Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der US-Außenpolitik, daß einige ihrer prägendsten Figuren nie ein Ministeramt innehatten, sondern aus dem Hintergrund wirkten. Einer der einflußreichsten unter ihnen war Zbigniew Brzeziński, Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, intellektueller Gegenspieler Henry Kissingers, mit dem er dennoch befreundet war, und politischer Emigrant aus dem von totalitären Regimen gezeichneten Polen. Edward Luce, langjähriger Financial-Times-Korrespondent, legt mit „Zbig“ nun eine Biographie vor. Gestützt auf Gespräche mit dem in wenigen Tagen 98jährigen Brzeziński, porträtiert er ihn als „Propheten des Kalten Krieges“ und als Denker, der etliche Entwicklungen früher und klarer sah als viele seiner Zeitgenossen.
Luce zeichnet Brzezińskis geistigen Werdegang nach, der im Schatten der doppelten Erfahrung von Hitler und Stalin stand. Früh suchte Brzeziński nach einer analytischen Erklärung für die Funktionsweise totalitärer Systeme. Seine zentrale Einsicht, nämlich daß die Sowjetunion weniger an äußeren Gegnern als an inneren Spannungen, nationalen Minderheitenkonflikten und struktureller Überdehnung scheitern würde, war eine wesentliche Prämisse seines Denkens. Luce zeigt eindrucksvoll, wie konsequent Brzeziński diese These über Jahrzehnte hinweg verfolgte.
Afghanistan als zweischneidiges Vermächtnis
Breiten Raum widmet das Buch den Carter-Jahren (1977–1981). Während Henry Kissinger auf Stabilisierung und Berechenbarkeit setzte, forcierte Brzeziński eine aktivere, dynamischere Strategie. Sein zentraler Gedanke: Die USA müßten das globale Kräfteverhältnis gestalten, statt bloß darauf zu reagieren. Besonders deutlich wird das an der historischen Öffnung gegenüber China 1978, die Brzeziński weniger als Dialog der Zivilisationen denn als strategischen Hebel zur Einhegung der Sowjetunion verstand. Luce schildert diese Phase als intellektuellen Wettkampf der beiden Weltdeuter Brzeziński und Kissinger, mit Brzeziński als hartnäckigem, mitunter unnachgiebigem Treiber.
Mit Blick auf die deutsche Ostpolitik beschreibt Luce Brzeziński als kritischen Beobachter, insbesondere im Verhältnis zu Bundeskanzler Helmut Schmidt, einem der Architekten der Ostpolitik. Brzeziński stand der von Schmidt und dessen Vorgängern entwickelten Entspannungspolitik skeptisch gegenüber, da er fürchtete, daß eine zu starke Annäherung der Bundesrepublik an die Sowjet-union die westliche Position schwächen könnte.
Ein dramatisches Kapitel der Biographie adressiert Brzezińskis Auseinandersetzungen über Afghanistan. Für ihn bot der Widerstand gegen das kommunistische Regime in Kabul ein seltenes „Gelegenheitsfenster“. Mit vergleichsweise geringen Mitteln könne Washington die Kosten sowjetischer Machtprojektion in die Höhe treiben. Luce schildert detailreich, wie „Zbig“ gegen interne Widerstände eine härtere Linie durchsetzte und die Unterstützung der Mudschaheddin zu einem Kernbestandteil der US-amerikanischen Reaktion wurde. Die Ambivalenzen dieser Strategie spart der Biograph nicht aus: Die Intervention beschleunigte zwar die sowjetische Erschöpfung, legte aber zugleich den Grundstein für neue Konflikte im 21. Jahrhundert. Afghanistan erscheint bei Luce als moralisch wie strategisch zweischneidiges Vermächtnis.
Der Kalte Krieg war nicht das Ende
Brzezińskis „Doppelrolle“ als Vertreter harter Machtpolitik und zugleich als Verfechter einer Politik der Menschenrechte bildet bei Luce einen roten Faden. Die Menschenrechte waren für ihn kein moralisches Ornament, sondern ein politisches Instrument. Die dramatischen Monate der Iran-Geiselnahme, die sowjetische Invasion in Afghanistan und der Zerfall des innenpolitischen Konsenses im Weißen Haus zeichnen Luce zufolge das Bild eines Sicherheitsberaters, der entschlossen handelte, aber das politische Umfeld damit oft überforderte.
Besonders aufschlußreich ist Luces Darstellung der Rolle Brzezińskis im östlichen Europa. Als in Polen geborener US-Amerikaner erkannte er früh die sprengende Kraft der katholisch-nationalen Opposition. Die Zusammenarbeit mit Papst Johannes Paul II. interpretiert Luce als strategisches Ereignis von globaler Tragweite, das die sowjetische Führung vor unkalkulierbare Risiken stellte. Mit seltener Klarheit beschreibt Luce hier die Wechselwirkung von Religion, Dissidenz und Geopolitik. Auch Brzezińskis Reaktion auf den Zusammenbruch der Sowjetunion zeichnet Luce präzise nach. Der Sieg des Westens, so seine Diagnose, markiere nicht das Ende der Geschichte, sondern den Beginn einer neuen, noch unklaren geopolitischen Phase. Damit erschien er einmal mehr als unbequemer Realist, der weiter dachte als der politische Tagesbetrieb.
„Allianz der Verärgerten“ bedroht die US-Vormachtstellung
Luce kommt auch, allerdings knapp gehalten, auf Brzezińskis Hauptwerk von 1997 „The Grand Chessboard“ („Die einzige Weltmacht“) zu sprechen, das oft als Handbuch amerikanischer Hegemonialpolitik gelesen wird. Luce zeigt dagegen, daß Brzeziński weniger als imperialer Stratege denn als nüchterner Diagnostiker der Grenzen amerikanischer Macht zu deuten ist. Die Vorrangstellung der USA sah er zum Beispiel durch eine „Allianz der Verärgerten“ bedroht, zu denen er China, Rußland, den Iran und Nordkorea zählte, Länder, die meinten, sie stünden auf der unterlegenen Seite der Geschichte.
Luce beschreibt Brzeziński als brillanten, streitbaren Intellektuellen, der Konflikte nicht scheute und Macht als Voraussetzung politischer Gestaltung begriff. „Zbig“ ist damit nicht nur eine Bio-graphie, sondern eine Reflexion über die Spielräume und Grenzen strategischen Denkens in einer Welt im Wandel. Es zeigt, warum Brzeziński – bei aller Kontroverse – zu den wenigen gehört, die die Prinzipien der Geopolitik im 20. Jahrhundert wirklich verstanden haben.






