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Die dritte Front: Das Ringen um Italien im Zweiten Weltkrieg

Hammel

Klaus Hammel, ehemaliger Generalstabsoffizier, erhebt den Anspruch, die erste umfassende Darstellung aus deutscher Sicht über die Operationen an der südlichen Peripherie seit 1942/43 bis zum Kampf um Rom 1944 vorzulegen. Während die eins­tigen Kriegsgegner den südlichen Kriegsschauplatz sehr ausführlich behandelten, gab es von deutscher Seite bisher nur Teilanalysen.

Im Band 8 des Freiburger Weltkriegswerkes wird das Thema überwiegend unter politischen Aspekten behandelt. Es handelte sich zwar um einen Nebenkriegsschauplatz, doch dieser spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Westalliierten wollten möglichst viele deutsche Truppen binden, gleichzeitig Raum gewinnen, um von Süden her die deutsche Luftverteidigung aufzusplittern; die Deutschen hingegen wollten nach dem Abfall Italiens im September 1943 mit relativ geringen Kräften ein tiefes Vorfeld südlich von Rom behaupten.

Ein Hauptmerkmal des Feldzuges lag in der Überforderung der Wehrmacht, nachdem Rommel nur noch Trümmer seiner einst stolzen Armee nach Tunesien gerettet hatte, gefolgt von den fatalen Anstrengungen, den Brückenkopf Tunesien um jeden Preis zu halten. Eine rechtzeitige Evakuierung hätte immerhin den größten Teil der dort eingesetzten Truppen vor der Gefangennahme bewahrt. Es handelte sich um bewährte Kämpfer, die für die Verteidigung Siziliens und Italiens unersetzlich waren. Zum zweiten trat zutage, daß sich die deutsche Führung 1942/43 in Tunesien und bei Stalingrad auf eine Zerreißprobe einließ, die sie nicht bestehen konnte.

Führung ging großes Risiko ein

Zur Kriegswende an der Ostfront kam der Verlust von 250.000 Mann bei Tunis im Mai 1943, so daß die Südflanke Europas mehr oder minder schutzlos blieb. Außerdem mußte man mit dem baldigen Ausscheiden des verbündeten Italiens rechnen, und den Alliierten stand auch der Sprung auf die Balkanhalbinsel offen. Dennoch ging die Führung das große Risiko ein, sämtliche verfügbare Reserven nochmals an der Ostfront für einen Großangriff konzentrieren. Gleichzeitig mußte die Luftwaffe im Süden, im Osten und über Deutschland einen zermürbenden Dreifrontenkrieg austragen.

Immerhin ließen die hartnäckigen Kämpfe auf Sizilien und in Unteritalien erkennen, daß den Alliierten noch ein mühsamer Feldzug bevorstand. Es kam zu heftigen Kontroversen über die strategisch-operativen Zielsetzung, die den Blick für das real Erreichbare trübten. Auch die rücksichtslose Bombardierung von Zielen, die man unsinnigerweise als Stützpunkte der Deutschen betrachtete, kommt zur Sprache. Die  Befehlshaber der Westmächte standen unter großem Zeitdruck: es sollte möglichst rasch der Durchbruch auf Rom erzwungen werden, um Truppen und Schiffsraum für die geplante Invasion in der Normandie freizumachen, da sonst deren Verschiebung auf die Zeit nach dem 1. Juli 1944 drohte. Man einigte sich schließlich auf eine Landung südlich von Rom bei Anzio und Nettuno.

Die Deutschen bewiesen ihre Überlegenheit in der Truppenführung und verteidigten  geschickt die „Gustav-Stellung“ an der schmalsten Stelle der Halbinsel. Hierbei kamen vor allem Kampftrupps und mutige Einzelkämpfer zur Geltung, die sich das Gelände zum Verbündeten machten. Andrerseits zeigten die Amerikaner zahlreiche Schwächen im Erdkampf und konnten in vielen Fällen ihre massive Überlegenheit bei der Artillerie und in der Luft nicht ausnutzen. Ihre vollmotorisierten Truppen waren im Gebirge unter den winterlichen Bedingungen durchwegs überfordert. Die meisten Fortschritte erzielte das französische Expeditionskorps, dessen Algerier und Tunesier zwar tapfer kämpften, aber Kriegsverbrechen an der italienischen Bevölkerung begingen, die nie geahndet wurden.

Elitetruppe nutzte Gelände meisterhaft aus

Im Zentrum der Darstellung steht die Kriegführung der Alliierten ab Anfang 1944, wobei es Churchill war, der unbedingt einen politischen Erfolg mit der Eroberung Roms erzielen wollte und auf die Landung bei Anzio-Nettuno drängte. Dieser Absicht widerstrebten aber die amerikanischen Generale, denn sie bezweifelten, daß sich die Landungstruppen mit den Hauptkräften an der Cassino-Front vereinigten könnten. Der einzige Erfolg der Landung vom 22. Januar war, daß relativ viele deutsche Truppen am Brückenkopf gebunden wurden.

Die Kämpfe um die Front beiderseits von Cassino und um das berühmte Kloster werden mit einer außergewöhnlichen Genauigkeit dargestellt, wobei der Autor seiner Liebe zum Detail freien Lauf läßt. Es reihen sich taktische Einzelheiten, hauptsächlich auf Bataillonsebene, so dicht aneinander, so daß der Leser Gefahr läuft, die Übersicht zu verlieren. Die Darstellung der drei Cassino-Schlachten bis zum endgültigen Durchbruch der Alliierten Mitte Mai erfüllt höchste Ansprüche, wenn man nicht müde wird, die kleinräumigen Veränderung an Hand der zahlreichen Kartenskizzen zu verfolgen.

Der Kampf der 1. Fallschirmjägerdivision kann als Musterbeispiel dafür gelten, daß eine Elitetruppe, die das Gelände meisterhaft ausnutzt, selbst einem weit überlegenen Gegner widerstehen kann. Die Stadt Cassino wurde wie ein „Klein-Stalingrad“ verteidigt. Allerdings spielten auch Eigendünkel und die Rivalität der alliierten Generale eine erhebliche Rolle.

Rettung der Kunstschätze aus der Abtei Montecassino

Die Umstände, die zur Zerstörung der Abtei Montecassino am 15. Februar 1944 führten, werden ausführlich dargelegt. Dazu gehörten auch die Medien, die eine rücksichts­lose Bombardierung forderten. Die gelungene Rettung der Kunstschätze aus der Abtei durch Oberstleutnant Schlegel wird gewürdigt. Die nachträgliche Ehrung Schlegels seitens der Klostergemeinschaft erhärtet den Sachverhalt, wogegen fragwürdige Texte den Deutschen unlautere Absichten unterstellen.

Der Autor ist bemüht, Licht in die oft polemisch ausgetragene Erörterung über die Kriegsverbrechen auf deutscher Seite zu bringen. Die längste Zeit hindurch galten Partisanen als „Patrioten“ und Vertreter des „besseren Italiens“, um damit den Mythos des „guten Italieners“ zu wahren. Dabei wird ausgeblendet, daß der Krieg in Italien sehr viele Facetten aufwies: Deutsche kämpften gegen die Alliierten, Alliierte gegen Italiener, Deutsche gegen Partisanen, Partisanen gegen Deutsche und die eigenen Landsleute, und ab Mitte 1944 wurde daraus immer mehr ein italienischer Bürgerkrieg mit den Zügen eines Klassenkampfes.

Umstrittenen Opferzahlen auf italienischer Seite

Obendrein zeigten die Alliierten wenig Interesse, die Zivilbevölkerung vor den Auswüchsen des Krieges zu verschonen. Auch die umstrittenen Opferzahlen auf italienischer Seite dienten dazu, die Alleinschuld an den furchtbaren Geschehnissen den Deutschen anzulasten, wenn auch in jüngster Zeit eine Tendenz zur Objektivierung zu bemerken ist.

Es fällt auf, daß viele wertvolle Informationen nicht in den Text eingefügt, sondern in Fußnoten „verpackt“ werden, darunter hochinteressante Exkurse, die leicht dem Blick des Lesers entgehen können. Jedenfalls liegt ein mit großer Gewissenhaftigkeit und höchster Sorgfalt verfaßtes Werk vor, das keinen Vergleich mit Standardwerken zu scheuen braucht.

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JF-Buchdienst: Klaus Hammel: Der Krieg in Italien 1943 – 1945. Brennpunk Cassino-Schlachten. Osning-Verlag, Bielefeld – Garmisch-Partenkirchen 2012, gebunden, 464 Seiten, 26 Kartenskizze, 44 Euro

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