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Tamilen in Deutschland: Hammer Hindus

Tamilen in Deutschland: Hammer Hindus

Tamilen in Deutschland: Hammer Hindus

Nicht Indien sondern das Ruhrgebiet. Der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel in Hamm Foto: picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Martin Kirchner
Tamilen in Deutschland
 

Hammer Hindus

Schwere Schwaden süßlichen Räucherwerks, murmelnd-monotoner Gesang und ekstatische Schreie schwirren durch die Luft. Tausende in farbenprächtigen Gewändern preisen die Göttin Sri Kamadchi Ampal. Beleibte Männer mit entblößtem Oberkörper bohren sich in Trance Haken und Spieße in die Haut. Ein Dutzend Dunkelhäutiger ächzt unter der Last einer kolossalen Göttinnenstatue, die sie langsam auf einem schweren Wagen vorwärts bewegen. Am Ende der Prozession steigen die Gläubigen zum rituellen Bad in die trüben Fluten. Diese Szene spielt nicht in Indien am Ganges, sondern unweit der A2 unter einer Brücke über dem Datteln-Hamm-Kanal, 30 Minuten nordöstlich von Dortmund.

Während des Bürgerkrieges auf Sri Lanka flohen Zehntausende  Angehörige der hinduistischen tamilischen Minderheit vor den Pogromen der buddhistischen Singhalesen. Einige Tamilen verschlug es Ende der achtziger Jahre nach Hamm in Westfalen. Hier, am nördlichen Rand des Ruhrgebietes, gründeten sie eine kleine Gemeinde und richteten im Keller eines Wohnblocks einen kleinen Gebetsraum ein.

Datteln-Hamm-Kanal ermöglicht rituele Waschungen

Doch der Kellerraum platzte bald aus allen Nähten, und die Gläubigen schauten sich nach einer Alternative um. In Hamm-Uentrop wurden sie fündig. Das Gewerbegebiet im Schatten der Kraftwerks-Kühltürme ist ideal, denn es liegt direkt am Datteln-Hamm-Kanal. Die Nähe zum Kanal war der entscheidende Pluspunkt, denn sie erlaubt rituelle Waschungen.

Bei der Stadtverwaltung stieß der Wunsch nach einem Grundstück auf offene Ohren, denn der Gebetskeller im Wohngebiet zog immer mehr Hindus zu Versammlungen und Prozessionen an, was bereits zu Beschwerden der Anwohner führte. Daher stiftete die Stadt gerne einen Baugrund im abgelegenen Industriequartier. Private Spenden, Zuschüsse und Darlehen ermöglichten die Planung eines Tempels.

Der beauftragte örtliche Architekt hatte keine Erfahrung mit hinduistischen Tempeln und orientierte sich daher am Kamakshi-Tempel in Madras, einem der Haupt-Heiligtümer des Hinduismus. Für den reichen Zierat wurden eigens indische Tempel-Handwerker eingeflogen, die Skulpturen und Säulen schnitzten.

Am 26. Juni dieses Jahres  ist es wieder soweit

Vor genau 20 Jahren – im Sommer 2002 – feierten dreitausend Hindus im Hammer Gewerbegebiet die Einweihung des Sri-Kamadchi-Ampal-Tempels mit dem 17 Meter hohen Turm. Er ist das größte hinduistische Heiligtum Europas. Geweiht ist er der Göttin Kamadschi (Sri = respektvolle Anrede, Ampal = Göttin). Das vierarmige Wesen mit dem Elefantentreiberstock gilt als „Göttin mit den Augen der Liebe“ und symbolisiert die weibliche Energie im Universum.

Jedes Jahr im Juni strömen Tausende Hindus aus ganz Europa zum Tempelfest der Kamadchi Ampal. So auch wieder am Sonntag, dem 26. Juni 2022. Dann verläßt die Göttin ihren Schrein und umrundet in einem bunten, lauten Umzug ihren Sitz, um ihre Besucher zu segnen. Kokosnüsse werden als Opfer auf der Straße zerschlagen, besonders fanatische Gläubige rollen sich halbnackt über den Asphalt.

Straßenschuhe, Hunde und Handys sind tabu

Dann geht es um ein paar Straßenecken zum Datteln-Hamm-Kanal, der vom Rhein-Herne-Kanal zum Kraftwerk Hamm führt. In diesem Bereich hat die Wasserstraße keine steilen Spundwände, sondern eine flache Uferböschung, so dass der Einstieg ins rituelle Bad leichtfällt. Nicht nur die Gläubigen waschen sich, auch ein Bild der Göttin wird rituell gereinigt, bevor sie in den Tempel zurückkehrt. Die vorbeifahrenden Binnenschiffer sind mit dem Spektakel längst vertraut.

Nach dem Verständnis der Hindus steht der Tempel allen Interessierten offen, Besucher sind willkommen. Doch sind Straßenschuhe, Hunde und Handys tabu. Das Fotografieren ist außerhalb der Andachten gestattet. Frauen werden höflich gebeten, den Tempel während ihrer Periode nicht zu betreten. Die Göttin wird mit einer Verbeugung mit gefalteten Händen und dem Gruß „Vanakkam“ begrüßt.

Daß man nicht mit Baseballkappe und Eis in ein Gotteshaus latscht, sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist aber bei dem flegelhaften Benehmen deutscher Touristen in Kirchen an Touristenorten nicht ganz sicher. Also bitte angemessenen Respekt vor Sri Kamadchi Ampal, denn sie hat ihn verdient: Ihre Menschenkinder fallen nie durch Aggression und permanente Forderungen auf, und auch von Gewalt gegen Un- und Andersgläubige ist nichts bekannt.

JF 26/22

Nicht Indien sondern das Ruhrgebiet. Der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel in Hamm Foto: picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Martin Kirchner
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