Den Kaltschnäuzigen zur Mahnung

Bis 1989 war Wolfgang Thierse einer unter vielen kleinen Opportunisten in der DDR. Anschließend, durch Überanpassung an den zivilreligiösen BRD-Schuldkult, brachte ihn diese Charakterschwäche sogar auf den Stuhl des Bundestagspräsidenten. Augenblicklich, die endlich gefällte Entscheidung für das Zentrum gegen Vertreibungen  kommentierend, meldet sich der in Schlesien geborene, auf die Position des SPD-Hinterbänklers abgerutsche Politiker mit der trillierenden, obschon unzutreffenden Einschätzung zu Wort, der Bund der Vertriebenen werde am Aufbau des Zentrums „zum Glück nicht beteiligt“. Was wiederum Stefan Dietrich in seinem FAZ-Leitartikel vom 25. Oktober 2007 zu der Einlassung provoziert: „Merkwürdig, welche Kaltschnäuzigkeit eine sonst in Betroffenheitsritualen schwelgende Linke gegenüber den Leidtragenden des eigenen Volkes an den Tag legen kann.“

Das verächtliche Ausmaß solcher gutmenschlichen Mischung aus Selbsthaß und Zynismus erschließt sich freilich erst dem, der den Genozid in den Ostprovinzen am Einzelschicksal studiert. Besonders für das Martyrium der Königsberger liegen Zeugnisse vor, die den gern perhorreszierten „Vergleich“ mit Holocaust-Zeugnissen aushalten, nämlich die Berichte Hans Graf Lehndorffs (Ostpreußisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945–1947), von Anneliese Kreutz und Lucy Falk, die bitteren Notate des 1945 sich keineswegs befreit fühlenden  „Geltungsjuden“ Michael Wieck, die seit 1998 in acht Auflagen verbreiteten Schilderungen von Erna Ewert, Marga Pollmann und Hannelore Müller („Frauen in Königsberg“, zuletzt: Bonn 2006). Mit den „Erinnerungen an eine Kindheit in Königsberg 1944–1947“ reiht sich der 1936 geborene Hans-Burkhard Sumowski hier ein, wenn er seinen Weg durch das Inferno des sowjetischen Besatzungsterrors mit Tod, Gewalt und Hunger schildert, welches die Kriegwaise – ähnlich den Wolfskindern in der ostpreußischen Provinz oder in Litauen – durchleiden mußte. Für empfindsame Gemüter ungeeignet, dürfte diese schlichte Erzählung, die man bald zu den „Klassikern“ der Vertreibungsliteratur zählen wird, die „Kaltschnäuzigkeit“ der Thierse und Konsorten jedoch kaum berühren.


Hans-Burkhard Sumowski: Jetzt war ich allein auf der Welt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007, gebunden, 255 Seiten, 19,95 Euro

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