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Frau mit Tablet: Tech-Riesen können bestimmen, welche Zeitungen an ihren Online-Kiosken erhältlich sind picture alliance / Zoonar | Khakimullin Aleksandr D9

Tech-Firmen kooperieren mit Verlagen
 

Die neuen amerikanischen Gatekeeper

In ihrer Finanznot dienen sich die großen deutschen Pressehäuser den US-Tech-Giganten an. Nach Google, Apple und Microsoft ist nun auch Facebook mit einer journalistischen Plattform online gegangen. Kritiker befürchten, die amerikanischen Unternehmen werden damit endgültig zum Torwächter über das, was deutsche Internet-Nutzer lesen können. Außerdem drohe trotz der Gelder aus dem Silicon Valley eine Abhängigkeit, denn die Bedingungen für die Kooperationen „diktieren“ die Amerikaner.

Vergangene Woche startete Facebook News, das Nutzern in einer eigenen Kategorie Presseinhalte vorschlägt. Mehr als hundert deutsche Verlage sind dabei – auch Axel Springer. Das Berliner Haus hatte bis zuletzt den Anschein erweckt, nicht mitmachen zu wollen. Besonders pikant: Als Vorsitzender des Zeitungsverleger-Verbandes (BDZV) hat Springer-Chef Mathias Döpfner gegen die Kooperation gewettert. Dies sorgt nun für Verärgerung bei den Mitbewerbern; sie fühlen sich getäuscht. Facebook darf seiner Community sogar kostenfrei Texte liefern, die bei Welt und Bild hinter der Bezahlschranke stehen.

Alle Verlage haben individuell mit dem Konzern verhandelt, die Preise sind geheim. Beobachter gehen allerdings davon aus, daß Springer den besten Deal abgeschlossen habe. Dafür spricht nicht nur, daß das Medienhaus erst am Tag des Starts von Facebook News dazukam. Vielmehr hat es sich über seine Tochter „Upday“ auch den Auftrag gesichert, die Inhalte zusammenzustellen.

Verhältnis zum Leistungsschutz

Dies spült nicht nur zusätzliches Geld in die Kassen, es weckt weiteren Argwohn bei den anderen Verlagen. Wird Facebook womöglich bevorzugt Bild– und Welt-Texte anzeigen? Die Amerikaner widersprechen. Das „Upday“-Team stehe unter der Aufsicht des Social-Media-Riesen.

Auf ähnliche Weise haben andere amerikanische Tech-Riesen die Leistungen deutscher Pressehäuser eingekauft. Apple betreibt zum Beispiel „News+“. Die Kooperationen spielen vor dem Hintergrund eines geplanten Leistungsschutzgesetzes, das kurz vor der Verabschiedung steht. Es könnte die US-Konzerne aufgrund der Verbreitung journalistischer Inhalte zu umfangreichen Lizenzzahlungen zwingen.

Medienexperten spekulieren deshalb, daß Google, Apple und jetzt auch Facebook solche Zahlungen in den Verträgen ausgeschlossen haben. Damit würde die neue Rechtslage ausgehebelt. Springer hat sich diesen Verzicht jedoch nicht abringen lassen. In einer Mitteilung hieß es, das künftige Presseleistungsschutzrecht sei von der Zusammenarbeit „ausdrücklich ausgenommen“. Dieser Erfolg dürfte Döpfner bei seinen Kollegen nicht beliebter machen.

Fast alle großen Mainstream-Medien an Bord

Der Springer-Chef beschwichtigte und sprach nicht nur von einem „strategischen Meilenstein für unser Haus und die ganze Branche“, sondern von einem „fairen und berechenbaren Verhältnis zwischen Inhalte-Anbietern und Plattformen“. Dies dürfte vor allem auf seinen Konzern zutreffen. Denn der profitiert auch noch von Vereinbarungen über gemeinsame Produktentwicklungen im Video- und Audiobereich. Insgesamt soll Facebook an Springer, so berichtet es der Branchendienst Horizont, in den kommenden drei Jahren eine dreistellige Millionensumme zahlen.

Bis auf Burda (u.a. Focus, Bunte) sind alle großen Mainstream-Verlage bei Facebook News dabei. Mark Zuckerbergs Unternehmen bildet nur Medien ab und fördert sie finanziell, wenn sie bestimmte Standards einhalten. Vermeintliche Verschwörungstheorien und Fake News sollen damit eingedämmt werden. Facebook läßt verlauten: Man wolle „den Menschen auf unserer Plattform mehr Qualitätsjournalismus zur Verfügung stellen und gleichzeitig den Verlagen mehr Monetarisierungsmöglichkeiten bieten“.

Ins gleiche Horn stößt Stephan Thurm, der Digitalchef der Funke-Mediengruppe (u.a. Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt): „Wir freuen uns sehr, daß Facebook fundiertem Journalismus mehr Platz und Gewicht einräumt und damit auch der Verbreitung von Fake News entgegenwirkt.“

Kritik an Springer

Voll des Lobes ist auch Zeit Online: Gerade in unsicheren Zeiten seien „verläßliche Quellen von Informationen eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen konstruktiv geführten gesellschaftlichen Diskurs“, betont Geschäftsführer Enrique Tarragona. Man sei „sehr froh darüber, unseren Qualitätsjournalismus auch auf dieser Plattform zu präsentieren“. Der Online-Auftritt der Wochenzeitung wolle dadurch nicht nur neue Leser, sondern „gegebenenfalls auch neue Abonnenten gewinnen“.

Kritisch sieht die Kooperation dagegen Horizont. Das Magazin meint, nach Springers Täuschungsmanövern und dem letztlichen Millionendeal „schauen jene Häuser in die Röhre, die sich von dem US-Tech-Riesen billig kaufen ließen oder Mark Zuckerbergs Verlockungen widerstanden“. Der Zickzack-Kurs Döpfners habe „das Zeug, eine Branche, die sich oft uneins ist, weiter zu entzweien“.

Diese Bedenken wischt Facebook beiseite. Vorstand Sheryl Sandberg freute sich über den prominenten letzten Zugang. Man könne im Nachrichten-Angebot nun eine noch „größere Auswahl an verläßlichen journalistischen Inhalten“ bieten. Auf der anderen Seite erhoffen sich die Zeitungen und Zeitschriften nicht nur neue Einnahmen, sondern auch mehr Reichweite. Umgekehrt dürften jene Medien, die ausgeschlossen bleiben, an den Rand des Internets gedrängt werden.

Neue Abhängigkeiten

Ähnlich startete bereits im Oktober vergangenen Jahres die Zusammenarbeit deutscher Medien mit Google. Auf der Plattform „News Showcase“ präsentiert das Unternehmen nach eigenen Worten „qualitativ hochwertige, journalistische Artikel“. Google bezahlt dafür Lizenzgebühren. Damit wolle man „die Zukunft des Journalismus unterstützen“. In Wirklichkeit dürfte es auch hier um die Umgehung des Leistungsschutzgesetzes gehen. Weltweit verteilt der Konzern für diesen Dienst in den ersten drei Jahren eine Milliarde US-Dollar an die Verlage.

Diese begeben sich damit in immer größere Abhängigkeit der Tech-Unternehmen. Denn Google kauft auch Inhalte, die die Medien kostenpflichtig anbieten. Diese werden dann kostenlos angeboten. Google dürfte damit der größte Abonnent sein. Allerdings sind in Deutschland zunächst nur 20 Medienhäuser dabei. Darunter alle großen, bis auf Springer und die Süddeutsche Zeitung.

Im Februar folgte Microsoft. Der Softwarehersteller, der nun mit diversen europäischen Verleger-Verbänden kooperiert, zu denen auch der von Döpfner geführte BDZV gehört, kündigte ein System für die Bezahlung von Inhalten im Netz an. Ziel sei es, daß „marktbeherrschende Gatekeeper“ die Presse für die Nutzung ihrer Inhalte finanzierten. Außerdem sei, so Microsoft, der Zugang zu den Mainstreammedien „entscheidend für den Erfolg unserer Demokratien“.

„Keine Partner auf Augenhöhe“

Eine große Gefahr für die deutschen Verlage erkennt dagegen der Kommunikationswissenschaftler Ingo Dachwitz in den Kooperationen. Er hat eine Studie über die Zusammenarbeit mit Google erstellt und sieht bei Facebook eine ähnliche Problematik. Deutsche Medienhäuser und die US-Unternehmen seien „keine Partner auf Augenhöhe“.

Dementsprechend wenig gleichmäßig seien die Verhandlungen gelaufen: „Das sind die Bedingungen, die Facebook diktiert.“ Es gebe zum Beispiel „relativ kurze Kündigungsfristen“. Dachwitz befürchtet, die Amerikaner könnten „sich das ganz schnell anders überlegen“. Dann stünden die deutschen Journalisten „im Regen“.

JF 22/21

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