Hart-aber-fair-Sendung am 28. Oktober Foto: ARD Mediathek/ Screenshot JF
Hart aber fair

Aus der Tiefe der untersten Schublade

Frank Plasberg besprach mit seinen Gästen am Montag abend das für viele so erschreckend gute Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Thüringen. Manch Zuschauer dürfte sich während der Sendung vor allem gefragt haben: Wer sind diese Leute eigentlich, die da über den ostdeutschen Wähler sprechen, als wäre er eine seltsame Spezies von einem anderen Stern?

Mit Ausnahme des Journalisten Hajo Schumacher, den die meisten schon einmal bei einem seiner zahlreichen Fernsehauftritte gesehen haben dürften, war die ARD-Talkrunde in dieser Woche erstaunlich unprominent besetzt. „Hauptsache gegen die AfD“, schien an diesem Abend das einzige Kriterium für eine Einladung gewesen zu sein. Bekannte Gesichter suchte man bei „Hart aber fair“ gestern genauso vergeblich wie einen Vertreter, Wähler oder auch nur Sympathisanten der Alternative für Deutschland. Die Meinungsvielfalt bei dem öffentlich-rechtlichen Polit-Talk war daher in etwa so hoch wie die an der Uni Hamburg.

Schumacher: Wer AfD wählt, wählt den Führerstaat

Schnell wurde klar: Die, die da vorgaben, die Gründe für die Wahl der „Rechtspopulisten“ verstehen zu wollen, hatten nichts, aber auch wirklich gar nichts begriffen. Statt sachlicher Politanalysen gab es die alten, immer gleichen Wählerbeschimpfungen und plumpen Beleidigungen gegenüber der Partei, die am Sonntag mehr als 23 Prozent der Stimmen bekommen hat.

Der einsame Star der Runde wollte die AfD-Wähler offenbar am liebsten gleich verhaften lassen. „Wer Björn Höcke wählt, der weiß, was er tut, der wählt ganz bewußt die Demokratie ab und will den völkischen Führerstaat. Da helfen keine einfühlsamen Gespräche, sondern Recht und Gesetz“, sagte der Kolumnist Schumacher, und gab damit gleich die Stoßrichtung der gesamten Sendung vor.

Von der in einem Einspieler nochmals unterstrichenen Tatsache, daß man Höcke mit richterlicher Genehmigung einen „Faschisten“ nennen darf, machte die Runde so exzessiven Gebrauch, daß es eine Renate Künast schon jetzt vor allen zukünftigen Fernsehauftritten grausen muß. „Faschist mit Migrationshintergrund“ war nur eine der zahlreichen Varianten, mit denen der Landesvorsitzende der Thüringer AfD während der Sendung tituliert wurde.

Hermenau im Fadenkreuz

Auch sonst wurde ganz tief in die unterste Schublade gegriffen. Es könne nicht an einem nicht fertigen Sportplatz gelegen haben, daß jeder vierte in Thüringen „Nazis gewählt“ habe, so die fachkundige Einschätzung des Politikchefs vom Weser-Kurier, Joerg Helge Wagner, zum Thema fehlende Infrastruktur als eine der möglichen Erklärungen für das gute Ergebnis der bösen Rechten. Der Politikwissenschaftler und emeritierte Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, Herfried Münkler, zog gar Parallelen zwischen jenen, die am Sonntag AfD gewählt haben, und den Wählern der NSDAP in den frühen 30er Jahren.

Der SPD-Bürgermeister von Augustusburg in Sachsen, Dirk Neubauer, warnte zwar davor, alle AfD-Wähler in die rechte Ecke zu stellen, aber auch für ihn ist klar: „Natürlich ist der Höcke ein Faschist.“ Wer von dem großen Nazi-Narrativ abwich, wurde sofort aus der Runde heraus gemaßregelt.

Diese antifaschistische Kontrolle traf überraschenderweise auch ausgerechnet eine ehemalige Politikerin der Grünen. Die Politikberaterin Antje Hermenau wagte es nämlich, etwas schier Unaussprechliches zu sagen. Sie forderte, man solle die Kommunen im Osten selbst darüber entscheiden lassen, wie viele Migranten sie aufnehmen wollen, ja ob sie überhaupt welche aufnehmen wollen.

Die Gästeredaktion leistete ganze Arbeit

Als Plasberg sie fragte, welche Gründe es denn geben könne, keine aufnehmen zu wollen, setzte die Unternehmerin aus Leipzig noch einen drauf und nannte „Sorge“ und „Angst“ als solche Gründe. Als Hermenau für diese Ängste dann auch noch Verständnis äußerte und sagte: „Das ist doch menschlich“, hielt es Autorin Clara Ehrenwerth kaum noch auf ihrem Stuhl. „Nein, das ist rassistisch“, rief die Frau völlig empört dazwischen, die im Laufe der Sendung betonte, daß sie in Leipzig bleiben werde, weil die Stadt gebildete Frauen wie sie brauche. Am Ende bedankte sich Frank Plasberg bei der Runde für das gute Gesprächsklima. Schön, daß dieses, bis auf einige kleine und sehr überraschende Aussetzer, auch nicht von abweichenden Meinungen gestört wurde. Der „Hart aber fair“-Gästeredaktion sei Dank!

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