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Jackomania

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Satelliten-Schüsseln: sämtliche Fernsehsender der Erde in „Jackson Channels“ verwandelt Foto:Pixelio/Alexandra Bucurescu

Ob die Welt den Tod von Michael Jackson überleben wird? Diese Frage mag man sich durchaus stellen angesichts der Welle der „Jackomania“, die neuerdings den Planeten überschwappt hat. Die „Obamania“ der vergangenen zwölf Monate war überhaupt nichts dagegen. Seit der Tod des Sängers bekannt wurde, haben sich sämtliche Fernsehsender der Erde, so scheint es, in „Jackson Channels“ verwandelt – „breaking news“ verpflichtet nun mal.

Auf manchen von ihnen flimmert nur noch ein Videoclip vom Moonwalk-Erfinder nach dem anderen. Auch in Frankreich warfen die großen Sendeanstalten auf der Stelle ihre gesamte Programmplanung um. Stundenlang wartete man vergeblich auf irgendeine Nachricht, die nicht aus Neverland kam. Kein Sterbenswörtchen zur Situation im Iran, zum Krieg in Afghanistan, zu aktuellen Anschlägen im Irak. Michael Jackson über alles!

Als nächstes folgten die endlosen Reportagen und Würdigungen, während von Los Angeles bis Tokio über Paris, Buenos Aires und Nairobi Tausende von Traumatisierten, ausgerüstet mit ihren Mobiltelefonen und MP3-Spielern, zu spontanen gegenseitigen Beileidsbekundungen zusammenströmten. An seiner offiziellen Trauerfeier am Dienstag nahmen zwanzigtausend Menschen „vor Ort“ im Staples Center in Los Angeles teil – und unzählige weitere weltweit an Fernsehschirmen oder public viewing-Leinwänden Anteil.

Tsunami der Superlative

Wer auch nur gelegentlich fernsieht, Radio hört oder Zeitung liest, weiß mittlerweile alles über Jackson – über seine Herkunft, seine Karriere, seine Pigmentstörung, seinen Erfolg (750 Millionen verkaufte Tonträger), seine letzten Proben, seine finalen Minuten, seine Kinder, seine Finanzen, sein Vermächtnis. Schlimmer als die Informationsflut ist der Tsunami der Superlative: der größte Sänger aller Zeiten, die höchsten Verkaufszahlen, der Allergenialste, der Allerkreativste, der Aller-aller-aller …

Solch globaler Überschwang stimmt nachdenklich. Es soll hier nicht darum gehen, Zweifel an Michael Jacksons Talent, ob nun echt oder vermeintlich, geschweige denn an seinen sängerischen und vor allem tänzerischen Fähigkeiten anzumelden. Höchst fragwürdig ist indes der Umgang der Medien mit der Nachricht von seinem Tod.

Tatsache ist: Seit dem 11. September 2001 ist kein einziges weltpolitisches Ereignis derart breit „gefahren“ worden – kein einziges. Wenn morgen Putin, Obama oder der Papst stürbe, ihr Tod würde ein Zehntel des Wirbels auslösen, der um den von uns gegangenen „King of Pop“ gemacht wird.

Der Planet erschaudert

Viele Medienprofis sind sich überdies einig: Es wäre rein technisch kaum möglich, ein wie auch immer geartetes Ereignis noch umfassender zu behandeln. Die Frage muß also lauten: Ist Michael Jacksons Tod wirklich das Wichtigste, was es in den letzten zehn Jahren zu vermelden gab? >>

<---newpage--->Zu denken geben auch die Kommentare der hysterischsten unter Jacksons Fans. Die Fernsehsender holen sie vor die Kamera, damit sie einander in irrwitzigen Bekundungen überbieten können: „Der bedeutendste Mensch seit Jesus Christus“, „Der Tod eines Genies“, „Es wird Jahre dauern, über diesen Verlust hinwegzukommen“ … Nahezu eine halbe Milliarde Menschen sollen versucht haben,  Karten für die Gedenkfeier zu ergattern, im Internet-Aktionshaus E-Bay stiegen die Gebote auf 100.000 Dollar pro (Frei-)Karte.

In den USA, wo die Hysterie zum gesellschaftlichen Leben zu gehören scheint wie der Besuch bei McDonald‘s, wurden bereits mehrere Dutzend Selbstmorde gezählt. Der Planet erschaudert. Eine neue Religion wird geboren!

Sicherlich ist es kein ganz neues Phänomen, daß Massen von Menschen bereit sind, ans andere Ende der Erde zu reisen, um an einem sportlichen oder musikalischen Großereignis teilzunehmen, während die Parteien, Gewerkschaften oder sonstigen politischen Organisationen im eigenen Land sie kalt lassen. Mit der Trauer um Michael Jackson scheint jedoch eine neue Dimension der Maßlosigkeit erreicht.

Eine Welt ohne Notausgang

Ablenkung, um nichts anderes handelt es sich hier – um Ablenkung im Pascalschen Sinn: um Abwendung von allem anderen. Nichts wird mehr wahrgenommen außer dem Glitzer der Pailletten, der   ohrenbetäubenden Beschallung, den bunten Lichtern, dem multimedialen Spektakel. Wer diese Art von diversity management zu stören wagt, macht sich übelster Blasphemie schuldig.

Im September 1995 trafen sich 500 politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger aus der vordersten Reihe unter Schirmherrschaft der Gorbatschow-Stiftung in San Francisco, um ihre Vorstellungen von der Welt der Zukunft zu diskutieren. Die meisten stimmten darin überein, daß die westlichen Gesellschaften kurz vor der Unregierbarkeit ständen und man ein neues Mittel finden müsse, um ihre Gefügigkeit unter der Herrschaft des Kapitals sicherzustellen.

Die Lösung, auf die man sich einigte, ging auf einen Vorschlag Zbigniew Brzezinskis zurück und firmierte unter dem Begriff tittytainment. Diese klangvolle Wortschöpfung bezeichnet einen „Cocktail aus stumpfsinniger Unterhaltung und ausreichender Ernährung, um die frustrierte Erdbevölkerung bei Laune zu halten“ – das, was die alten Römer panem et circenses nannten: Brot und Spiele.

We are the world“, sang Michael Jackson. Welche Welt? Ebenjene des tittytainment – eine Welt ohne Notausgang. Seien wir ehrlich: Man kann sich nicht wirklich glücklich schätzen, in einer Welt zu leben, in der nichts, aber wirklich gar nichts, von größerer Wichtigkeit ist als der Tod des Königs der Popmusik.

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