Verzweifelte Frau: „Ich bin wahnsinnig wütend auf den Staat“
Verzweifelte Frau (Illustration): „Ich bin wahnsinnig wütend auf den Staat“ Foto: picture alliance/Bildagentur-online
Wie ein Flüchtling das Leben einer Frau zerstörte

„Der Staat hat mich mit den Folgen seiner Asylpolitik allein gelassen“

Wenn sie von dem folgenschweren Tag im März 2018 erzählt, beginnen ihre Lippen noch heute zu zittern, die Stimme versagt. Es fällt Maria S. (Name geändert) immer noch sichtlich schwer, über den Moment zu reden, der sie aus dem Alltag riß und seither ihr Leben bestimmt. Die 43 Jahre alte Berlinerin sitzt in einer Wohnung im Südosten der Stadt und holt tief Luft: „Vor vier Wochen bekam ich einen Brief von meinem Anwalt: Ermittlungen eingestellt.“ Eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Enttäuschung und Wut spiegeln sich in ihren Gesichtsausdruck wider. Die Augen sind feucht.

Es ist der 2. März 2018. Maria S. geht kurz nach halb zehn Uhr mit ihrem Hund Gassi. Auf dem Fußgängerweg unmittelbar vor ihrer Wohnung tritt plötzlich ein bärtiger Mann vor sie, starrt sie mit haßerfüllten Augen an, versperrt ihr den Weg. Sie will ausweichen, da tritt der Mann ihren Hund. Dann holt er eine leere Bierflasche aus der Jackentasche und prügelt auf die Frau ein. Immer wieder. Wie oft, das kann sie später nicht mehr genau sagen. Sie weiß nur, daß sie die Hände schützend vors Gesicht hielt und sich umdrehte. Daraufhin schlägt der Angreifer auf Rücken und Kopf. Die Jacke dämpft die Schläge einigermaßen, die Kapuze auf dem Kopf nicht. Maria S. geht mit einer Platzwunde am Hinterkopf zu Boden.

Ein Nachbar hört ihre Hilfeschreie. Während er heraneilt, entfernt sich der Schläger. Der Nachbar fordert den Mann auf, stehen zu bleiben. Das macht er nicht. Stattdessen flieht er in die benachbarte Asylunterkunft. Die Polizei findet den Angreifer kurze Zeit später dort. Videoaufnahmen zeigen, wie er kurz nach der Tat das Haus betritt. Es ist nicht nur die eine Körperverletzung, weswegen die Beamten anrücken mußten. Wenige Minuten vor dem Angriff auf Maria S. ging der Asylsuchende in einem nahegelegenen Park bereits auf eine fast 60 Jahre alte Hundebesitzerin los. Er schlug gegen ihren Rücken, schubste sie zu Boden und trat den kleinen Hund. Das Opfer muß wie Maria S. zur Behandlung ins Krankenhaus.

Syrer wird bereits in Frankreich psychisch auffällig

Zwei Frauen, die unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund am helllichten Tag und mitten auf der Straße von einem fremden Mann niedergeschlagen werden. Ein Täter, der von seinen Opfern und einem Zeugen klar identifiziert wird. Und eine Überwachungskamera, die die zeitlichen Abläufe belegt. Warum wurden die Ermittlungen eingestellt? Warum kam es zu keinem Verfahren?

Bei dem Täter handelt es sich um den Syrer Raghed A., 1996 in einer Stadt im Südwesten des Landes geboren. Er floh vor dem Krieg in seinem Heimatland, kam Ende 2015 nach Deutschland, in dem Jahr, in dem die Bundesregierung Hunderttausende Asylsuchende unkontrolliert einreisen ließ. Zunächst kommt Raghed A. in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft unter. Seine Mutter lebt zu dieser Zeit bereits in Frankreich. Nachdem er sie Anfang 2017 besucht, stellt ein Arzt dort eine „Jugendkrise“, einen „posttraumatischen Schock“ sowie „soziale Isolation“ fest. Der Mediziner resümiert: „Da Raghed zurzeit leidet, hat er Gewaltausbrüche, vor allem draußen, beim Versuch mit Leuten zu kommunizieren, und gegenüber seiner Mutter.“

Im selben Jahr kommt er nach Berlin, wo er nervenärztlich behandelt wird. Wegen der psychischen Krankheit stellt die Berliner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung in beiden Fällen ein. „Ausweislich eines vorliegenden ärztlichen Gutachtens ist es nicht auszuschließen, daß der Beschuldigte zur Tatzeit schuldunfähig war, so daß eine Bestrafung rechtlich nicht möglich ist.“ Auch der zivilrechtliche Weg „erscheint kaum erfolgsversprechend, da der Beschuldigte über keinerlei Einkommen und Vermögen verfügt“, muß Marias Anwalt sie vertrösten. Die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigt auf Nachfrage der JUNGEN FREIHEIT die Einstellung der Ermittlungen. Welchen Aufenthaltsstatus Raghed A. zum Zeitpunkt der Tat hatte, konnte die Behörde nicht sagen. Auch strafrechtlich in Erscheinung getreten sei er bis dahin nicht.

„Es hat sich alles verändert, mein ganzes Leben“

„Ich bin wahnsinnig wütend auf den Staat, wie man mit mir als Opfer umgegangen ist. Der Täter ist sofort in die Psychiatrie aufgenommen worden, ihm wurde geholfen, er läuft jetzt wieder frei herum und nach mir, dem Opfer, hat man sich kein einziges Mal erkundigt“, sagt Maria S. „Der Staat hat mich mit den Folgen seiner verfehlten Asylpolitik komplett allein gelassen.“

Tatsächlich kam der Syrer in stationäre Behandlung. Dies war auch ein Mitgrund dafür, warum die Ermittlungen mehr als zwei Jahre dauerten. Immer wieder wurde die Polizei vom behandelnden Arzt vertröstet, als sie den Täter vernehmen wollte. Auch als er entlassen wurde, mußte er nicht aussagen.

Während Raghed A. auf freien Fuß kam, kämpfte Maria S. mit den psychischen Folgen des Angriffs. „Es hat sich alles verändert, mein ganzes Leben.“ Vor dieser Tat arbeitete sie als Servicekraft in einem angesehenen Hotel in Berlin-Mitte. Diesen Job, erzählt die sportliche Frau, habe sie aber verloren, da sie sich nachts nicht mehr in die Bahn traue und mit den arabischen Gästen nicht mehr angemessen umgehen konnte. „Auch weitere Jobs konnte ich aufgrund der psychischen Belastung nicht ausüben“, erzählt die Berlinerin. „Ich bin völlig aus dem Leben gerissen worden.“

Neben den ständigen Angstattacken und dem Schlafmangel kam die gefühlte Bedeutungslosigkeit hinzu. „Du hast das Gefühl, als Mensch nichts wert zu sein, wenn dich jemand einfach mitten auf der Straße angreifen kann, dein Leben zerstört.“ Als sie merkte, daß es so nicht mehr weitergehen kann, suchte sie sich professionelle Hilfe. Doch die Therapeutin habe nur das Ziel gehabt, sie auf eine mögliche Gerichtsverhandlung – zu der es nie kam – vorzubereiten. Habe ihr gesagt: „Sie müssen ja auch mal Verständnis haben für den Täter, wo der herkommt, was der durchlebt hat.“

Ihre Wohnung wurde ihre Festung, die Rollos ihre Mauern

Nach außen hin gab sie sich stark, Nachbarn bemerkten nichts von den psychischen Folgen der Attacke. Innerlich ging es ihr immer schlechter. Sie schottete sich ab. Ihre Wohnung wurde ihre Festung, die Rollos ihre Mauern. Die nach außen gezeigte Stärke sei aber nur der Versuch gewesen, sich nach innen irgendwie zu schützen, sagt sie. Derweil zerbrach die Beziehung zu ihrem erwachsenen Sohn.

Neben den psychischen und sozialen Problemen kamen materielle hinzu. Maria mußte sich arbeitslos melden. „Das alles schlägt so sehr auf die Psyche: Wenn du nicht weißt, wie du dich morgen ernähren sollst, und vorher hattest du noch einen gut bezahlten Job. Ich habe zwischendurch sogar Flaschen gesammelt!“ Das Jobcenter habe sie aufgefordert, ihre Wohnung, für die sie in der Vergangenheit hart arbeitete, zu verlassen: zu groß, zu teuer. „Die setzen mich unter Druck.“ Auch ihr Erspartes mußte sie teilweise erst aufbrauchen, bis sie Geld erhielt.

Bekannte empfahlen ihr schließlich eine andere Therapeutin. Diese diagnostizierte sofort eine posttraumatische Belastungsstörung und schickte sie in eine Traumatherapie in einer Tagesklinik. Das war Ende 2019, fast zwei Jahre nach dem Überfall. In all dieser Zeit hatte sich keine Behörde an sie gewandt. „In der Traumatherapie durchlief ich die Hölle, doch sie schlug an.“ Ihr gehe es jetzt zwar besser, sie sei aber noch nicht in der Lage, sich allein mit Männern aufzuhalten, oder längere Konversationen zu führen.

Unsicher hatte sie sich bis zu dem Angriff nie gefühlt. Sie habe sich auch nach der De-facto-Grenzöffnung vor fünf Jahren keine Gedanken über diese Themen gemacht. „Ich dachte immer, das ist alles so weit weg, davon liest man nur in der Zeitung oder sieht es in den Nachrichten, das passiert anderen, mir nicht.“

„Den Ängsten stellen, sagte die Therapeutin“

Doch seit dem Überfall sei ihr Sicherheitsgefühl erloschen. „Ich weiß nicht, woran es liegt, daß die da oben nicht merken, wie es Leuten wie mir geht, die direkt mit den Folgen der Flüchtlingswelle konfrontiert wurden. Aber das muß sich ändern.“ Dies gelte übrigens für alle Gewaltopfer, egal welcher Nationalität. Vor allem aber für die, die ihr ganzen Leben Steuern gezahlt hätten. „Der Staat muß die Leistungen von uns Opfern berücksichtigen und uns einen angemessenen Zeitraum geben, das Leben wieder auf die Reihe zu kriegen.“

Seit zwei Monaten befindet sich Maria in einer Arbeitstherapie. Sie gibt sich kämpferisch, will auf jeden Fall in ihrer Wohnung bleiben, ihr soziales Umfeld behalten, auch wenn sie durch die unmittelbare Nachbarschaft zum Asylheim nebenan ständig Auslösern ausgesetzt sei, durch die sie an die Tat vor zweieinhalb Jahren erinnerten. Was ihr dabei hilft? Ihr neuer, kräftiger Hund, den sie sich nach der Tat zulegte. Mit dem sei sie mittlerweile sogar schon in Neukölln gewesen. „Den Ängsten stellen, sagte die Therapeutin.“

Ihr nächstes großes Ziel sei es, wieder auf eigenen Beinen stehen zu können – und einen Mann fürs Leben zu treffen. „Hoffentlich finde ich einen, der auch mit der psychischen Störung umgehen kann, die ich seit diesem Tag habe, einem Tag, der mich mein ganzes Leben lang begleiten wird.“

Verzweifelte Frau (Illustration): „Ich bin wahnsinnig wütend auf den Staat“ Foto: picture alliance/Bildagentur-online

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

aktuelles