Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!
Lichtgrenze
Lichtgrenze am Brandenburger Tor: Visualisierung der Lichtgrenze am Brandenburger Tor: Die Erinnerung verzaubert auch das Schlimme Foto: Kulturprojekte Berlin_WHITEvoid / Christopher Bauder

Mauerfall
 

Berlin geht ein Licht auf

Moritz van Dülmen hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Besser gesagt, eine Grenze aus Stehlampen. Mitten durch Berlin. Anders als Walter Ulbricht macht van Dülmen allerdings keinen Hehl aus seinen Plänen. Der Geschäftsführer der Kulturprojekte Berlin will am Wochenende des 9. November mit rund 8.000 aneinandergereihten, durch LED-Lämpchen erleuchtete Stelen „quasi die Stadt teilen“.

Auf den Stelen liegen weiße Ballons, die von Tausenden Ballonpaten mit Botschaften versehen werden. Am Abend des 25. Jahrestags des Mauerfalls („Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt!“ brach es aus Berlins Regierendem Bürgermeister Walter Momper heraus) sollen die Ballons dann in den Himmel steigen.

Die Bürger sind zum Mitmachen aufgefordert

„Lichtgrenze“ nennt sich das Projekt, das auf einem rund 15 Kilometer langen innerstädtischen Teilstück der ehemaligen Mauer an die betonharte Teilung Berlins zwischen 1961 und 1989 erinnern soll. Das Konzept erdachten die Gebrüder Christopher und Marc Bauder, einer Medienkünstler, einer Filmregisseur.

Über mangelnde Aufmerksamkeit müssen sich die beiden wohl keine Sorgen machen: In den zurückliegenden Jahren hat weltweit das Interesse an den tollkühnen Berliner Ereignissen am 9. November und den Wochen danach zugenommen.

Die Paten, die sich um „ihren“ Ballon kümmern und dafür sorgen, daß er gleichzeitig mit allen anderen an jenem Abend aufsteigen kann, können ihre Erinnerungen an den Tag, an dem Berlin innerlich wiedervereint wurde, sowie Botschaften und Wünsche an den Ballons anbringen. Die Bürger sind zum Mitmachen aufgefordert: sowohl vor Ort als auch mit einer virtuellen Ballonpatenschaft. Auf der Internetseite www.fallofthewall25.com gehen jeden Tag neu persönliche Botschaften ein.

Hoffnungssymbol für diese Welt heute

Die Schauspielerin Nadja Uhl war 17, als ihr plötzlich die Welt offenstand – „und ich wünsche mir, daß damit aufgehört wird, die dunklen Seiten dieser Zeit zu verharmlosen“, bezog sie vor der Kamera Stellung. Für Axel Klausmeier, den Direktor der Stiftung Berliner Mauer, ist der 9. November „ein Hoffnungssymbol für diese Welt heute. Wir sehen es ja gerade beispielsweise in Hongkong.“

Österreichs Jung-Außenminister Sebastian Kurz, der in jenen Novembertagen noch in Windeln schlief, sieht im Mauerfall „das Ereignis, das dazu geführt hat, daß meine Generation in einem vereinten Europa aufwachsen durfte“.

Ballonpate Wolfram Ritschl ist Besitzer des Edel-Restaurants „Paris-Moskau“ unweit der Sektorengrenze in Berlin-Tiergarten: „Es gab überwiegend sprudelnde Getränke“, erinnert sich der Wirt an die Nacht, in der er die Spendierhosen anhatte. „Wer sehr müde war, bekam einen Kaffee, viele kamen ja direkt von der Arbeit und wollten mal kurz nach West-Berlin.“

Ritschl kommt ins Erzählen: „Die Euphorie war auch, sich jetzt kennenzulernen, aber es waren zunächst mal Leute, die uns viel weniger vertraut waren als die Franzosen oder die Hamburger oder die Italiener.“ Und setzt dann nachdenklich hinzu: „Wir haben überhaupt nicht geahnt, daß wir in unserem Leben erleben würden, daß die Mauer aufgeht. Das war ein Denkverbot.“

Trotz des Berliner Mauerfalls gibt es noch immer gewaltsam getrennte Völker, und so tritt die Evangelisch-Koreanische Han-In-Gemeinde als Pate auf den Plan, getrieben vom Schmerz um die andauernde Teilung von Nord- und Südkorea.

Filmcollagen aus der Zeit der Mauer

Zusätzlich zur Ballon-Aktion wird es in Abständen von 150 Metern etwa 100 Freiluft-Ausstellungen geben, die sich entlang der „Lichtgrenze“ auf Tafeln mit Mauergeschichte beschäftigen. Dazu kommen Infostände, Führungen und Aussichtstürme.

Einige Orte wie das Brandenburger Tor oder der Checkpoint Charlie werden Filmcollagen aus der Zeit der Mauer präsentieren. Am Brandenburger Tor jedoch macht die Berliner Staatskapelle ganz großen Bahnhof. Daniel Barenboim dirigiert den Schlußsatz von Beethovens Neunter Sinfonie mit der „Ode an die Freude“. Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.

Der Name der zugehörigen Facebook-Seite ist übrigens typisch für eine deutsche Geschichtsveranstaltung: „Fall of the wall 25.“ Deutsche Fahnen: Fehlanzeige. Es geht auch nicht um Fußball. Vielleicht schreibt jemand den frommen Wunsch auf einen Ballon, daß die nächste Gedenkveranstaltung in deutscher Sprache „Mauerfall“ heißen möge. Berlin ist schließlich immer für Wunder und Überraschungen gut.

Oder wie es der Ballonpate und Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), formuliert: „Ich persönlich verbinde mit dem 9. November die Erkenntnis, daß ein Politiker nie nie sagen sollte. Ich habe nicht damit gerechnet, daß die Mauer fiel.“

JF 46/14

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