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Deutsche Burschenschaft
 

Für eine neue Nation

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Bild „Illusionen“ (2013): Eine zeitgemäße Antwort auf „Was ist deutsch?“ Foto: Visiomedia

Ich frage mich, warum Rechte oder Konservative sich oft in einem politischen Ghetto auf Dauer so wohlfühlen. Ganz entfernt dem Stockholm-Syndrom vergleichbar, wo sich Geiseln mit ihrer Lage als Gefangene zu arrangieren beginnen, beobachtet man bei gesellschaftlich Ausgegrenzten, daß sie sich irgendwann mit diesem Zustand anfreunden, ja ihr Reservat am liebsten gar nicht mehr verlassen wollen.

Stellvertretend für ein solches „rechtes“ Milieu stehen die Stundentenverbindungen, die sich in der Deutschen Burschenschaft (DB) zusammengeschlossen haben. Seit einigen Jahren kämpfen die Mitgliedsbünde dieser traditionsreichen Organisation gegen ihre zunehmende Marginalisierung.

Korporationen werden nur noch als Kuriosum registriert

Mit ihren Mitgliederproblemen stehen sie aber nicht allein. Auch andere Korporationsverbände wie Landsmannschaften, Corps, Sängerschaften, Gildenschaften und katholische Studentenverbindungen haben Nachwuchsprobleme – aus demographischen Gründen, aber auch, weil die Bedeutung der Korporationen insgesamt in der Bundesrepublik Deutschland nachgelassen hat. Gehörten in den 1960er Jahren Korporationen an Universitäten noch zum Kern des studentischen Lebens, so werden sie heute in der Regel nur noch als Kuriosum registriert.

Zusammenkünfte von Burschenschaftern erinnern Außenstehende manchmal an Treffen von Star-Trek-Jüngern oder der Reenactment-Szene, deren Akteure sich für einige Stunden kostümieren, um in eine eigene Welt abzutauchen. Eine Welt, die mit der realen, schon dem, was in der eigenen Familie stattfindet, nichts mehr zu tun hat.

Was tun nach der Wiedervereinigung?

Viele Verbindungen pochen um so mehr darauf, unpolitisch oder weltanschaulich neutral zu sein. Die Deutsche Burschenschaft versteht sich jedoch jeher als politische Gemeinschaft und fordert dadurch besonders heraus. Seit der Wiedervereinigung, einem Ziel, dem sich die DB besonders verschrieben hatte und mit deren Erreichen eines ihrer Kernmotive erledigt zu sein schien, verschärfen sich aber Auseinandersetzungen um ihren Kurs.

Das ganze Kuddelmuddel ist eigentlich ziemlich langweilig und unverständlich für Menschen, die mit Verbindungsstudentenwesen nichts am Hut haben. Wie Bauer Mecke in Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ werden sie sagen: „Wat geiht meck dat an!“ und über den sich seit Jahren fortsetzenden Kurs der Spaltung und Selbstmarginalisierung nur den Kopf schütteln. In diesem Mikrokosmos spiegeln sich jedoch Tragödie und Dilemma eines Bundes, der einmal an der Wiege unseres Nationalstaates stand.

Keine klare Haltung zum NS-Widerstand

Zugespitzt hat sich die jüngste Krise der DB an zwei Punkten: Einmal ging es um eine Äußerung Ende 2011 des damaligen DB-Schriftleiters in einem Leserbrief. Dieser hatte dort Wert darauf gelegt, den am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichteten Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als „Landesverräter“ zu bezeichnen und festzuhalten, daß dessen Hinrichtung „rein juristisch“ gerechtfertigt gewesen sei. Diese Äußerung brachte ein Faß zum Überlaufen, weil es der DB schon in den Jahren zuvor nicht gelungen war, eine klare Haltung zum Widerstand einzunehmen. Und zweitens drehte sich die Auseinandersetzung um die Aufnahmekriterien der DB hinsichtlich der Frage „Wer ist Deutscher?“, die sich unter anderem an der Aufnahme eines Deutsch-Asiaten durch eine Burschenschaft entzündete.

Der betreffende Schriftleiter mußte inzwischen gehen, und die Satzung der DB wurde ergänzt in einer Weise, die einen bislang eng ausgelegten Volkstumsbegriff erweitert und die Aufnahme von Deutschen mit ausländischen Wurzeln ermöglicht. Die Auseinandersetzung ist damit aber nicht zu Ende.

Urknall für den geeinten, demokratischen Nationalstaat

Unter neuer Regie erschien jetzt die aktuelle Ausgabe der Burschenschaftlichen Blätter, und sie lassen auf einen inhaltlichen Klärungsprozeß hoffen. Das Heft ist dem Jubiläum „200 Jahre Befreiunsgkriege gewidmet“. In mehreren Beiträgen, darunter von Karlheinz Weißmann und Lothar Höbelt, wird die Bedeutung des Aufstands der Deutschen gegen die napoleonische Besatzung 1813 herausgearbeitet. Es wird der Charakter der doppelten Erhebung deutlich: derjenige gegen den Fremdherrscher Napoleon einerseits und gegen die deutschen Fürsten und Könige andererseits, die an Kleinstaaterei und Zersplitterung festhalten wollten.

Die Formierung der antinapoleonischen Widerstandsbewegung, die in die Freiheitskriege mündete, ist der Urknall für den geeinten, demokratischen Nationalstaat in Deutschland. Die Gymnasiasten, Studenten, Bauern, Adligen, die sich dem Freikorps des Freiherrn von Lützow anschlossen, und dessen in Schwarz gekleidete Soldaten als „brigands noirs“ (Schwarze Briganten) bei den französischen Besatzungssoldaten Schrecken und Ehrfurcht auslösten – sie bildeten den Nukleus, den Kern der künftigen demokratischen Freiheitsbewegung, sie wurde zum Mythos des jungen, revolutionären Deutschland.

Schwarz-Rot-Gold als Symbol der deutschen Einheit

Zwei Lützower Jäger, Friedrich Ludwig „Turnvater“ Jahn und Karl Friedrich Friesen, gelten als „Schöpfer des burschenschaftlichen Gedankens“. Veteranen der Lützower Jäger bildeten auch den Kern der Jenaer Urburschenschaft, die mit dem Wartburgfest 1817 eine erste politische Demonstration abhielt.

Die deutschen Nationalfarben Scharz-Rot-Gold wurden in den Befreiungskriegen geboren, sie zitieren die Uniform der Lützower Jäger: Schwarz mit roten Biesen (Streifen an der Längsnaht der Hose), goldene Knöpfe. Die schwarz-rot-goldene Flagge verbreitete sich schnell als Symbol der deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung, die den Flickenteppich deutscher Fürsten- und Königtümer auflösen und eine demokratische Verfassung für alle Deutschen durchsetzen wollte.

„Bundesbehörde für Gesinnungsschnüffelei“

Diese demokratische Freiheitsbewegung wurde verbunden mit den Begriffen liberal, freiheitlich, freisinnig. Klaus  Goebel beklagt in den Blättern der DB, daß die „heute herrschende politische Sprachregelung schließlich eine Begriffsverengung in Richtung der politischen Linken“ und das Liberale in „einen Gegensatz zum ‘Konservativen’“ gebracht hat. Tatsächlich haben auch rechtsintellektuelle Autoren zur Reduzierung des Liberalen auf einen polemischen Begriff beigetragen wie Armin Mohler, der die „Liberalen“ gar zum „Hauptfeind“ der Konservativen erklärte. Dieser Liberalismusbegriff ist jedoch einer der Schwäche und der Auflösung.

Zur Zeit Metternichs und der von Burschenschaften befeuerten nationalen Emanzipationsbewegung steht der Liberale für einen Kampf gegen Despotie, Zensur und Unterdrückung der Freiheit ersehnenden Bürger. Mit den Karlsbader Beschlüssen (1819) setzte eine Verfolgungswelle gegen die junge Burschenschaft ein. Eine an die Staatssicherheit oder übereifrige Verfassungsschützer erinnernde „Zentraluntersuchungskommission“ bildete die „oberste Bundesbehörde für politische Verfolgung und Gesinnungsschnüffelei“ (Goebel).

Der Stolz auf diesen freiheitlichen Widerstand gegen die Despotie Metternichs, die Erinnerung an die Verfolgungen von Studenten und Patrioten vor der Reichseinigung von oben unter Bismarck sind in der DB ungeteilt. Man könnte schließlich auch Verständnis für den Ordnungsgedanken metternichscher Beamten aufbringen oder sich darüber verbreiten, ob die Aburteilung aufmüpfiger Burschenschafter „rein juristisch“ gerechtfertigt gewesen sei – was zweifellos der Fall war. Merkwürdigerweise gibt es hierüber in der DB aber keine Debatten.

Hingegen gibt es immer wieder peinliche Diskussionen darum, ob sich die Deutsche Burschenschaft heute ohne Wenn und Aber mit dem gleichen Stolz zu den Burschenschaftern bekennt, die dem Widerstand gegen den Despoten Hitler angehörten und ob der NS-Widerstand insgesamt als zu verehrender Teil einer großartigen deutschen Tradition anzuerkennen ist, deren Kern die Sehnsucht nach Ehre und Freiheit ausmacht, Werte, die sich die DB seit ihrer Gründung auf die Fahnen geschrieben hat.

„Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!“

In den Blättern der DB wird in einem Beitrag über die „Weiße Rose 1943 und Befreiungskrieg 1813“ deshalb zu Recht auf die tiefen Verbindungen hingewiesen, die zwischen dem die Befreiungskriege beflügelnden Geist und den patriotisch-studentischen Widerstandsgruppen im Dritten Reich bestanden, daß sich „die Protagonisten der Weißen Rose selbst in eine historische Linie mit jenen gestellt haben, die 130 Jahre zuvor gegen eine ganz Europa okkupierende Tyrannis kämpften“. Die Flugblätter zitierten den Lützower Jäger und 1813 gefallenen Freiheitsdichter Theodor Körner „Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!“ Professor Kurt Huber, geistiger Mentor der Weißen Rose um die Geschwister Scholl, hielt vor dem Volksgerichtshof eine Rede, die „den Geist Johann Gottlieb Fichtes“ geatmet habe. Huber soll seinen Studenten empfohlen haben, „das Schrifttum der preußischen Befreiungsbewegung … zu studieren.“

Wie blind muß man sein, wenn hier der Traditionsanschluß verweigert wird und sich die DB statt dessen bislang immer wieder selbst in eine rechts-reaktionäre Ecke manövriert, die sich mit der Konkursverwaltung des Dritten Reiches beschäftigt. Eine politische Lage, in der ihr dann als parlamentarischer Anknüpfungspunkt nur mehr die rechtsradikale NPD bleibt.

Eine zeitgemäße Antwort auf „Was ist deutsch?“

Wie schwer der DB die Klärung ihrer Haltung zum Volkstumsbegriff fällt, wird in einem anderen Beitrag deutlich. Nicht nur die DB, sondern alle gesellschaftlichen Kräfte suchten nach einer aktuellen Antwort auf die Fragen „Was ist deutsch?“, „Wer ist Deutscher?“ Oder „Was ist Deutschland?“ Fünfzig Jahre nach dem Beginn der modernen Einwanderung im Zuge der Gastarbeiterwerbung hat sich das Bild Deutschlands und des deutschen Volkes gewandelt. An einem engherzigen volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff festzuhalten, der integrationswillige Einwanderer und Kinder von solchen ausschließt, ist realitätsfremd.

Einen Burschenschafter, mit dem ich kürzlich über diese Frage stritt, fragte ich: „Wie viele eurer Bundesbrüder sind mit Frauen verheiratet, die im Ausland geboren oder eingewandert sind! Wollt ihr allen Ernstes deren Kinder oder Neffen die Aufnahme in die DB aus Gründen der Abstammung verweigern?“ Es ist eine Lebenslüge, von der sich die DB – und mit ihr Konservative und Rechte – verabschiedet, wenn sie jetzt ihre Theorie den Realitäten anpaßt.

Avantgarde für einen erneuerten Volkstumsbegriff

Hier liegt aber auch eine große Chance. Die Burschenschaft könnte die Avantgarde für einen erneuerten Volkstumsbegriff sein, der eine neue deutsche Identität vorlebt und definiert, wie eine nationale Integration in Sprache, Kultur und Volk auch mit Einwanderern wirklich gelingen kann. In den Blättern der DB  heißt es: „Die Überbetonung, die dem Begriffspaar ‘Volk und Vaterland’ in den letzten Jahren innerhalb der Deutschen Burschenschaft widerfahren ist, führt in eine Sackgasse.“ Und: „Die Migration wird … den Nationsbegriff nicht unbeeinflußt lassen.“

Die Blätter der DB erinnern in ihrer aktuellen Ausgabe noch einmal daran, wie ihre 1817 formulierten Grundsätze Einfluß auf die liberale Verfassungstradition Deutschlands genommen haben, was in die Überschrift mündet: „An der Wiege des Grundgesetzes steht die Burschenschaft!“ Es wird wachgerufen, daß der erste Präsident der Frankfurter Nationalversammlung von 1848, Heinrich von Gagern, Mitglied der Jenaer Urburschenschaft war und wie viele Burschenschafter als Studenten ihren Kampf für eine freiheitliche demokratische Verfassung mit „Einkerkerung und sogar mit ihrem Leben“ bezahlten, um dann zu beklagen, daß es „Geschichtsvergessenheit und Bösartigkeit“ bedürfe, die DB heute „in eine extremistische oder gar ’verfassungsfeindliche’ Ecke stellen zu wollen“.

Die DB muß dazu aber auch raus aus einer anachronistischen Parallelwelt einer sich selbst genügenden reaktionären Nische. Sie teilt damit das Schicksal vieler Rechter und Konservativer. Raus aus dem Ghetto, die Deutsche Burschenschaft hat eine stolze, freiheitliche, demokratische Tradition! Sie kann im Zentrum einer politisch-geistigen Erneuerung Deutschlands stehen, wenn sie sich ihrer ursprünglichen Rolle als freiheitlich-patriotische Avantgarde wieder bewußt wird.

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Dieter Stein, Jahrgang 1967, ist Chefredakteur der JF. Selbst ist er Mitglied der Studentenverbindung Deutsche Gildenschaft (DG)

JF 41/13

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