. Für zwölf Wochen müssen nun alle Kandidaten Sport treiben, bis die Schwarte kracht, sich von Gesundheitsexperten überprüfen lassen und einen peinlich genauen Diätplan einhalten. Ein Minimum müssen sie essen; was sie mehr vertilgen, schlägt sich in Negativpunkten auf der Waage nieder. Die Welt wußte auch von dem Sinn der ganzen Aktion zu berichten: Deutschland soll schöner werden! Na, wenn es so etwas braucht. Vorerst hatte Schreinemakers dabei die Funktion, alle zwölf mal in einen Biergarten Gassi zu führen. Und sie riß die Zuschauer mit. Am Decksteiner Weiher in Köln schloß sich eine Gruppe Spaziergänger den „big diet“-Leuten bei „K.i.K“-Übungen an. Nein – nicht KdF, „K.i.K“: Kraft im Körper. Alle Wetter! Später im Studio erläutert Schreinemakers auf ihre „Ich werf die Stirn in Falten und guck ganz mitleidig“-Art, warum Beatrix weinend mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern telefoniert. Anschließend gilt es, mit Aerobictrainer Georg – extra aus Amerika eingeflogen – einige „Büro-Übungen“ zu absolvieren. Aufstehen und hinsetzen und aufstehen und hinsetzen…, dann darf Gaststar DJ Ötzi, nachdem er sein kulturelles „Highlight“ des Abends „Doh Wah Diddy“ präsentieren konnte, noch mit hochgehobenem Stuhl drei Runden mit einem „brrrrrrrrm“ auf den Lippen (ganz wichtig, meint zumindest Georg) um den aufgestellten Tisch düsen, um völlig außer Puste neben einer – man sieht es selten – richtig laut lachenden Schreinemakers wieder zum Stillstand zu kommen. Was die Hauptpersonen des ganzen Spieles derweil tun, nimmt sich wie ein Buch „Tips zum Einschlafen“ aus. Ein kleiner Auszug: Fitness-Bike-Stunde mit Trainer Georg, Ernährungsexpertin Franca erläutert den Entschlackungstag, Sabina träumt von einem Leberwurstbrot, und wer jetzt noch nicht mit dem Kopf auf das Bierglas aufgeschlagen ist, der konnte mit Spannung verfolgen, wie Claudia (sie ist ein Single) dem Klaus (der ist verheiratet) in der Nacht die Rückenhaare auszupft. Nein so ein Skandal! Was nimmt es da Wunder, daß Schreinemakers zwei Wochen nach dem Start das Handtuch wirft, weil die „programmlichen Vorstellungen zu weit auseinanderliegen, um gemeinsam realisiert werden zu können“, wie sie in der Begründung sagte. Welches Programm meint sie eigentlich? Nun soll Jenny Elvers die Kartoffeln aus dem Feuer holen, bevor RTL2 nach der Senkung der Werbepreise bald Spendenaufrufe starten muß. Sie soll die Sache richten und hat auch im Vorfeld schon etwas versprochen: „Ich werde keinem Gast auf das Knie fassen.“ Toll. Geht es bei Diät nicht auch um sparen? Ach ja, man hätte sich lieber die ganze Sache sparen sollen.

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