TV-Kritik

Weniger hart, eher unfair

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AfD-Chef Bernd Lucke Foto: JF, Quelle: ARD

BERLIN. Als die Sendung „hart aber fair“ noch im WDR-Programm beheimatet war, dauerte sie 90 Minuten, war aber spannender als die Fußballspiele der deutschen Nationalmannschaft jener Zeit. Das Motto „Deutschland gucken“ konnte damals durchaus als ein Synonym für jene Sendung gelten, in der „Politik auf Wirklichkeit trifft“. Heute ist deren Moderator Frank Plasberg im Milieu der dressierten Platzhirsche angekommen, Politiker treffen immer häufiger nur noch auf andere Politiker. Die Sendung selbst läuft auf einem besseren Sendeplatz in der ARD, ist aber um ein akademisches Viertel kürzer.

In der letzten Sendung vom 6. Mai ging es aus währungspolitischer Sicht um die „Alternative für Deutschland“. Doch schon der Sendungstitel „Den Euro einfach abwählen – entscheidet die D-Mark-Partei die Wahl?“ stellte eine unsachliche Verkürzung dar, steht doch das Anliegen der AfD in erster Linie für eine Beendigung der unverantwortlichen Euro-Rettungspolitik. Überhaupt ist „Deutschland gucken“ im Inzest-Betrieb bundesdeutscher Polit-Talkshows nur noch mit Selbstüberwindung zu ertragen.

So auch bei dieser Sendung, wo dem vermeintlichen „Populisten“ und „Revolutionsführer“ Bernd Lucke, Mitbegründer und Sprecher der AfD, die eigentlichen Populisten der Anti-Nationalen Front entgegentraten: der in seiner Rabulistik sich unangreifbar moralisch gebende Michel Friedmann (CDU), die naiv dreinschauende Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart und der opportunistisch dressierte Christian Lindner, stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP.

Als ohnmächtiger Zuschauer wünschte man sich an diesem Abend – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der roten Studiowand – einen Buzzer, um die von lauter Unwahrheiten, Halbwahrheiten und Verdrehungen geprägte Rhetorik der Phalanx der All- oder besser: Alt-Parteien-Regierung zu stoppen. Allesamt warfen sie Lucke, der von Wolfgang Bosbach (CDU) faktisch unterstützt wurde, „Populismus“ vor. Dies war infam, waren sie es doch selbst, die mit moralisierenden Platitüden („Friedensprojekt Euro“) den politischen Wettbewerber permanent zu diskreditieren und diffamieren suchten, selbst dann, wenn sie dies expressis verbis abstritten.

Friedmann: „Ich bin froh, daß es den Euro gibt“

Für Michel Friedmann etwa bediente die AfD „populistische Träume Ewiggestriger“. Denn der Euro sei „eine Erfolgsgeschichte an sich, und für Deutschland erst recht!“. Um in unlogischer Reihenfolge zu ergänzen: „Ich bin froh, daß es den Euro gibt, ich bin froh, daß es Europa gibt“, wozu ihm Göring-Eckart sogleich wortgleich sekundierte. Spätestens bei seiner falschen Erklärung für die Entstehung der Eurokrise und dem angefügten Mantra „Der Euro ist ein Friedensprojekt“ – angesichts bürgerkriegsähnlicher Szenen etwa in Griechenland – wäre der Buzzer-Knopf zu drücken gewesen. Doch nichts dergleichen.

Stattdessen predigte weiter Friedmann: „Jeder, der diese irrationalen Ängste mit einem Zurück zur Deutschen Mark, zu Nationalstaatslösungen bedient, tut populistische Gefahren hervorrufen, die wir Gott sei Dank in Deutschland bisher nicht hatten.“

Als Lucke endlich mal wieder etwas zur Klarstellung sagen durfte, fuhr ihm Plasberg leicht despektierlich über den Mund: „Es ist schon erstaunlich, was ein Wirtschaftsprofessor …“, um dann das Wort wiederum an Herrn Friedmann zu übergeben. Ausgerechnet der Mann, der sich mit osteuropäischen Zwangsprostituierten vergnügt haben soll, bekannte darauf: „Ich bin froh, daß keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis-Genehmigung in Europa mehr nötig ist.“ Buzzer, Buzzer, Buzzer! Doch nein, das ganze ging weiter. Auch dem aufrechten CDU-Streiter Wolfgang Bosbach unterstellte Friedmann „Allgemeinplätze“. Schließlich sei „Europa das Friedensprojekt überhaupt“. Die AfD indes, so sein Verdikt, „schadet der Zukunftsfähigkeit Deutschlands und ganz Europas“.

Professoren-Bashing

Kaum anders bei Katrin Göring-Eckart. Als sie dem AfD-Sprecher Lucke wahrheitswidrig unterstellte, diesem sei die soziale Situation der Jugend in den Südländern egal, und als sie postulierte, die Jugend Europas spräche eine gemeinsame (!) Sprache, wäre es wieder angebracht gewesen, den Buzzer zu drücken. Doch nein, Göring-Eckart schloß mit der Warnung Richtung Lucke, die Jugend solle „nicht Populisten wie Ihnen auf den Leim gehen“. Überhaupt sei ein Zurück zur D-Mark „etwas für National-Chauvinisten“.

Beim alerten Christian Lindner wurde das einst von Kanzler Gerhard Schröder eingeführte Professoren-Bashing, das in unheimlicher Weise an die Rhetorik der Nationalsozialisten erinnerte und das jüngst ausgerechnet von Edmund Stoiber gegenüber Lucke wiederholt worden war („Wieder so ein Proffessor, der Schröder hat schon recht gehabt“) weitergesponnen, indem er die AfD als eine Gruppen von „Professoren“ titulierte, „die uns erklären, was wir vor zwanzig Jahren hätten tun sollen.“

Das sei eindeutig die schlechtere Alternative für Deutschland, denn sie stehe für die „Spaltung Europas“. Die Diffamierung Luckes durch Lindner – der freilich die Vorlage des „Rechtspopulismus“-Vorwurfs durch Plasberg nicht aufgriff – wurde immer grotesker: So malte Lindner angesichts der AfD Horrorszenarien an die Wand und warnte vor von einem Europa mit Schlagbäumen, und Zollbarrieren. Die AfD wolle „den gesamten Euro-Währungsraum in den Luft sprengen“.

Infame Einspielung eines Propaganda-Films

Zudem versuchte er Lucke zu diskreditieren, indem er ihn mit dem Linkspopulisten Oskar Lafontaine verglich. Seine Ausführungen beschloß der FDP-Vize dann noch als Märchenerzähler: In Griechenland und den anderen Südländern seien durch die eingeleiteten Reformen „erhebliche Erfolge“ zu verzeichnen.

Angesichts dieser permanenten Diffamierung war es erstaunlich, wie sachlich und bescheiden der Angegriffene auch diesmal blieb. So antwortete Lucke auf Lindner, er sei „immer wieder überrascht“, daß die, die sich so als überzeugte Europäer geben, sich immer wieder mit nationalen Argumenten rechtfertigten (mit der Aussage, daß Deutschland vom Euro profitiert habe).

Auch die infame Einspielung eines Propaganda-Films, mit dem die AfD als „Türöffner der NPD“ annonciert wurde, prallte an Lucke souverän ab: Türöffner seien in Wirklichkeit die Medien, also Plasberg, die so etwas senden würden. Dies sei „beschämend“ und „rechtfertigungsbedürftig“, „daß Sie der NPD diese Art von Öffentlichkeit schaffen“. Und Lucke setzte treffend nach: Es gebe ja auch „viele andere unbedeutende Parteien, über die Sie gar nicht berichten.“

Was bleibt? Die Ahnung, daß es vielleicht doch spannend sein wird, wenn wir am 22. September 2013 „Deutschland gucken“.

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