Bildungslastig? – Zum Glück!

Wer "Pisa" verstehen will, befasse sich mit dem Freizeitverhalten der Lehrer. Und zwar historisch. Schnell ist dann hier 1968 als Zäsur erkannt. Bis dahin blieb ein respektabler Teil der Lehrerschaft auch nach Schulschluß um "Bildung" bemüht. Lokalgeschichte und Naturkunde lagen in Heimatvereinen in ihrer Hand, ebenso der Lesezirkel der Volkshochschule. Viele bewahrten lehrend oder forschend Kontakt zur Universität. Dieser Typus starb nach 1968 aus. Sein Nachfolger tat das, was alle taten: fernsehgucken, reisen, Beziehungskrisen entfachen. Der Lehrer personifiziert seitdem keine "geistige Welt", tradiert keinen verbindlichen Bildungskanon mehr. Er hält im Datenmeer inzwischen kaum sicherer Kurs als seine desorientierten Schüler.

Um einen Lehrer alten Typs, gestorben ausgerechnet 1968, im 21. Jahrhundert präsent zu halten, wurde im Frühjahr 2004 in Eckernförde die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft gegründet. Lehmann, geboren 1882, promovierter Anglist, lehrte ein Vierteljahrhundert am Gymnasium des Ostseebades Deutsch und Englisch. Nachmittags und in den Ferien schrieb er: Gedichte, Romane, Essays. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Naturlyriker deutscher Zunge. Denen, die jetzt in „seiner“ Schule unterrichten, ist das freilich Hekuba. Eckernförder Gymnasiallehrer sollen auf den alljährlich Anfang Mai veranstalteten Lehmann-Tagen noch nie gesehen worden sein. Auch andere Honoratioren, früher den „gebildeten Ständen“ zugerechnet, üben sich in Zurückhaltung. Sonst beliefe sich die Mitgliederzahl der Gesellschaft nicht auf – 72.

Die erhielten vor kurzem als Jahresgabe das dritte „Journal“, das Vorträge der Tagung 2007 zum Thema „Naturwissen und Poesie“ vereint. Wie aufs Stichwort fragt der Lyriker Wulf Kirsten dort: „Sind Wilhelm Lehmanns Gedichte bildungslastig?“, um umgehend trotzig zu frohlocken: „Zum Glück!“ So wappnet man sich zwar gegen das nicht nur unter Lehrern triumphierende Banausentum, könnte aber bald in Esoterik abgleiten. Wenn auch nicht zwangsläufig, wie Ulrich Grobers Vergleich von Lehmanns „Bukolischem Tagebuch“ mit dem „Sand County Almanac“ Aldo Leopolds zeigt, beide 1949 erschienen. Der „Almanac“ sei zum „Kultbuch der amerikanischen Umweltbewegung“ geworden, ein „Öko-Klassiker“, dem Lehmanns Naturtagebuch „auf Augenhöhe“ korrespondiere. Trotzdem sei die deutsche „Ökologie-Szene“ ohne Lehmann ausgekommen. Das beweist nichts gegen seine Aktualität, verrät aber viel über die Bildungsdefizite der grünen „Bewegung“, die eben nicht von ungefähr Scharen von Pädagogen als politisches Biotop bevorzugen.

Uwe Pörksen: Wilhelm Lehmann zwischen Naturwissen und Poesie. Journal der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft 3, Wallstein Verlag, Göttingen 2008, broschiert, 87 Seiten, Abbildungen und eine Vignette von A. Paul Weber, 10 Euro

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