Sylvester Stallone spielte in "Copland" einen Polizisten, der lange die Augen vor Korruption in den eigenen Reihen verschloß Foto: picture alliance/Mary Evans Picture Library
Sylvester Stallone spielte in „Copland“ einen Polizisten, der lange die Augen vor Korruption in den eigenen Reihen verschloß Foto: picture alliance/Mary Evans Picture Library
„Freund und Helfer“

Der Polizeifilm taugt nicht zur Schwarz-Weiß-Malerei

Der Polizist als böse Symbolfigur in einer rassistischen Gesellschaft. Die Proteste der „Black Lives Matter“-Bewegung und politische Forderungen, wie das Berliner Antidiskriminierungsgesetz zielen dabei nicht nur auf die real existierenden Beamten, sondern zunehmend auf die mediale und kulturelle Darstellung der Polizei.

Die Formel: „die Polizei, dein Freund und Helfer“, die eine Bitte um Vertrauen in das staatliche Gewaltmonopol umschreibt, soll zerstört werden. Der Uniformträger als Feind des Bürgers, zumindest solange er keine rote Fahne am Revers trägt: ein klassischer Fetisch linker Kräfte.

Fernsehsender und Produktionsfirmen reagieren. So wurde etwa die Reality-Serie „Cops“ aus dem Programm genommen. Doch der Geschäftsführer der Bürgerrechtsorganisation Color of Change, Rashad Robinson, betonte gegenüber der New York Times: „Wir wollen noch mehr solcher Schritte sehen.“ Selbst Zeichentrinkserien für Kinder geraten ins Visier der Tugendwächter. Mit Blick auf die Forderungen nach Einstellung der kanadischen Produktion „Paw Patrol“, forderte Amanda Hess in der New York Times, den „Archetyps des guten Polizisten zu verbannen“. Für den SZ-Autor Jürgen Schmieder ist der Polizeifilm ein „umstrittenes Genre“, in dessen Anfangszeiten „Polizisten positiv gezeigt“ wurden, um „Drehgenehmigungen für öffentliche Orte leichter zu bekommen“.

Filmpolizisten kämpfen an mehreren Fronten

Von einer einseitigen Glorifizierung von Polizisten in Film und Fernsehen kann allerdings kaum die Rede sein. Vielmehr zeichnet das Genre seit Jahrzehnten komplexe zwischenmenschliche Dynamiken, Subkulturen und ambivalente Charaktere, die (ver)zweifeln, hadern und vor Fehltritten nicht gefeit sind. Ihr Pendeln zwischen Familienleben und Überleben im rauen Berufsalltag verlangt ihnen viel ab. In ihnen und ihren Geschichten spiegeln sich die Höhen und Tiefen der Gesellschaft.

Demensprechend kämpfen sie in Filmen nicht nur gegen kleine wie große Kriminelle, sondern auch oft gegen Korruption in den eigenen Reihen, untätige Vorgesetzte und Politiker oder Kollegen, die Gesetze und Regeln vorsätzlich oder notgedrungen brechen. Beispiele dafür bieten Mark Wahlberg in seinem aktuellen Netflix-Streifen „Spenser Confidential“, Bruce Willis in „16 Blocks“ (2006) oder Russell Crowe und Kevin Spacey  in „L.A. Confidential“ (1997).

Clint Eastwood ging als „Dirty Harry“ – selbst kein Kandidat für einen Politicall Correctness Preis – bereits 1973  gegen desillusionierte Motorradpolizisten vor, die das Recht in die eigene Hand nahmen. Schon Gene Hackmann konnte im Klassiker „French Connection“ (1971) ordentlich austeilen. Der Grat zwischen Held und Anti-Held des Alltags ist stets schmal. Harvey Keitel (1992) und Nicolas Cage (2009) verkörperten den abgewrackten und drogensüchtigen „Bad Lieutenant“. Kurt Russels Methoden in „Dark Blue“ (2002) waren mehr als grenzwertig, und Woody Harrelson war 2011 in „Rampart“ vor dem Hintergrund massiver Familienprobleme ein „Cop außer Kontrolle“.

Die Charaktere sind vielschichtig

In „Copland“ (1997) legte sich Silvester Stallone als Kleinstadtsheriff erst nach einer langen Zeit des unterwürfigen Wegschauens mit seiner verschworenen Nachbarschaft krimineller Cops an, die nicht zuletzt durch die Erlebnisse im benachbarten Moloch New York jeglichen Gerechtigkeitssinn verloren hatten. Selten gibt es nur den „Good Cop“, insgesamt erhalten die „Bad Cops“ und die menschlichen Abgründe der Figuren genusoviel Platz wie Anstand und Opferbereitschaft für die Gemeinschaft. Eben das macht die Figuren greifbar und Produktionen authentisch.

Die Schattenseiten und negativen Entwicklungen unterscheiden nicht zwischen Schwarz und Weiß, wie der Film „Brooklyn’s Finest“ von 2009 darstellt, in dem der weiße Ermittler Sal (Ethan Hawk) angesichts von finanziellen Problemen Drogengelder unterschlägt und der schwarze Undercover-Polizist Tango Sympathien für die von ihm infiltrierte Gang entwickelt. Die Charaktere sind nie nur gut oder böse, vielmehr erscheinen sie als Ergebnisse einer oft gefährlichen und aussichtslosen Umgebung.

Was ist mit dem ARD-„Tatort“?

In „Sieben“ aus dem Jahr 1995 fällt der weiße Held Detective Mills erst zum Schluß tief, indem er Selbstjustiz übt, während der schwarze Held, sein älterer und abgeklärter Partner Detective Somerset (Morgan Freeman), die Nerven behält. In „L.A. Crash“ (2004) wird der Anti-Held, Streifenpolizist Rayn (Matt Dillon), dagegen am Ende zum Helden.

In viele deutsche Amts- und Redaktionsstuben dringen diese grauschattierten Zeichnungen anscheinend nicht durch. Aber hierzulande pflastern auch fiktive Kommissare schon mal ihre Büros mit linksradikalen Stickern zu, bei denen nur noch der ACAB-Aufkleber fehlt. Sollten die Forderungen nach Verbannung positiver Darstellungen von Polizisten wirklich umgesetzt werden, dann müßten all die ARD-Kommissare aus „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ einen gehörigen Persönlichkeitswandel erfahren.

Sylvester Stallone spielte in „Copland“ einen Polizisten, der lange die Augen vor Korruption in den eigenen Reihen verschloß Foto: picture alliance/Mary Evans Picture Library

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