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Transgender-Debatte: Frau sein: Ganz oder gar nicht

Transgender-Debatte: Frau sein: Ganz oder gar nicht

Transgender-Debatte: Frau sein: Ganz oder gar nicht

Mann mit Damenschuhen: Das biologische Geschlecht läßt sich nicht ändern
Mann mit Damenschuhen: Das biologische Geschlecht läßt sich nicht ändern
Mann mit Damenschuhen: Das biologische Geschlecht läßt sich nicht ändern Foto: picture-alliance/ Will_Wintercross / dpa
Transgender-Debatte
 

Frau sein: Ganz oder gar nicht

Die französische Philosophin Simone de Beauvoir schrieb 1949 in ihrer sozialgeschichtlichen Abhandlung „Das andere Geschlecht“, als Frau werde man nicht geboren, man werde dazu gemacht. Sie stieß damit eine Debatte an, die noch heute geführt wird – allerdings in verzerrter Form. Konservative und klassische Feministinnen kämpfen in diesem Fall auf der gleichen Seite. Sie eint die Ablehnung der Vorstellung, Geschlechter seien bloß sozial konstruiert und somit austauschbar. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen.

De Beauvoir führte damals aus, hinter der Kategorie Frau stehe mehr als ein biologisches, psychisches oder wirtschaftliches Schicksal. Damit spielte sie auf den weiblichen Erfahrungshorizont an, der sich aufgrund von Faktoren wie gesellschaftlichen Rollenbildern stark von dem der Männer unterscheide.

Feminismus war lange Zeit ein Kampf von Frauen für Frauen. Mittlerweile verdrängt der sogenannte Queerfeminismus der neulinken Szene dieses Konzept immer mehr. Die Bemühungen um Gleichberechtigung und Chancengleichheit weiten sich nun auch auf „Transfrauen“ aus, also biologischen Männern, die sich als Frauen identifizieren.

Das Offensichtliche auszusprechen, ist plötzlich rebellisch

Das sorgt bei den Feministinnen des alten Schlags für Unmut. Wer die Anerkennung von „Transfrauen“ als vollwertige Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts in Frage stellt, muß mit Ächtung innerhalb der eigenen Szene rechnen. Schließlich wurden Quoten nicht erkämpft, damit sie von biologischen Männern genutzt werden. Entsprechende Vertreterinnen werden als „TERF“ beleidigt. Der Abkürzung steht für „Trans-Exclusionary Radical Feminism“, also radikale Feministinnen, für die Belange von Transsexuellen nicht zum Kampf um Frauenrechte gehören.

Wie heikel es heutzutage mitunter ist, das Offensichtliche auszusprechen, zeigte jüngst auch der Fall der AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch. Anläßlich des internationalen Weltfrauentags verwies sie auf das Beispiel Tessa Ganserer von den Grünen. Das Bundestagsmitglied war unter seinem abgelegten Vornamen Markus in das Parlament eingezogen, der immer noch in seinem Personalausweis steht. Auch biologisch ist Ganserer noch ein Mann. Er identifiziert sich als Frau und möchte die Angabe auf dem Dokument nicht ändern lassen, weil er das Prozedere des Selbstbestimmungsrechts als erniedrigend empfindet.

„Wenn Tessa Ganserer sich selbst für eine Frau hält, ist das seine Privatsache. Er hat jedoch nicht den Anspruch, daß für ihn die Regeln geändert und andere dazu verpflichtet werden, die objektiven Fakten, die Realität zu ignorieren“, sagte von Storch der JUNGEN FREIHEIT vergangene Woche.

Von Storch sorgt sich um Sicherheit von Frauen

Ohne Biologie gebe es auch keine Frauen. Ohne Frauen gebe es aber auch keine Frauenrechte. „Die Geschlechtszugehörigkeit soll von einem reinen Sprechakt abhängig sein. Das wird dazu führen, daß die Schutzräume für Frauen und Mädchen aufgelöst werden, etwa durch Männer im Frauensport, in der Frauendusche oder im Frauengefängnis. Am Ende werden die Frauen die Leittragenden sein“, gab sie weiter zu Bedenken.

Von Storch führt in ihrer Kritik sowohl konservative Argumente als auch die klassischer Feministinnen auf. Letztere Gruppe fürchtet um den Fortschritt in Sachen Schutz und Chancengleichheit von Frauen, den sie die vergangenen Jahrzehnte erstritten haben.

So sorgen sie sich etwa um die Sicherheit von Frauen, wenn künftig auch biologische Männer, die sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen, Zugang zu Frauenhäusern erhalten oder in Frauengefängnissen untergebracht werden. Die englische Philosophieprofessorin und Feministin, Kathleen Stock, wies im Spiegel jüngst auf einen Fall in Leeds hin. Ein Transsexueller hatte in einer Haftanstalt für Frauen eine Mitinsassin sexuell attackiert.

Ganserer zog über Frauenquote ins Parlament ein

Überdies führen Feministinnen wie Stock, Alice Schwarzer oder „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling ins Feld,  biologische Männer drohten die Chancen von Frauen zu gefährden. Ein prominentes Beispiel ist die amerikanische Transgender-Schwimmerin Lia Thomas. Als sie noch bei den Männern antrat, lag sie auf Platz 462 der nationalen Rangliste. Seit dem Vorjahr schwimmt sie nun bei den Frauen mit, brach zahlreiche Rekorde und belegte den ersten Rang unter den Damen.

Auch Ganserer profitierte davon, sich als Frau zu identifizieren. Obwohl in seinem Personalausweis noch das Geschlecht männlich vermerkt ist, zog das Bundestagsmitglied über die Frauenquote ins Parlament ein.

Einige klassische Feministinnen geben an, an sich kein Problem mit Transsexuellen zu haben. Rowling bekundete mehrfach, mit „Transfrauen“ befreundet zu sein. „Ich würde niemals einen Mann daran hindern, sich als Frau zu identifizieren“, sagt auch Kathleen Stock und lobt den gesetzlichen Schutz von Transgendern in der englischen Verfassung. Das biologische Geschlecht ist für sie aber eine andere Sache. Diese sei durch jede Zelle des Körpers festgelegt. Die Vorstellung, diese Tatsache ändern zu können, sei eine Illusion.

Konservative verteidigen realistisches Menschenbild

Für die klassischen Feministinnen verläuft die Linie letztlich dort, wo die Leistung von Frauen unterminiert wird, die als solche geboren wurden. Für die um Ordnung bemühten Konservativen ist die Kritik grundlegender. Hinter der Aufweichung des Geschlechterbegriffs befürchtet der Rechte zunächst den gesellschaftlichen Verfall und einen Auswuchs von Dekadenz.

Wie auch von Storch in ihrer Argumentation anführt, geht es ihnen um ein Menschenbild, das sich an der Realität orientiert. Die Dekonstruktion der naturgegebenen und jahrhundertelang beibehaltenen Kategorie Geschlecht lehnen sie folglich strikt ab.

Während die Ablehnung des Konzepts „Transfrauen“ im rechten Lager wohl weitgehend unstrittig ist, reißt die Debatte eine weite Kluft in die politische Linke. Stock bescheinigt der eigenen Szene zu feige, zu sein, offensichtliche Tatsachen auszusprechen.

Anerkennung oftmals an sichtbare Merkmale geknüpft

Neben den Positionen klassischer Feministinnen und Konservativer tummelt sich eine Schar an „sanften Kritikerin“ in der Mitte. Für einige hängt die Anerkennung von Transsexuellen als Frauen davon ab, wie erfolgreich sie dabei sind, sich in die weibliche Geschlechtskategorie zu integrieren.

So bekundete etwa die Bloggerin Anabel Schunke, „Transfrauen“ als Frauen anzuerkennen, wenn sie sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen und ihren Status rechtlich ändern lassen. Ansonsten handle es sich für sie um verkleidete Männer.

Für weite Teile des politischen Spektrums steht die Anerkennung von männlichen Transsexuellen als Frauen nicht zur Debatte. So stellte die SPD nach von Storchs Rede unmißverständlich klar: „Trans* Frauen sind Frauen. Punkt.“

Mann mit Damenschuhen: Das biologische Geschlecht läßt sich nicht ändern Foto: picture-alliance/ Will_Wintercross / dpa
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