Breivik

„2083“
 

Ein teuflisches Manifest

Breivik
Der Attentäter Anders Behring Breivik in seiner Phantasieuniform Foto: JF

Zweiunddreißig Jahre ist er alt, wohnt bei seiner Mutter und hat zuviel World of Warcraft gespielt: Die ersten Nachrichten über den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik bedienten noch das Klischee des plötzlich Amok laufenden Sonderlings – sein im Internet kursierendes Manifest „2083 – A European Declaration of Independence“ zeigt jedoch ein ganz anderes Bild. Statt der „wirren, kruden Phantasien“, die man aufgrund der ersten Berichterstattung erwarten könnte, irritiert das 1518 Seiten lange Elaborat gerade durch formale Professionalität, ideologische Stringenz und strategische Durchdachtheit, die der Kaltblütigkeit der Hinrichtungen entsprechen.

Nach einer langen Einleitung, die den Leser zur Verbreitung der in neunjähriger Arbeit entstandenen Schrift auffordert und das Feindbild des „Kulturmarxismus“ entwirft, widmet sich das erste Buch auf rund 240 Seiten der „multikulturalistischen Propaganda“, die eine Zerstörung der europäischen Identität bewirkt habe. Insbesondere würden der Kreuzzugsgedanke und der Islam verzerrt dargestellt: ersterer verdammt, letzterer, entsprechend dessen vorsätzlicher Täuschung der Ungläubigen, beschönigt.

Das zweite Buch behandelt unter dem Titel „Europe Burning“ auf knapp 500 Seiten die krisenhafte Gegenwart, die vom „kulturmarxistischen Übel“ und dessen diversen Erscheinungsformen, darunter Feminismus und „selbstmörderischer Humanismus“, beherrscht werde. Im dritten Buch erklärt Breivik den linken Verursachern der europäischen Dekadenz (nicht den Muslimen, die nur deren Symptom seien) den „Präventivkrieg“, ruft zu einer „konservativen Revolution“ auf und umreißt die Phasen eines künftigen Bürgerkriegs.

Am Horizont dämmert Eurabien herauf 

Sämtliche Bestandteile der ersten beiden Teile dieser bedrückenden „Studie“ sind innerhalb der rechtskonservativen Diskurse wohlbekannt, was in islamisierungskritischen Internetforen wie Politically Incorrect bereits zu der Diskussion führte, ob man nicht, wie die Mainstream-Medien lauthals verkündeten, eine Mitverantwortung für die Terrorakte trage.

Breivik läßt in der Tat nichts aus: Seine Kritik der gegenwärtigen Zivilisation benennt die Macht der Multikulturalisten über Parteien, Medien und Bildungsinstitutionen, leitet deren Erfolg aus der Abkehr vom klassischen Marxismus mit seiner Fokussierung auf die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel zugunsten eines Kampfes um die kulturelle Hegemonie her, erläutert die diesbezüglichen Theorien von Antonio Gramsci und der Frankfurter Schule und erkennt als zentralen Gedanken der kulturalistischen Linken einen umfassenden Egalitarismus.

Dieser zeige sich im globalen Kampf gegen die Vielfalt der Völker und innenpolitisch in der Schwächung der Volkskräfte durch die Zerstörung der traditionellen Familie und die Förderung einer ungebremsten muslimischen Zuwanderung, die neben dem militärischen auch dem demographischen Dschihad den Weg ebne. Am Horizont dämmert Eurabien herauf, und die Zwischenstation ist eine totalitäre „EUdSSR“.

Breivik ruft dazu auf, rechte Parteien zu unterstützen

Als wäre Breiviks Buch eine teuflische Parodie von Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“, wartet es mit umfänglichen Statistiken auf, und als Parodie von Geert Wilders’ „Fitna“ kann sein bei Youtube zeitweise eingestelltes Propagandafilmchen angesehen werden. Einwanderungskritische Parteien, die er nach Ländern geordnet aufzählt, empfiehlt er zu unterstützen, als wollte er sie alle gleichermaßen in den klebrigen Dreck seiner Blutspuren ziehen.

Ausführlich verweist er auf islamkritische Foren wie Gates of Vienna und Blogger wie Fjordman, den er, neben Kant, Mill, Orwell und Kafka zu seinen Lieblingsautoren zählt, und nebenbei verwendet er den Titel von Henryk M. Broders Streitschrift „Hurra – wir kapitulieren“ als Kapitelüberschrift. Bald erscheint sein beklemmendes Opus wie eine Doktorarbeit – einschließlich der heute üblichen ausgiebigen Abschriften –, bald wechselt es seine schillernde Gestalt und kommt als Tagebuch daher, in dem sich ein „normaler“ junger Mann vorstellt und von seinen Hobbys erzählt. 

Einerseits ein waberndes Konvolut, dann Kampfschrift sowie im letzten, umfangreichsten Teil Entwurf eines neuen Tempelritterordens, als dessen „Justitiar Knights Commander“ sich der ehemalige Freimaurer bezeichnet. Die Darlegung der künftigen subversiven Kriegführung des Tempels veranschaulichen Beschreibungen der Vorbereitung beider Attentate. Als Fernziele sieht Breivik die Repatriierung der Muslime sowie eine Neuordnung Europas und des Nahen Ostens an, in dem er christliche Pufferstaaten gegen die muslimische Welt errichten will. Auf den Fotos der letzten Seiten posiert er, nach einem umfangreichen Glossarium, in Phantasieuniform sowie mit Taucheranzug und Gewehr.

Der Wutbürger als potentieller Terrorist

Pseudo-Akademiker, rechtsintellektueller Publizist und moderner Kreuzritter sind die Identitäten, die er sich überstülpt und die sein „Profil“ wie künstlich entworfen erscheinen lassen, um den Wutbürger als potentiellen Terroristen zu enttarnen und die gesamte freiheitliche Rechte zu diskreditieren.

Mit deren politischer Praxis haben seine Allmachtsphantasien jedoch nicht das geringste zu tun – und noch weniger sein Determinismus: Obwohl er den Rassismus ausdrücklich zurückweist, liegt es seiner Auffassung nach offenbar in den Genen, ob jemand Multikulturalist oder Muslim wird; die Möglichkeit, daß jemand seine Überzeugung ändert oder modifiziert, ist für ihn offenbar so abwegig, daß sein Programm selbst für jugendliche „Kulturmarxisten“ nur die Exekution und für Muslime Deportation und – al-Qaida kopierend – „heiligen Krieg“ vorsieht.

Von einem aufgeklärten Diskurs, den gerade Kant und Mill fordern und der auch einem demokratisch-konservativen Politikverständnis zugrunde liegt sowie von einer an nationalen Interessen und möglicher Integration orientierten Zuwanderungspolitik ist solcher Fatalismus äonenweit entfernt – und eine rationale Kritik politischer Mißstände wird auch in Zukunft nicht mit dem Hinweis verboten werden können, daß ein Psychopath aus diesen das Recht abgeleitet habe, die Urheber zu eliminieren.

JF 31-32/11

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