Der Westen war kein Garten Eden

Der Osten regelt!? Teil I

Die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg haben die Etablierten wie erwartet aufgeschreckt. Angstmache und Anti-AfD-Kampagnen scheinen nicht zu wirken. Es herrscht Ratlosigkeit bei vielen vermeintlichen Demokratieverteidigern, seitdem zahlreiche Bürger der zwei Bundesländer ihr urdemokratisches Recht auf freie Wahlen „falsch“ genutzt haben. Dabei läuft der Feldzug gegen „die Ossis“ bereits, seitdem insbesondere „der Osten“ die von oben verordnete grenzenlose Aufnahme und Verköstigung angeblicher Flüchtlinge nicht ohne weiteres hinnehmen will.

Ostdeutschland ist Kaltland, Dunkeldeutschland. Gerade die Medien und Politiker, die nicht müde werden vor einer Spaltung der Gesellschaft zu warnen und sie alternativen Stimmen in die Schuhe zu schieben, treiben 30 Jahre nach dem Mauerfall einen Keil zwischen alte und neue Bundesländer. Zwanghaft wird versucht, den Neonazi-Umtrieben nach der Wende ein Revival zuzuschreiben, um den „Kampf gegen Rechts“, der längst zur bundesrepublikanischen Staatsräson geworden ist, zu erneuern und in der jungen nachwachsenden Generation zu verankern.

Doch bei all diesem Gerede vom seit Jahrzehnten rechten Osten: Wie sahen die berüchtigten Übergangsjahre der Wende überhaupt im Westen aus und wie haben junge „Wessis“ den Osten wahrgenommen? Möchte man vielen Medien und Politikern glauben, muß „der Westen“ das reinste Paradies gewesen sein, bis man sich leider dazu entschied, Mordor jenseits der Elbe ans Schlaraffenland anzugliedern.

Der Westen war kein Garten Eden

Die alten Bundesländer, gerade die urbanen Ballungsgebiete waren mitnichten ein Garten Eden. Während mit Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda der „Kampf gegen Rechts“ seinen Geburtsmythos erfuhr, wandte sich in meiner westdeutschen Wahrnehmung die Öffentlichkeit von den Problemen meines sozialen Umfelds zwischen Berlin-Steglitz und -Schöneberg, wo ich groß geworden bin, und Gelsenkirchen im Ruhrgebiet, wo mein Vater herkommt, weitestgehend ab.

Während die neuen Bundesländer von der Ostsee bis zur Sächsischen Schweiz zur braunen von Glatzen bevölkerten No-go-Area erklärt wurden, fanden unsere No-go-Areas, die von schwarzen Gelfrisuren geprägt waren, wenn überhaupt nur in Lokalzeitungen Beachtung. Damals nachts am Kottbusser Tor oder durch die Hasenheide schlendern? Keine prickelnde Vorstellung! Während Medien, Politik und Justiz jede dämlich beschmierte Häuserwand zur Staatsaffäre machten, fielen die alltäglichen deutschen- und christenfeindlichen Hunde- und Hurensohn-Beschimpfungen, die jeder meiner westdeutschen Freunde mindestens schon einmal erlebt hat, unter Großstadtfolklore.

Natürlich waren die kriminellen und teilweise tödlichen Übergriffe auf Schwarze, Asiaten und Linke in den neunziger Jahren ein reelles und zu bekämpfendes Problem, das angesprochen gehört. Aber warum wurden ähnliche Bedrohungsszenarien und Fälle mit umgedrehten Vorzeichen geradezu tabuisiert? In den Nachrichten sah auch ich die Molotowcocktails gegen die Ausländerunterkünfte in Rostock fliegen und der Neunjährige, der ich war, lehnte diesen Gewaltexzeß instinktiv ab. Auch meine Freunde und ich hörten von durch Skinheads aufgemischten Schulfeiern und von hinterhältigen Attacken auf Obdachlose, und ich kenne keinen, der diese nicht verurteilt.

Glatzen gehörten nicht zu meinem Alltag

In einer Folge der „Lindenstraße“, die ich mit meinen Großeltern schaute, wurden zwei Männer auf offener Straße grundlos von einem im Militärjeep vorgefahrenen Skin-Mob zusammengetreten. Auch wenn ich diese hunnenartig gezeichnete Gefahr nie selbst live zu Gesicht bekam, entwickelte ich eine tierische Angst vor den Glatzen im Osten. Haarsträubende Horrorgeschichten von mit Nägeln besetzten Baseballschlägern zeigen Wirkung bei einem Kind.

Gleichzeitig fragte sich dieser kleine Junge zunehmend: Wo sind die ganzen Glatzen, von denen alle sprechen? Ich sah sie nämlich in meinem kleinen Universum nicht. Dafür nahm ich andere Mißstände wahr, die ein junger Mensch ebenfalls instinktiv als Ungerechtigkeit empfindet. Nur über diese Dinge wurde selten gesprochen, so daß ich genau dieses Mißverhältnis in der Beachtung als ebenso ungerecht wahrnahm.

In Berlin wurde ich von meinem Vater auf die Großdemo gegen Fremdenfeindlichkeit angesichts der Brandanschläge in Solingen und Mölln mitgenommen. Natürlich war ich gegen das feige Abfackeln wehrloser Frauen und Kinder im Schlaf, aber es folgten viele Momente, in denen ich mich fragte: Warum interessiert ihr euch im Vergleich so wenig für die Geschichten, die bei uns passieren, die ich euch erzähle? Gegen die eine Gewalt zu sein, schließt doch nicht aus, auch gegen die andere Gewalt zu sein.

Zwischen Realität und Komödie

Meine Welt bestand aus West-Berlin, und da hatten wir andere Probleme. Kaum eine Woche, in der es keinen Streß mit „den Türken“ gab. Unsere Realität paßte nicht zu dem von der Gesellschaft ausgerufenen „Kampf gegen Rechts“.

Unsere Sorgen waren keine Skinheads, die einen Campingplatz in Mecklenburg oder einen Jugenclub in Brandenburg stürmten, sondern ob wir vom Schwimmen noch mit unserem Taschengeld nach Hause kommen. Oder daß wir nicht plötzlich an der Bushaltestelle eine „Schelle“ oder „Bombe“ aus einer Gruppe heraus bekommen: „Was guckst du?“ Zumal wenn man sich wehrte oder auch zu mehreren war, am nächsten Tag gleich doppelt so viele dort standen.

Der Komiker Kaya Yanar machte später daraus ein Comedy-Programm, über das sich im Fernsehen rotgesichtige Süddeutsche in karierten Kurzarmhemden aus ruhigen Bilderbuchvorstädten kaputtlachten. Für mich war es gar nicht witzig, ich fühlte mich verhöhnt.

Eltern und Lehrer interessierte es wenig

Die Gewalterfahrung junger Ostdeutscher mit Neonazis haben viele junge Westdeutsche mit Ausländern gemacht. Ersteren wurde Gehör geschenkt, uns hörte niemand zu, geschweige denn sah hin oder unternahm etwas. Wenn man nach der Schule angesichts zerrissener Klamotten von einer üblichen „Was guckst du“-Geschichte berichtete, war die erste Reaktion sogar häufig: „Was hast du denn zu denen gesagt?“ „Mann, eben nichts!“ Neben der Wut auf die Täter gesellte sich die Wut auf die Lehrer und Eltern und ihr realitätsfernes wie eintöniges Gebrabbel von Frieden und Buntheit. „Nazis raus!“ Welche Nazis bitte? Mir haben keine Nazis aufs Maul gehauen.

Stattdessen kamen wir mit blutigen Lippen nach Hause, weil mehrere türkische Jungen „ihren Spielplatz“ nicht mit „scheiß Kartoffeln“ teilen wollten. Neben der typischen bundesrepublikanischen Verhätschelung bekamen wir noch Vorwürfe zu hören, warum wir uns denn auf Gewalt eingelassen hätten. Einige Mütter sind sogar mit uns zurück zum Spielplatz – wir wären am liebsten im Erdboden versunken – und haben versucht mit den türkischen Kindern über die Sinnlosigkeit von Gewalt zu diskutieren.

Als eine Mutter mit ihren Schülerkursen gegen Rassismus anfing, haben wir, aber auch unsere türkischen Gegenüber die Welt nicht mehr verstanden. Selten habe ich mich so allein gelassen gefühlt. Teile meiner Umwelt kamen mir feindselig vor.

Von Ausländern dominierte Jugendgangs

Oder waren die Erlebnisse einfach nicht spektakulär genug? Dabei herrschte Anfang der Neunziger ein aufsehenerregender Konflikt zwischen von Ausländern dominierten Jugendbanden. „36 Boys“, „Black Panthers“ oder „Araba Boys“ hatte jeder bei uns schon mal gehört, bevor er überhaupt das Wort „Landser“ oder „Combat 18“ im Fernsehen aufgeschnappt hatte. Nur wurde diese Eskalation und Gang-Subkultur von der großen Neonazigefahr aus dem Osten in der Berichterstattung weitestgehend verdrängt.

Ähnlich wie die sich zu der Zeit festsetzenden arabisch-kurdischen Clans. Die Namen, die in den aktuell geführten Debatten um Clankriminalität angeführt werden, waren schon damals bekannt. „Ich hol’ Abou-Chaker-Familie“, hörte man immer wieder als Drohung, da dachten die meisten deutschen Journalisten beim Wort „Großfamilie“ noch an den Denver-Clan.

Und deutscher HipHop, der das Clanmilieu später in die Popkultur und das legale Musikbusiness hievte, war noch mehr Fun- als Gangsterrap. Gruppen wie die Fantastischen Vier, Fünf Sterne Deluxe oder Blumentopf, die heute wie ein Malte-Sören-Orchester in Baggypants erscheinen, machten Songs über Partys, Zoff mit der Freundin und den gesellschaftlichen Einfluß von Boybands.

Der Polizist kannte das Wort „abziehen“ nicht

In den Schulen gingen zwar Polizeibeamte umher, verteilten Informationsblätter über Jugend- und Ganggewalt oder gaben im Unterricht Kurse, wie man sich in Bedrohungssituationen verhalten solle. Vieles davon ging allerdings an der Realität vorbei.

Der Beamte in unserer Klasse kannte nicht einmal das Wort „abziehen“ und ging der Diskussion aus dem Weg, von wem größtenteils die Gewalt ausging. Nach zwei Unterrichtsstunden war auch diese kurze Auseinandersetzung mit der allgegenwärtigen „räuberischen Erpressung“ – so der juristische Ausdruck für „abziehen“ – erledigt.

Dafür ging es lieber erneut ins KZ Sachsenhausen. Denn ein lang und breit immer wiederkehrendes Thema war der vermeintlich grassierende Neofaschismus, nicht nur im Unterricht, auch im schulischen Vorfeld. Als ich an einem Schreibwettbewerb einer kleinen Buchhandlung in meinem Kiez mitmachte, war der Preis ein Jugendroman. Natürlich ging es darin um Glatzen in der Schule; es war zum Verrücktwerden. Auf meiner Schule gab es wie bei all meinen Freunden keine Glatzen. Streit gab es fast ausschließlich mit Südländern oder mit Deutschen, die mit Südländern abhingen und sich bald wie diese verhielten, kleideten und sprachen. Aber was sollte man auch machen?

Lesen Sie hier Teil II.

Die Mauerspechte stehen am Ende einer Entwicklung, die in Leipzig und anderen ostdeutschen Städten auf der Straße begann Foto: picture alliance / Ulrich Baumgarten, Filter: JF

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