Oliver Kirchner (AfD)
Oliver Kirchner (AfD): Wegen Falschnachrichten in den Schlagzeilen Fotos: picture alliance/Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/ZB / Screenshots von idowa.de und noz.de / ZUMA Press / JF-Montage
Fake-News über AfD-Politiker Kirchner

Zu schön, um wahr zu sein

Es ist ein klassischer Fall von Journalismus, bei dem der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Die Schlagzeile war offenbar für einige Vertreter der berichtenden Zunft zu schön, als daß man sie hätte durch etwas Recherche gefährden können. Ein AfD-Politiker, der nach Griechenland reist, um die Grenzschützer zu unterstützen. Dort angekommen, trifft er jedoch auf den geballten antifaschistischen Widerstand. So konnte man es am Wochenende auf zahlreichen Nachrichtenseiten und News-Portalen im Internet lesen.

„AfD-Fraktionschef Kirchner gerät auf Lesbos mit Linken aneinander“, meldete der MDR.  Der Spiegel wußte zu berichten, der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt und Oppositionführer, Oliver Kirchner, habe gemeinsam mit dem rechten Blogger Oliver Flesch „bei einer antifaschistischen Demonstration in der Inselhauptstadt agitiert“. Als Quelle diente dem Spiegel dabei unter anderem die Inselzeitung Sto Nisi.

Ursprung für die Berichterstattung der meisten deutschen Medien war zudem die Nachrichtenagentur dpa, die mit als erster vermeldete, der AfD-Politiker Kirchner sei auf Lesbos in eine Auseinandersetzung mit linken Demonstranten geraten. Das Blöde an der Geschichte war nur: Kirchner war überhaupt nicht auf Lesbos. Statt dessen war er sowohl Sonnabend als auch Sonntag in seinem Landtagsbüro in Magdeburg, wie er auf Nachfrage der JUNGEN FREIHEIT berichtet. „Meine Frau hat mich dann angerufen und mir erzählt, was da gerade über mich in den Nachrichten zu lesen ist. Ich konnte das erst gar nicht glauben.“

„Abschreibejournalismus“

Er habe daraufhin den MDR kontaktiert und den Sender darüber aufgeklärt, daß er zu keinem Zeitpunkt auf Lesbos war. Im Laufe des Wochenendes hätten ihn dann mehrere E-Mails und Nachrichten erreicht, in denen er beschimpft wurde und die Absender ihm drohten, die Antifa-Attacken auf Lesbos seien nur der Anfang gewesen. Er werde noch mehr solcher Erlebnisse haben. „Das sind die Folgen des Abschreibejournalismus, bei dem jeder ungeprüft kopiert, was ein anderer falsch berichtet hat“, kritisiert Kirchner. „Statt zu recherchieren, behauptet man einfach etwas. Egal, ob es stimmt.“

Doch wie war es zu der Geschichte gekommen? Anlaß dürfte der Blogger Oliver Flesch sein, der am Wochenende zusammen mit seinem Kameramann Stefan Bauer auf Lesbos war und dort in der Tat am Sonnabend von linksradikalen Demonstranten bedrängt wurde. Flesch hat seine Erlebnisse auf dem Internetportal 19vierundachtzig.com geschildert. Schon zuvor hatte er auf Facebook geschrieben: „Lesbos: Wir wurden von etwa 20 bis 25 Antifa-Anhängern eingekesselt. Unser Dank geht an die griechische Polizei, die uns da rausgeholt hat.“

Als dann die ersten Berichte erschienen, laut denen er gemeinsam mit Kirchner auf Lesbos gewesen sein soll, stellte Flesch schnell öffentlich klar, daß dies nicht der Fall war. Er kenne den AfD-Politiker nicht einmal, geschweige denn sei er mit ihm auf der Insel gewesen. Doch es dauerte noch einige Zeit, bis sich dies auch bei den deutschen Journalisten rumsprach. Die dpa korrigierte daraufhin ihre Meldung. Kirchner sei gar nicht auf Lesbos gewesen, ergänzte die Agentur in einem redaktionellen Hinweis. Beim Spiegel allerdings hat sich die Korrektur bislang offenbar noch nicht rumgesprochen. Der falsche Bericht findet sich dort nach wie vor. Anders der MDR: Der Sender hat seine Meldung über den angeblichen Vorfall gelöscht.

Kirchner: Man hätte doch einfach nachfragen können

Die taz dagegen setzte sogar noch einen drauf. Während Kirchner am Sonntag von seinem Zuhause in Magdeburg via Facebook seinen Followern einen schönen Frauentag wünschte, höhnte das linke Blatt aus Berlin, der Besuch auf Lesbos sei für den AfD-Politiker wohl doch nicht so erfreulich verlaufen, wie er es sich vorgestellt habe.

Der AfD-Fraktionschef aus Sachen-Anhalt sei auf der Insel von „Antifaschist*innen eingekesselt“ worden, frohlockte die taz und fügte der falschen Geschichte noch eine weitere frei erfundene Anekdote hinzu. „Retterin in der Not: die griechische Polizei. Voller Dankbarkeit zeigt sich der AfD-Politiker für seine Befreiung aus den Fängen der Antifa.“ Zwar hätte ein Blick auf Facebook oder ein kurzer Anruf genügt, um zu bemerken, daß an der Story etwas nicht stimmen konnte, doch offenbar waren einige bei der taz angesichts des vermeintlichen antifaschistischen Denkzettels für einen AfD-Politiker so aus dem Häuschen, daß man auf einen kurzen Faktencheck verzichtete.

Kirchner hingegen behält sich rechtliche Schritte gegen die Falschberichte vor. Die Darstellungen seien rufschädigend, er habe die Angelegenheit einem Anwalt übergeben, sagte er der JF. Zwar habe ihn eine Journalistin von dpa angerufen und sich bei ihm für den Fehler entschuldigt, dennoch habe er kein Verständnis dafür, wie man so eine Geschichte schreiben und weiterverbreiten könne, ohne denjenigen, um den die Geschichte gehe, auch nur einmal zu kontaktieren.

Oliver Kirchner (AfD): Wegen Falschnachrichten in den Schlagzeilen Fotos: picture alliance/Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/ZB / Screenshots von idowa.de und noz.de / ZUMA Press / JF-Montage

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