Pixel statt Papier

November 1989, 6. Stock im Hamburger Springer-Imperium: Bild ließ so richtig die Sektkorken knallen, und die beiden Chefredakteure Peter Bartels und Hans-Herrmann Tiedje freuten sich und rieben sich die Hände. Es gab ein Rekord-Ergebnis zu feiern. Auf über fünf Millionen war die verkaufte Auflage des selbsternannten deutschen Leitmediums gestiegen. Grund: Die neuen Märkte, die neuen Leser im sich wiedervereinigenden Deutschland.

Die Freude war damals bei den Zeitungsverlagen durchaus allgemein. Auf über 26 Millionen bezifferte sich die verkaufte tägliche Auflage (Tageszeitungen insgesamt). Von solchen Zahlen können heute die Macher nur noch träumen. Denn seit Jahren stehen sie fast alle in einem Mehrfrontenkrieg: Die Leserschaft altert, die Abozahlen schwächeln, die Druckkosten steigen, die Werbeeinnahmen bröckeln und dazu starren alle aufs Internet, auf Blogs, Channels und Communities.

Die gute alte Zeitung, rund 400 Jahre alt, droht ihr das Koma? Heißt die Zukunft also Pixel statt Papier? Kein Zweifel: Die Goldgräberzeiten sind vorbei. Voller Nostalgie blicken altgediente Reporter zurück. Berlin in den Zwanzigern: Rund 100 Tageszeitungen gab es, einige erschienen dreimal – morgens, mittags, abends. Für das Reich wurden 3.400 Zeitungsredaktionen gezählt. Lange vorbei.

Seit 1992 ist die Auflage der Tageszeitungen um 20 Prozent zurückgegangen, so Siegfried Behrendt vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Geschmolzen ist auch der Anteil am Werbekuchen: 1990 erhielt „Print“ noch 35 Prozent, 2000 waren es nur noch 28 Prozent. Nochmal detailliert am Beispiel der Bild: Laut IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern) sank ihre verkaufte Auflage von 4,4 Millionen (im Jahr 2002) auf 3,5 Millionen im 2. Quartal diesen Jahres. Ein unerbittlicher Abwärtstrend in der Ära Kai Diekmann. Jahr für Jahr verbrennt Springers Flaggschiff fast 200.000 Exemplare.

Trübe Aussichten also für „Print“? Eignet sie sich dann wirklich nur dazu, um einen Hering einzupacken (Peter Glotz) oder um Fliegen zu erschlagen, weil das mit einem Laptop – noch – nicht geht?

Mahnung zur Gelassenheit

Branchenexperten mahnen zur Gelassenheit. Welche Angriffe konkurrierender Medien hat die Zeitung nicht schon gemeistert? Da war zuerst das Radio, dann das Fernsehen (in der öffentlich-rechtlichen Version). Schon damals unkten Apokalyptiker: Die Bürger werden nur noch in die Glotze starren, nicht mehr lesen. Ein falsches Urteil, wie der Lauf der Dinge bewies. Dann kamen die Anzeigenblätter, dann das Privat-TV. Viele hörten das Sterbeglöcklein bimmeln. Vorschnell, denn die Zeitung wurde nicht abgelöst. Sie stand weiter vital wie eine Eiche. Letzte große Attacke war dann das Internet. Und wieder entwarfen die Endzeit-Auguren ihr Armageddon-Szenario und riefen nach staatlicher Intervention (Jürgen Habermas).

Kommunikationswisssenschaftler und Praktiker sind sich weitgehend einig: Die Zeitung wird überleben – wenn sie sich auf ihre Stärken besinnt. Doch was sind ihre Stärken? Mit Aktualität kann sie nicht mehr punkten. Da ist das Internet unschlagbar (ebenso wie Radio und TV). Bleiben die anderen klassischen Kriterien: Qualität, Recherche, Seriosität, Service, Auswahl, Bewertung. Die Experten sind sich einig: Wir leiden nicht an Informationsmangel, sondern an einer förmlichen Datenflut. Wir brauchen Lotsen. Hier ist die Steuerungsfunktion von „Print“ gefragt, ihre Hintergrundinformationen, um komplexe und globale Themen einschätzen zu können, ihre Filterfunktion, um die Flut der Themen aufzuarbeiten, zu sortieren und zu bewerten.

Michael Haller fordert ein förmliches redaktionelles Qualitätsmanagement, dann ist ihm um die Zukunft der Zeitung nicht bange. Der Leiter des Lehrstuhls Journalistik an der Uni Leipzig: „Kein anderes Medium gestattet dem Nutzer einen so hohen Freiheitsgrad. Er kann selbst entscheiden, was alles, wann, wo und wie oft er es liest. Die Blattmacher sollten alles daransetzen, diese Gattungsstärke voll auszuspielen. Zum Beispiel: Übersichtlichkeit, klare Leserführung, Text-Bild-Verschränkung, gestaffelte Informa­tionstiefen, Dynamik im Themenangebot.“ Das hat natürlich seinen Preis, und der Wissenschaftler ruft die Verleger auf, weniger Controller in die Redaktionen zu schicken, dafür mehr gute Journalisten.

Wolf Schneider, langjähriger Leiter der Hamburger Journalistenschule und Stilexperte („Deutsch für Profis“), bringt es auf den Punkt: „Das hirnrissige Überangebot an nichtigen und läppischen, an schiefen und falschen Informationen aus hundert Fernsehkanälen und der Schrottfabrik des Internet – es schiebt den Redakteuren die Chance und den Auftrag zu, das Stimmige, das Wichtige herauszufiltern, den Detailmüll zu entsorgen, im Chaos der Wegweiser zu sein.“

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