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Eine Liebeserklärung an den Liberalismus: Freiheitlich anecken

Eine Liebeserklärung an den Liberalismus: Freiheitlich anecken

Eine Liebeserklärung an den Liberalismus: Freiheitlich anecken

Anna Schneider bei der Buchpräsentation 'Freiheit beginnt beim Ich' auf der KulturBühne im KulturKaufhaus Dussmann in Berlin
Anna Schneider bei der Buchpräsentation 'Freiheit beginnt beim Ich' auf der KulturBühne im KulturKaufhaus Dussmann in Berlin
Anna Schneider bei der Buchpräsentation ‚Freiheit beginnt beim Ich‘ auf der KulturBühne im KulturKaufhaus Dussmann in Berlin Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Thomas Bartilla/Geisler-Fotopres
Eine Liebeserklärung an den Liberalismus
 

Freiheitlich anecken

Die „Welt“-Journalistin Anna Schneider provoziert mit ihrer Liebeserklärung an den Liberalismus vor allem linke Freiheitsfeinde. Dennoch kann die Österreicherin eines nicht verdecken: Der „freie Markt der Ideen“ wird niemanden retten. Ihr Libertarismus bleibt stets eine Ideologie ohne Machtperspektive, eine niemals durchführbare Utopie.
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Dem Untertanengeist und der Staatsgläubigkeit der Deutschen entgegenzuschreiben ist gerade in der heutigen Zeit kein leichtes Unterfangen. Der Konformismus, die Vermassung der Meinung schlägt einem in diesem Land überall entgegen. Nicht zuletzt in der Corona-Zeit offenbarte sich der kollektive Wahn erneut aufs Schmerzlichste. Eine, die sich diesem Geist seit Beginn ihrer journalistischen Tätigkeit mutig entgegenwirft, ist die Welt-Autorin Anna Schneider. Kaum verwunderlich also, daß die 32jährige in ihrem nun publizierten Erstlingswerk für eine „radikale Freiheit“ plädiert, die sich ausschließlich zum „Ich“ bekennt. Aus libertärer Perspektive bietet die sich als „Libertin“ bezeichnende Journalistin dem angepaßten Kollektiv verzweifelt die Stirn.

Dafür erntet sie den Haß linker Medien und Politiker, was nicht zuletzt verdeutlicht, in welchen Fängen der Staat und seine angrenzenden PR-Institutionen sich heutzutage befinden. Die Gehässigkeit, mit der etwa die FAZ Schneiders Buch besprechen ließ, weil sie eben nicht mit dem Mainstream schwimmt, sagt wohl mehr über das Medium und seine Rezensentin aus als über die Autorin. Eigenverantwortung hat in linken Kreisen eben keinen guten Ruf mehr. Das „Ich“ wird stets aus seiner Abhängigkeit heraus betrachtet.

Das hat auch Schneider erkannt, weshalb der Hauptgegner ihrer „liberalen Welt“ auch deutlich benannt wird: Es ist die linke Identitätspolitik. Schneider ist eine exzellente Kennerin der identitätspolitischen Auswüchse, die ihren Ursprung in den USA haben. Sie benennt im Buch führende „Antirassismus“-Vordenker wie Kimberlé Cren-shaw, Robin DiAngelo oder Ibrahim X. Kendi, beschreibt ihre Widersprüche und erörtert die seltsame Wandlung des Rassismusbegriffs, der mittlerweile nicht mehr individuell verortet, sondern aus strukturellen Gegebenheiten erklärt wird.

Der „freie Markt der Ideen“ wird nichts aufhalten

Zudem erkennt die 32jährige die Konsequenz der ideologischen Theorie: Quoten und Paritätsgesetze für alles und jeden. Schneider, die selbst Migrationshintergrund hat, ist von diesen Diskussionen angewidert. „Euer Paternalismus kotzt mich an“, erklärt sie wütend und setzt dem, wie könnte es anders sein, „das liberal gedachte Ich“ entgegen.

Was aber will man einem Kollektiv alleine entgegensetzen? Der „freie Markt der Ideen“, ganz im Sinne von Schneiders Vorbildern wie dem Ökonomen Friedrich August von Hayek, dem Psychologen Jordan Peterson oder der libertären Autorin Ayn Rand, wird die grassierenden Auswüchse jedenfalls nicht aufhalten.

Es geht in komplexen Gesellschaftsstrukturen immer um Macht. Der Libertarismus aber bleibt stets eine Ideologie ohne Machtperspektive, eine niemals durchführbare Utopie einiger weniger. „Wie kann man nicht brutalliberal sein?“, schleudert einem Schneider bei der Hälfte des Buches die eigene Hilflosigkeit entgegen. „Wie kann man denn nicht frei sein wollen?“, heißt es an anderer Stelle. Ja, warum bloß wollen nicht alle so denken wie ich, ich, ich?

Freiheit im Dienste des Individuums

Anna Schneider: Freiheit beginnt beim Ich. Liebeserklärung an den Liberalismus.Jetzt im JF-Buchdienst bestellen. >>

Zumindest aus konservativer Perspektive läßt sich das recht einfach beantworten: Weil das übergeordnete Prinzip für einen abstrakten Begriff wie die Freiheit immer die Ordnung ist. Ohne Ordnung gibt es auch keine Freiheit des Individuums. Ordnung aber besitzt stets einen gemeinschaftlichen Anspruch, ansonsten ist es Anarchie. „Freiheit funktioniert nur im Kollektiv ist eine Nonsensaussage“, meint hingegen die österreichische Autorin und sitzt damit einem logischen Fehler auf.

Denn selbst die Freiheit des Individuums kann immer nur im Verhältnis zu einer anderen Person gedacht werden. Sie ist zwangsläufig auf das Kollektiv angewiesen. Das bedeutet: Liberalismus, so wie Schneider ihn verinnerlicht hat, ist nicht die Ideologie der Freiheit, sondern die Ideologie, die die Freiheit allein in den Dienst des Individuums stellt. Die einzige Freiheit, die der Liberalismus verkündet, ist dann die individuelle Freiheit, die als Befreiung von allem, was über dieses Individuum hinausgeht, verstanden wird.

Der Grundsatz der gleichen Freiheit beruht auf dem Primat des Individuums, da dieses nicht mehr als politisches und soziales Wesen betrachtet wird, sondern nur als ein Atom, das von Natur aus mit keinem anderen verbunden ist. Der liberale Begriff der Freiheit ist somit abstrakt, unabhängig von jeglicher Zugehörigkeit und losgelöst von historischer Verankerung.

Angrifftslust auf linke Meute

Ob das „Ich“ tatsächlich „nicht im Trend ist“, wie Schneider gleich zu Beginn ihres Buches feststellt, sei ebenfalls dahingestellt. Schließlich ist der Westen seit Jahrzehnten zerfressen vom liberalen Hedonismus. Das Individuum kann sein, was es will. Jeder kann sich ausleben, beliebig sein Geschlecht ändern. Rollenbilder sind als oppressiv verschrien. Alles, ja selbst das moderne Bürgertum, ist Lifestyle. Nur wer auf Traditionen pocht, gewachsene Strukturen präferiert oder den Schutz des Eigenen in den Vordergrund stellt, ist eben böse, da reaktionär.

Die Angriffslust aber, die Schneider gegenüber den woken Glaubenskriegern an den Tag legt, die ist überzeugend. Glänzend sind die herablassenden Passagen über die ewigen bürgerlich-konservativen Mitläufer, jenen Verlierertypus also, der häufig in Parteien wie der FDP und der CDU zu finden ist. Selbst im „Kampf gegen Rechts“ hat man sich hier bekanntermaßen bereitwillig eingereiht.

„Wer sich selbst den Kampf erklärt (seit wann firmiert konservativ nicht mehr als rechts, zumindest in Teilen), ist längst hirntot“, spottet die Welt-Autorin über jene Zunft. Sie selbst bringt die linke Meute etwa auf Twitter lieber in Rage, kommentiert regelmäßig unsinnige Äußerungen von deren Wortführern („Machen Sie sich doch nicht lächerlich!“), eben weil sie nicht links ist und sich auch entsprechend äußert. Mehr noch, sie wehrt sich offensiv gegen die ausufernde linke Ideologie. Das ist in der heutigen Zeit schon immerhin etwas.

JF 04/23

Anna Schneider bei der Buchpräsentation ‚Freiheit beginnt beim Ich‘ auf der KulturBühne im KulturKaufhaus Dussmann in Berlin Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Thomas Bartilla/Geisler-Fotopres
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