Superwahljahr
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Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines neuen Buchs Foto: picture alliance/dpa | Christophe Gateau

Thilo Sarrazin stellt neues Buch vor
 

Warum Wähler Politikern nicht glauben sollten

Die Leidenschaft für Politik, bekennt Thilo Sarrazin, habe ihn bereits als 16jährigen gepackt. Damals besuchte er eine Wahlkampfveranstaltung des seinerzeitigen FDP-Chefs Erich Mende, in der dieser Stein und Bein schwor, seine Partei werde niemals in ein weiteres Kabinett unter Konrad Adenauer (CDU) eintreten. Wenig später taten die Liberalen genau das und verhalfen „dem Alten“ so zu einer weiteren Kanzlerschaft – und sich selbst zum wenig schmeichelhaften Markenzeichen der „Umfaller-Partei“.

Jahrzehnte später wird sich Sarrazin nach einer Karriere als Spitzenbeamter und Landespolitiker dem Phänomen anhand anderer Beispiele, vor allem anhand einer anderen politischen Führungsfigur widmen: Am Ende ihrer 16jährigen Kanzlerschaft tritt offen zutage, daß Angela Merkel in vielen wesentlichen Punkten genau das Gegenteil von dem zur Regierungspolitik erhob und durchsetzte, was CDU und CSU 2005 in ihrem Wahlprogramm versprochen hatten. Von der Energiepolitik (Ausstieg aus der Kernkraft), der Schulden- und Währungspolitik, der Verteidigungspolitik (Aussetzung der Wehrpflicht) bis zur Asyl- und Migrationspolitik.

Diese 180-Grad-Wenden hat der Erfolgspublizist genauer analysiert und nun unter dem Titel „‘Wir schaffen das’ –  Erläuterungen zum politischen Wunschdenken“ veröffentlicht. Denn daß eine Regierung anderthalb Jahrzehnte das genaue Gegenteil von dem tut, was die sie tragende Partei versprach, sei in einer funktionierenden Demokratie äußerst selten, merkt Sarrazin an. Merkel sei „ein anschauliches Beispiel dafür, wie flexibel ein machtbewußter Politiker sein kann und wie gut die Wähler und Bürger daran tun, wenn sie jenen Politikern, die um ihre Stimmen werben, zunächst einmal gar nichts glauben.“

An „strategischen Weggabelungen“ anders abgebogen

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Am Mittwoch hat Sarrazin sein neuestes Werk in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt –gemeinsam mit dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Arnold Vaatz. Der bekennt in seinen einführenden Worten sehr freimütig, er habe an Entscheidungen mitgewirkt, die der Analytiker Sarrazin in seinem ersten Kapitel – einer „Fallstudie“ der Ära Merkel – kritisiert. Und macht wiederum kein Hehl daraus, daß er, genau wie Sarrazin, es für besser gehalten hätte, wenn die Kanzlerin in den vergangenen 16 Jahren an der einen oder anderen entscheidenden „strategischen Weggabelung“ anders abgebogen wäre. Daß Merkel der „Todesengel“ der CDU sein könnte, soweit mochte Vaatz sich dann allerdings nicht der Resignation hingeben.

Fast genau ein Jahr nach Erscheinen von „Der Staat an seinen Grenzen“ ist der neue Sarrazin diesmal kein 500-Seiten-Opus geworden, sondern ein auf knapp 180 Seiten beschränkter Essay. Der eigne sich, meint der Bestseller-Autor nicht ganz uneitel, hervorragend für alle, die Politikwissenschaften studieren wollen, aber keine Zeit dafür hätten. Auch Erstleser Vaatz lobt, das Buch sei keine reine Anklageschrift. Es habe, ergänzt Sarrazin, eigentlich gar keine zentrale Botschaft – und zwar mit voller Absicht.

Tatsächlich geht es um die politischen (Fehl-)Entscheidungen der scheidenden Regierungschefin und deren Langzeitfolgen zentral nur im ersten Kapitel. Weit mehr Raum nehmen jene Betrachtungen ein, in denen Sarrazin kurz und zuweilen anekdotisch darstellt, welchen widersprüchlichen Bezügen und Zwängen Politiker ganz allgemein ausgesetzt sind. In den mit „Politik und …“ überschriebenen Abschnitten geht es nicht nur um Religion, Philosophie oder Utopie, sondern auch um Freundschaft, Eitelkeit, Logik, Verblendung – genauso wie um Erotik und Alkohol als Begleiter im Getriebe der Macht.

„Mein Ausschluß hat die SPD nicht beflügelt“

Sarrazin müsse, so ermahnt ihn allerdings sein Podiumspartner Vaatz, unbedingt gleich wieder zur Feder greifen, um sich noch intensiver mit der Rolle der Medien zu befassen, die nach Meinung des demnächst aus dem Politikbetrieb scheidenden Christdemokraten etwas zu unterbelichtet geblieben sei.

Endgültig abgehakt hat der frühere Berliner Finanzsenator unterdessen das leidige Kapitel SPD. Die hatte ihn nach mehreren vergeblichen Anläufen im vergangenen Jahr endgültig aus ihren Reihen ausgeschlossen. Er habe sich die Frage gestellt, ob er – wäre er noch einmal 28 Jahre alt – in diese Partei, wie sie sich jetzt präsentiert, eintreten würde; und sei nach reiflicher Überlegung zu dem Ergebnis gekommen: nein.

Daher werde er den Beschluß der SPD-Schiedskommission nun nicht vor einem ordentlichen Gericht anfechten. Sarrazin akzeptiert also formal seinen Rauswurf nach 47 Jahren Parteimitgliedschaft, auch wenn er ihn nach wie vor für inhaltlich unbegründet – „willkürlich und unsinnig“ – hält.

Eine kleine Spitze kann sich der unbequeme Ex-Genosse dann aber nicht verkneifen. Wenn er sich die Umfragewerte der vergangenen zwölf Monate so anschaue, meint Sarrazin, dann habe sein Ausschluß die SPD ganz offenbar nicht gerade beflügelt.

Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines neuen Buchs Foto: picture alliance/dpa | Christophe Gateau
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